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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2021

Motivationsspritze für Unternehmen

Der Inklusionspreis Berlin zeichnet engagierte Arbeitgeber aus – in der Krise zeigt sich, wie viel es noch zu tun gibt

Auszeichnung für Vielfalt unter Azubis: Seit dem vergangenen Jahr wird der Inklusionspreis Berlin auch in der Kategorie „Inklusive Ausbildung“ verliehen. FOTO: GETTY IMAGES

Strenge Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie und daraus resultierende wirtschaftliche Unwägbarkeiten begleiten Unternehmen und ihre Mitarbeitenden seit mehr als einem Jahr. Umso mehr gilt es, das Engagement von Berliner Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern zu würdigen, die in dieser Situation schwerbehinderte Menschen vorbildlich ausbilden oder beschäftigen.

Seit 2003 vergibt das Land Berlin an sie den Berliner Inklusionspreis. Verliehen wird der mit jeweils 10.000 Euro dotierte Landespreis in vier Kategorien. Abhängig von der Unternehmensgröße wird er an kleine, mittelständische und Großunternehmen vergeben. Ein weiterer Preis wurde für die inklusive Ausbildung geschaffen. Für diese Kategorie sind auch anerkannte Inklusionsbetriebe aufgefordert, sich zu bewerben.

Aktuelle Entwicklung relativiert Erfolge

Das Bewerbungsformular finden Interessierte auf der Seite des Berliner Landesamts für Arbeit und Soziales (LAGeSo). Noch bis zum 31. Juli 2021 haben sie Zeit, um ihre Unterlagen einzureichen. Die diesjährige Preisverleihung erfolgt am Freitag, dem 19. November. Mitmachen beim Berliner Inklusionspreis 2021 können alteingesessene Firmen ebenso wie Start-ups oder Neugründungen. Auch Teilnehmer der Vorjahre sind herzlich eingeladen, betont Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, die den Preis gemeinsam mit Michael Thiel, dem Leiter des LAGeSo, auslobt.

"Allein von März bis April erhöhte sich die Zahl arbeitsloser Menschen mit Schwerbehinderung um mehr als 10.000."

Prof. Dr. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute

Wie wichtig es gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ist, engagierte Arbeitgeber für das Thema Inklusion zu gewinnen, zeigt das „Inklusionsbarometer Arbeit 2020“. Die im Auftrag von Aktion Mensch vom Handelsblatt Research Institute durchgeführte Studie zeigt, dass im Oktober 2020 13 Prozent mehr Menschen mit einer Schwerbehinderung arbeitslos waren als im Vorjahr. Damit sind derzeit 173.709 Menschen mit Behinderung ohne Arbeit – der höchste Wert seit 2016.

Für Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, markieren diese Zahlen eine Trendwende. „Seit 2013 verbesserte sich die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung fast stetig“, merkt er an. „Doch die rasant negative Entwicklung in diesem Jahr macht in kürzester Zeit die Erfolge der letzten vier Jahre zunichte. Allein von März bis April erhöhte sich die Zahl arbeitsloser Menschen mit Schwerbehinderung um mehr als 10.000“.

Menschen mit Handicap suchen länger nach Jobs

Zwar träfen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auch Menschen ohne Behinderung. Es sei allerdings zu erwarten, dass sie schneller wieder einen neuen Job fänden. „Haben Menschen mit Behinderung ihren Arbeitsplatz erst einmal verloren, finden sie sehr viel schwerer in den ersten Arbeitsmarkt zurück als Menschen ohne Behinderung“, gibt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, zu bedenken. „Im Durchschnitt suchten arbeitslose Menschen mit Behinderung schon letztes Jahr 100 Tage länger nach einer neuen Stelle als Menschen ohne Behinderung.“ In dieser Situation kommt Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen also eine besondere Verantwortung zu. Der Berliner Integrationspreis möchte dafür einen Anreiz schaffen. JUDITH JENNER

Malerei wie ein Tagebuch

Die ehemalige Schauspielerin Belhe Zaimoglu malt großformatige, bunte Bilder, die einen Einblick in ihr Innerstes preisgeben
Belhe Zaimoglu malt Ihre Bilder unter dem Namen Belruby. FOTO: KIRSTEN NIEMANN
Belhe Zaimoglu malt Ihre Bilder unter dem Namen Belruby. FOTO: KIRSTEN NIEMANN
Wer den Namen Belhe Zaimoglu googelt, landet zunächst auf einem Filmportal – und nicht bei einer Kunstausstellung. Belhe war einmal Schauspielerin. Früher, in ihrem alten Leben. Sie spielte am Theater und drehte Filme. Das Künstlerische liegt in der Familie: Der preisgekrönte Schriftsteller Feridun Zaimoglu ist ihr großer Bruder und Vertrauter. Doch 2007 änderte sich das Leben der Frau mit dunklem Haar, ausdrucksstarken Augen und markantem Kinn grundlegend. Erst erlitt sie einen schweren Bandscheibenvorfall, dann kamen zwei Operationen. Es folgte eine Schwerbehinderung. Später die Depression. „Was soll ich bloß mit meinem Leben machen?“, fragte sie sich. Mit ihrer Psychotherapeutin habe sie „viel gequatscht“, aber nach vorne brachte es sie nicht wirklich. Bis die Therapeutin ihr eine Kunsttherapie ans Herz legte. Belhe Zaimoglu winkte ab. Sie könne nicht malen, zeichnen schon gar nicht. Aber glücklicherweise hat sie dann doch noch zu Pinsel und Farben gegriffen. „Die Malerei ist mein bester Freund geworden“, sagt die 53-jährige Deutschtürkin, die ihre Leinwand füllt wie ein Tagebuch.

Seit 2013 ist Belhe Zaimoglu nun Malerin. Künstlerische Unterstützung erhielt sie im Offenen Atelier St. Hedwig, wo viele psychisch kranke Menschen eine künstlerische Heimat gefunden haben. Angeleitet werden sie nicht nur von einer Therapeutin, sondern auch von einer Künstlerin. Das ist wichtig, denn tatsächlich kann sich deren Kunst mit den Arbeiten etablierter Künstler messen.
Belhe Zaimoglu: Corona, 2020. Mischtechnik, 160 x 124. FOTO: BELHE ZAIMOGLU
Belhe Zaimoglu: Corona, 2020. Mischtechnik, 160 x 124. FOTO: BELHE ZAIMOGLU
Werke bestechen durch hohe Authentizität

Die erste Ausstellung hatte Belhe Zaimoglu im Jahr 2015 in der Galerie Art Cru, einer Galerie für „Outsider Art“, die sich der Kunst von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung oder geistigen Belastungen verschrieben hat. Eine zweite Ausstellung folgte 2019. Derzeit bewirbt sie sich um eine Nominierung für den renommierten Losito Kunstpreis. Unterstützung findet sie bei der Galeristin Alexandra von Gersdorff-Bultmann, Gründerin des Offenen Ateliers St. Hedwig und der Galerie Art Cru. Außenseiterkunst sei ein wichtiger Bestandteil der Gegenwartskunst, findet die Galeristin. Die besondere Wahrnehmung dieser Künstler und Künstlerinnen äußere sich in einzigartigen Kunstwerken von hoher Authentizität.

Verspielt sind Belhe Zaimoglus Bilder, gefühlsbetont und bunt. „Depressionen sind nicht schwarz“, sagt sie. Mit Kreide, Pastell oder Acrylfarbe bringt sie rätselhafte Kompositionen auf die Leinwände. Sie malt, was sie umtreibt und was sie schmerzt: das Coronavirus, das sie um ihre Eltern in der Türkei bangen lässt, oder den Schauspielerkollegen und Freund Birol Ünel kurz vor dessen Tod. Immer wieder das eigene Gesicht und ihre über alles geliebte, im letzten Sommer verstorbene Hündin Ruby, zu der sie eine symbiotische Beziehung pflegte. „Belruby“ – so lautet ihr Künstlername. „Bevor du deine Tuben ausquetschst, musst du deine Seele ausquetschen“, sagt die extrovertierte Künstlerin. „Dann geht es dir besser.“ KIRSTEN NIEMANN
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