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Extra: Jüdische Kulturtage

Jüdische Kulturtage Berlin: Die russische Seele auf den Saiten einer Stradivari

Yury Revich eröffnet mit dem Programm „Russian Soul“ die Jüdischen Kulturtage Berlin

Der österreichische Violinist hat russisch-jüdische Wurzeln. FOTO: LORENZO MONTANELLI 

Barbara Hoppe 

Etwas verloren steht er in diesem Sommer auf der Bühne auf dem Gendarmenmarkt. Er wirkt schmächtig in seinem schwarzen Samtanzug. Doch an Selbstbewusstsein mangelt es Yury Revich nicht. In seinen Händen hält er eine 300 Jahre alte Stradivari-Geige – ihr Name ist Prinzessin Aurora – und dann legt er los. Als der Wiener Geigenvirtuose mit russischen Wurzeln Pablo de Sarasates „Zigeunerweisen“ anstimmt, wird es schlagartig mucksmäuschenstill auf dem Gendarmenmarkt. Ein überhaupt nicht sommerlicher Himmel liegt beim diesjährigen Classic Open Air über dem Platz, Wind zerzaust die Haare der Zuschauer. Aber Yury Revich zieht alle in seinen Bann. Die blonde Haartolle fliegt mit den Fingern um die Wette. Revichs Bühnenpräsenz ist unglaublich, seine Virtuosität unbeschreiblich.

Violinist in vierter Generation

Was wohl auch daran liegt, dass ihm das Geigenspiel in die Wiege gelegt wurde. Ur-Großvater, Großvater und Vater spielten schon Violine. Letzterer als Lehrer, der bis heute den begabten Sohn unterrichtet. Yury Revich ist dankbar über die Möglichkeiten, die ihm gegeben wurden: „Ich hatte Glück, auch bei anderen tollen Geigenlehrerinnen und -lehrern studieren zu können, darunter Galina Turchaninova, die die erste Lehrerin von Maxim Vengerov war, aber auch bei Viktor Pikayzen und Pavel Vernikov.“ Schon als Kind spürte er die Herausforderung, die in dem Instrument liegt. Gleichzeitig merkte er, dass er sich viel besser auf der Geige ausdrücken kann als mit Worten.
Das Eröffnungskonzert spielt Yury Revich gemeinsam mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin unter der Leitung von Gabriel Adorján (vorne, Mitte). FOTO: STEPHAN CLEEF
Das Eröffnungskonzert spielt Yury Revich gemeinsam mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin unter der Leitung von Gabriel Adorján (vorne, Mitte). FOTO: STEPHAN CLEEF
Ein Umstand, der sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern gut ankommt. Mit 18 Jahren debütierte Yury Revich bereits in der Carnegie Hall in New York. 2015 initiierte er in Wien die „Friday Nights with Yury Revich“, eine Konzertreihe, die das klassische Konzertformat aufbricht und als „Concerts of Arts“ verschiedene Kunstdarbietungen an einem Abend vereint, um auch ein junges Publikum für klassische Musik zu interessieren und schließlich zu begeistern. 2016 erhielt der damals 25-Jährige den Echo Klassik als Nachwuchskünstler des Jahres.

Ein russischer Wiener und Kosmopolit

Obwohl Revich inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, empfindet sich der Musiker als Kosmopolit. Jedes Land sei für ihn gleichermaßen interessant, jedes Publikum gleichermaßen liebenswert. „Das New Yorker Publikum zum Beispiel ist sehr relaxed“, sagt er dazu. Dazu gehört auch, dass er kaum Lampenfieber verspürt. Sicher, ein bisschen Nervosität sei schon einmal dabei, aber „was am besten hilft“, so der Geiger, ist „gut vorbereitet zu sein und zu versuchen, lang genug zu schlafen“. Spätestens bei den Zugaben hat er das Publikum dann vollends auf seiner Seite. Er selbst liebt französische Komponisten wie Maurice Ravel oder Claude Debussy, aber auch Sergei Prokofjew und Ludwig van Beethoven. Die Zuschauer geraten wirklich aus dem Häuschen, wenn er die „Fantasie“ aus „Carmen“, Vivaldis „Sommer“ oder den russischen Tanz aus Tschaikowskis „Schwanensee“ spielt.

Mit einem russischen Programm ist Yury Revich auch bei den diesjährigen Jüdischen Kulturtagen zu Gast. Für den jungen Musiker ist es ein sehr persönliches Programm. „Ich bin in Moskau geboren, kenne die russische Seele, die so emotional, expressiv, melodisch, sarkastisch, aber auch offen und leidenschaftlich ist.“ Hinzu kommt, dass „Russian Soul“ der Titel seiner ersten CD ist, die er mit 19 Jahren aufgenommen hat. Es wird ihm wohl wieder einmal leichtfallen, seinem Publikum das mitzugeben, was ihm am Herzen liegt: Emotionen. „Mit jedem Stück möchte ich eine Geschichte erzählen, möchte, dass das Publikum mit mir atmet, wenn ich spiele. Ich fühle es immer, wenn ich Kontakt zum Publikum habe – ein tolles Gefühl, das sehr inspirierend für mich ist!“, erklärt Yury Revich begeistert.

Die Berliner sind für den Künstler keine Unbekannten. Aber ein bisschen gewöhnen musste er sich an die Stadt schon. „Als ich das erste Mal hier war, habe ich die Stadt überhaupt nicht verstanden. Sie ist so groß, ich habe mich einfach nicht zurechtgefunden. Aber mit jedem Besuch wurde es besser und inzwischen kenne ich die Menschen, die Galerien, die Musik- und Modeszene schon recht gut. Und auch mit der Geografie klappt es jetzt“, lacht der russische Wiener und ergänzt: „Ich liebe Berlin!“
 

Termin

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53
Prenzlauer Berg
Karten unter Tel.: 01806/999 00 06 06 (0,20 €/Verbindung aus dt. Festnetz, max. 0,60 €/Verbindung aus dt. Mobilfunknetz) oder unter www.ticketmaster.de

Deutsches Kammerorchester Berlin mit Yury Revich
Do., 7.11., 20 Uhr
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