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Interview mit dem Psychologen und Bergführer Jan Mersch

Jan Mersch ist Psychologe, Bergsteiger und seit 29 Jahren Bergführer. Neben Bergtouren bietet er psychologische Beratung und Coaching an. Wir fragten ihn, was Menschen in der Natur suchen.

Jan Mersch will seine Augen leuchten lassen. FOTO: BARTSCH

Dagmar Trüpschuch 

Berliner Morgenpost: Herr Mersch, Sie machen Bergtouren. Worauf freuen Sie sich, wenn Sie in die Berge aufbrechen?

Jan Mersch: Wenn ich selber zum Bergsteigen gehe, geht es mir darum, dass meine Augen leuchten. Warum auch immer sie leuchten. Entweder weil ich es schaffe, meine eigenen Grenzen auszuloten, mich herauszufordern, die Natur zu erleben, in meiner inneren Ruhe zu sein, irgendwo zu scheitern, in Demut zurückzukehren oder mit einem Freund einen schönen Tag verbracht zu haben. Im Kern geht es immer darum, dass die Augen leuchten.

Was suchen andere beim Bergsteigen?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Einige wollen zu sich selber finden, Naturerlebnisse, Gipfelerlebnisse und damit sicher auch Erfolgserlebnisse haben. Auch an die eigenen Grenzen zu kommen, ist ein innerpsychisches Erlebnis. Andere reizt das Ungewisse. Wenn man in die Berge geht, ist es nie eine klare Sache, wie das ausgeht. Der Alltag ist in der Regel ja immer ganz klar. Dazu wollen sie Abstand, ohne Handy, ohne ein soziales Netzwerk im Hintergrund, das ständig bedient werden will. Sie suchen Ruhe, also etwas, das in unserer Gesellschaft sehr stark verloren geht. Bergsteigen zum Beispiel ist eine Tätigkeit, die spürbar ist. Man friert, man hat Durst und die Sonne brennt ohne Erbarmen, auch noch die nächsten zwei Stunden, die ist nicht ausknipsbar. Dieses Erleben von existenziellen Bedürfnissen reizt viele. Sich selbst im Kampf um das eigene Überleben zu erleben. Bergsteigen kann ich nicht einfach aufhören, das kann ich erst verlassen, wenn ich wieder im Tal bin. Man kann nicht mehr aussteigen, wenn man einmal unterwegs ist.

"Man muss nicht in den Himalaja fahren, um tolle Erlebnisse zu haben."

Jan Mersch, Bergsteiger und Psychologe

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