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Inklusionspreis Berlin 2021

Unabhängig von A nach B

Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil selbstbestimmten Lebens. Gute Konzepte gibt es – doch es hapert an der Umsetzung

25 Inklusionstaxis rollen durch Berlin. Ziel sind 250, was ungefähr vier Prozent der Taxis entspricht. FOTO: GETTY IMAGES

Selbstbestimmt mobil zu sein ist für Menschen mit Behinderung von zentraler Bedeutung. Schließlich ist Mobilität eine Voraussetzung für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe. Doch genau daran hapert es in Berlin noch, meint der Vorsitzende des Berliner Behindertenverbandes, Dominik Peter: „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es fehlt noch an vielem. Autonomes Fahren wäre schön, das würde vielen Menschen helfen.“

Sonderfahrdienst nicht immer zuverlässig

Aber so weit ist es noch nicht. Was bleibt, sind der Sonderfahrdienst für Menschen mit Behinderung (SFD) und die Inklusionstaxis. Um den Sonderfahrdienst nutzen zu können, benötigen Berechtigte eine Magnetkarte, die sie beim Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSo) beantragen müssen. Einen Teil der Kosten müssen die Nutzer selber tragen. Eine Tatsache, mit der sie leben könnten. Was sie bemängeln, ist das Fehlen an Spontaneität. „Ich muss solch eine Fahrt lange im Vorfeld anmelden. Und hinzu kommt, dass die Wagen oft nicht so pünktlich sind, wie es für einen Theater- oder Konzertbesuch dringend nötig wäre“, erklärt Dominik Peter, der selbst im Rollstuhl sitzt. Mehr als sieben Millionen Euro steckt der Senat jährlich in den SFD – doch die Nutzer würden sich regelmäßig darüber beschweren. Der Vorteil am Sonderfahrdienst: Er bietet auch die sogenannte „Treppenhilfe“. Menschen, die ihre Wohnung nicht alleine verlassen können, werden dort abgeholt und zum Auto geleitet.

"Autonomes Fahren wäre schön, das würde vielen Menschen helfen."

Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes

Um mobil eingeschränkten Menschen mehr Spontaneität zu ermöglichen, wurde 2016 das Projekt „InklusionsTaxis des Sozialverbandes Deutschland, LV Berlin-Brandenburg“ gestartet. Unterstützung dafür gab es von der Aktion Mensch. In Berlin fahren zurzeit 25 solcher Inklusionstaxis von neun Taxiunternehmen, meistens Großraum-Limousinen (Vans), die so umgebaut sind, dass die Heckklappe als Auffahrrampe für Rollstühle genutzt werden kann. Zielmarke sind eigentlich 250 Inklusionstaxis, was etwa vier Prozent der Berliner Taxis entspräche.
Unternehmen können ihre Großraumtaxis kostenlos in barrierefreie Taxis umrüsten lassen. FOTO: SOZIALVERBAND DEUTSCHLAND
Unternehmen können ihre Großraumtaxis kostenlos in barrierefreie Taxis umrüsten lassen. FOTO: SOZIALVERBAND DEUTSCHLAND
„Mir haben Taxifahrer gesagt, dass sie gerne ihre Fahrzeuge umbauen würden. Aber das klappt nur bei den großen Vans. Dafür seien die Anschaffungskosten jedoch zu hoch – und gefördert wird nur der behindertengerechte Umbau, nicht die Anschaffung“, erläutert der Vorsitzende des Behindertenverbandes.

Ursula Engelen-Kefer, die Vorsitzende des Sozialverbandes Deutschland – Landesverband Berlin-Brandenburg, meint jedoch: „Es gibt genügend Taxiunternehmen, die bereits Großraumtaxis für bis zu acht Fahrgäste betreiben. Diese Unternehmen können die Wagen kostenlos zum barrierefreien Taxi umrüsten lassen und so zusätzliche Fahrgastgruppen erschließen – und höhere Umsätze erwirtschaften.“ Die Umbaukosten werden zu hundert Prozent gefördert, eine Investition mit Vorbildcharakter in Deutschland. Gefahren wird dann zum normalen Taxitarif.

Behinderte Menschen wollen keine Sonderwelt

Die Ausweitung des Konzeptes hakt an verschiedenen Ecken. „Zum einen ist die Investitionsbereitschaft der Taxiunternehmen in Neufahrzeuge durch die pandemische Lage sehr eingeschränkt. Zum anderen sollten die Fahrten eigentlich nicht teurer sein als die Fahrten mit dem SFD. Denn Fahrten im Inklusionstaxi kosten das Land Berlin deutlich weniger als der Unterhalt des SFD. Dennoch müssen die Menschen mit Behinderung dafür einen höheren Eigenbetrag zahlen“, zeigt Engelen-Kefer das Dilemma auf. Als besonders wichtig sieht sie derzeit auch die Fahrten zu den Impfzentren mit Inklusionstaxis an: „Wir sind dazu gerade mit Gesundheitssenatorin Kalayci im Gespräch, dass der Verweis auf Inklusionstaxis gleich mit in die Einladungsschreiben aufgenommen wird.“

Ein Lob hat Dominic Peter für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Er würde immer besser werden, immer mehr Bahnhöfe würden barrierefrei umgebaut – allerdings lägen sie etwas hinter dem Zeitplan, was der Bürokratie geschuldet sei. Bis zu 50 unterschiedliche Ämter müssten bei solch einem Umbau involviert werden, so Peter. Und immer wieder gäbe es kaputte Aufzüge. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Reparatur teilweise Wochen dauert. Da viele Bahnhöfe nur einen Fahrstuhl haben, ist der dann für behinderte Menschen nicht mehr erreichbar“, sagt Peter.

Wer autonom fahren möchte, für den bleibt immer noch der Umbau eines Automatikautos auf Handgas. Doch der Umbau wird meist nur für Personen bezuschusst, die noch im Arbeitsleben stehen. Dann springt der jeweilige Leistungsträger ein: Krankenkasse, Rentenkasse oder Arbeitsamt.

Dominic Peter würde sich wünschen, dass bei neuen Konzepten (etwa beim Berlkönig) von Anfang an barrierefrei gedacht würde – „um so weniger muss eine Sonderwelt für uns Behinderte geschaffen werden“. SIMONE JACOBIUS
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