Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2021

Unterschiedliche Konzepte – ein Ziel

Die vier Gewinner des Inklusionspreises 2020 beweisen jeden Tag, warum sich inklusives Arbeiten für alle auszahlt

Preisverleihung: Bezirksbürgermeister Martin Hikel mit Michaela Stanik, Bezirksamt Neukölln. FOTO: SANDRA RITSCHEL

Gelebte Teilhabe

In der Kategorie „Inklusive Beschäftigung – Großunternehmen“ ging der Inklusionspreis an das Bezirksamt Neukölln
Simone Lasch arbeitet als Sachbearbeiterin im Bauaktenarchiv. Einige Kollegen waren erst etwas unsicher im Umgang mit der stark Hörgeschädigten. Aber das hat sich schnell gelegt. Simone Lasch hat ein Büro für sich allein, verständnisvolle Vorgesetzte sowie Kollegen und einen Job, der ihr Spaß macht. „Ich gehe jeden Morgen gerne zur Arbeit“, sagt die Sachbearbeiterin. Seit Kurzem verstärkt ein stark sehbehinderter Verwaltungsangestellter das Team. Rund 100.000 Euro kostet es, einen Arbeitsplatz für einen sehbehinderten Mitarbeiter auszustatten. 85 Prozent davon wurden mit Fördermitteln finanziert. Das Geld ist gut investiert, findet der Bezirksbürgermeister Martin Hikel: „Vielfalt ist Normalität in Neukölln, dazu gehört eben auch, jeden Menschen mit seinen Fähigkeiten ernst zu nehmen und mitzunehmen.“ Unter den knapp 2000 Mitarbeitern finden sich 185 Schwerbehinderte. Das entspricht einer Beschäftigungsquote von mehr als sieben Prozent – also weit über den gesetzlichen Vorgaben. Vorbildlich ist das Bezirksamt auch in der Ausbildung von Nachwuchskräften: Von 97 Auszubildenden sind sechs schwerbehinderte Jugendliche.

Die Helfer vom Dienst

Sieger in der Kategorie „Mittelständische Unternehmen“: die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)
Die Amerika-Gedenkbibliothek ist Berlins Zentral- und Landesbibliothek, kurz zlb. FOTO: ANNETTE RIEDL/DPA
Die Amerika-Gedenkbibliothek ist Berlins Zentral- und Landesbibliothek, kurz zlb. FOTO: ANNETTE RIEDL/DPA
Der junge Mann schaut Fremden nicht gerne in die Augen. Er ist schüchtern, eher kein Team-Mensch. Chaos verwirrt ihn, er mag Ruhe und Ordnung. Bücher nach ihren Signaturen zu sortieren und auf Kante ins Regal zu stellen, das kann er gut. Teilhabe wird bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin großgeschrieben. Rund zehn Prozent der Mitarbeiter haben eine Behinderung, sie arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen. Alleine das wäre preiswürdig. Zusätzlich sind an den beiden Standorten der Bibliothek 24 Menschen der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH (BWB) beschäftigt, mit denen die Bibliothek seit 2017 kooperiert. Bei jährlich 3,6 Millionen Entleihungen müssen nach der Rückgabe nicht weniger als 3000 bis 5000 Medien pro Tag an Ort und Stelle geräumt werden. Den Großteil dieser Aufgaben übernehmen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der BWB. Sie fühlen sich wohl an ihrem Arbeitsplatz und identifizieren sich mit dem Arbeitgeber. Qualifizierte Gruppenleiter begleiten diese Menschen vor Ort und geben ihnen so die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Damit erhöhen sich ihre Chancen auf einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt erheblich.

Fit für den ersten Arbeitsmarkt

Die Mosaik-Services bilden seit mehr als 30 Jahren aus – dafür gab es einen Preis in der Kategorie „Inklusive Ausbildung“
„Azubis-Coaches“ helfen den Jugendlichen, selbstbewusst mit ihrem Handicap umzugehen. FOTO: MOSAIK
„Azubis-Coaches“ helfen den Jugendlichen, selbstbewusst mit ihrem Handicap umzugehen. FOTO: MOSAIK
Fenja leidet unter Diabetes Typ 1. Sie muss regelmäßig Pausen machen, um ihren Blutzuckerspiegel in Schach zu halten. Yasser hört sehr schlecht und Sedan hat eine Lernschwäche. Nach einem zweiwöchigen Praktikum und einem Einstellungstest stand für alle drei fest, dass sie ihre Ausbildung bei den Mosaik-Services absolvieren möchten. Inzwischen lässt Fenja sich zur Bürokauffrau ausbilden, Yasser zum Maler und Sedan arbeitet in der Gastronomie. „In den letzten 30 Jahren konnten wir vielen Menschen mit Behinderung zu einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss und damit zur Teilhabe am Arbeitsleben verhelfen. Das erfüllt uns mit Stolz, denn damit leisten wir einen Beitrag zu einer inklusiveren Gesellschaft“, sagt Frank Jeromin, Geschäftsführer Mosaik-Services Integrationsgesellschaft GmbH. Spezielle Vorbereitungs-Workshops unterstützen die Azubis bis zu ihrem erfolgreichen Abschluss. Die Jugendlichen sind dann nicht nur fachlich fit. Sozialpädagogische Betreuer unterstützen sie darin, selbstbewusst mit ihrem Handicap umzugehen. Schließlich haben sie noch viel vor: Yasser hat den Meistertitel im Visier, Fenja möchte später studieren und Sedan träumt von seinem eigenen Restaurant.

Chance in der Paradiesfabrik

Kathrin Hennrichs Gartenbaufirma in Berlin-Johannistal setzt sich in der Kategorie „Kleinunternehmen“ durch
Von den 18 Mitarbeitern der Gartenbaufirma haben drei eine Beeinträchtigung. FOTO: CHRISTIAN GOHDES
Von den 18 Mitarbeitern der Gartenbaufirma haben drei eine Beeinträchtigung. FOTO: CHRISTIAN GOHDES
Mit Geduld und klaren Worten erklärt Kathrin Hennrich dem jungen Mann, was zu tun ist. Dennis Wenkel hört zu, nickt und macht seinen Job. „Hier wird nicht gleich gemeckert, wenn ich mal was nicht gleich verstehe“, sagt er. 18 Mitarbeiter arbeiten in dem Gartenbauunternehmen Paradiesfabrik. Drei von ihnen haben eine Beeinträchtigung, die es ihnen nicht leicht macht, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Die Assistentin Birgit Liebner etwa leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einem Tinnitus. In ihrer alten Arbeitsstelle war sie kreuzunglücklich. Hier fühlt sie sich wertgeschätzt. Wie kam es zu der Idee, Menschen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen? „Es war gar keine Idee“, sagt Kathrin Hennrich, „die Menschen kamen zufällig.“ Wie der gehörlose Tischler Jan Medewitz, dessen Bewerbung sich zur Paradiesfabrik „verirrt“ hatte. Die Chefin sah sich die Unterlagen an, sprach mit dem Bewerber – und schuf eine Stelle für ihn als Tischler. „Die Leute wollen einfach nur einen guten Job machen – und sie können das!“, sagt die Chefin.
Weitere Artikel