Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2020

Abitur unter erschwerten Bedingungen

Nach vielen Protesten wegen der Corona-Einschränkungen haben die etwa 14.000 Abiturienten nun ihre Reifeprüfung abgeschlossen – und sind froh

Mehr Abstand als sonst: Beim Corona-Abi waren Masken und Desinfektionsmittel griffbereit. FOTO: FELIX KÄSTLE / DPA

Sie hatte sich schon so auf den großen Abi-Ball im Kino Union gefreut. Daraus wurde nun nichts. Ein Abitur in Corona-Zeiten hält neben den Herausforderungen halt auch manche Enttäuschung für die Prüflinge bereit. Emilie Sura ist eine von knapp 14.000 Abiturienten in diesem Jahr. Und eines ist allen gemein: Sie sind froh, dass sie es geschafft haben – gerade jetzt, und gerade unter diesen Umständen.

Die 18-jährige Emilie war am Emmy-Noether-Gymnasium in Köpenick sehr engagiert. Sie gehörte der Gesamtschülervertretung an, hat den Abi-Ball und die Abi-Reise mit organisiert. „Wir hatten in unserem Jahrgang einen Corona-Fall. Die Hälfte der Mitschüler musste deswegen sogar schon vor der offiziellen Schulschließung in Quarantäne. Das fiel einigen sehr schwer“, erzählt sie. Sie selber war nicht betroffen. Aber das Semester sei daher noch früher zu Ende gegangen als ursprünglich geplant. Die akribisch geplante Motto-Woche fiel auch aus, das Prinzessinnenkleid (es war für das Disney-Motto vorgesehen) liegt jetzt eingemottet im Schrank.

Die letzten Wochen hat sie als sehr wirr empfunden, weil keiner so richtig etwas wusste. „Bis zuletzt haben wir gehofft, dass unsere Abi-Feier stattfinden kann, weil uns doch schon so viel fehlt, was sonst den Wechsel versüßt“, sagt sie. Doch der Traum ist nun auch geplatzt. Ohne Buffet, dafür aber mit Mund-Nase-Schutz und Sicherheitsabstand wäre das auch nicht das erwünschte Highlight gewesen.

Schon zu Beginn des Lockdowns hatten die Berliner Schüler Diskussionsbedarf angemeldet. Eine Umfrage des Landesschülerausschusses unter mehreren Tausend Schülern hatte ergeben, dass drei Viertel der Prüflinge mit der aktuellen Situation unzufrieden seien und sich mehr als 80 Prozent schlecht oder sehr schlecht auf die Prüfungen vorbereitet fühlten. „Nicht alle Schüler hatten zudem die Möglichkeit, zu Hause gut zu lernen – oft fehlte es an Rückzugsmöglichkeiten oder auch der nötigen Infrastruktur, wie Internet, Laptop oder Ähnlichem. Die Bildungsungerechtigkeit ist so noch verstärkt worden. Das können wir nicht gutheißen“, sagt der Landesschülersprecher Miguel Góngora.

Bis zuletzt hofften wir, dass die Abi-Feier stattfinden kann, weil uns doch schon so viel fehlt, was sonst den Wechsel versüßt

Emilie Sura, Abiturientin

Viele Anrufer hätten sich an ihn und die anderen Ausschussmitglieder gewandt, etliche hätten geweint. Auch, weil sie beispielsweise einer Risikogruppe angehörten und nun Angst gehabt hätten. Der Vorschlag eines Notabiturs nur auf Grundlage der vier Semester wurde abgelehnt. „Wir wollten nicht, dass die Berliner Abiturienten benachteiligt gegenüber Abiturienten aus anderen Bundesländern wären“, begründet Martin Klesmann, Sprecher der Senatsschulverwaltung, den Entschluss. „Die Belastungen sind derzeit für alle Menschen sehr groß. Wir gehen aber davon aus, dass bei einer Prüfung unter den gegebenen Umständen immer für den Schüler entschieden wurde“, sagt Klesmann.

Auch Emilie wäre gegen ein Durchschnittsabitur gewesen, aber etwa 90 Prozent ihrer Mitschüler waren dafür. Sie hoffte, sich durch die Prüfungen noch verbessern zu können. Doch das Lernen gestaltete sich schwierig. „Ich hatte zwar mehr Zeit dafür, musste aber alleine lernen. Dann fällt es auch sehr schwer, sich zu motivieren, wenn man nicht weiß: Finden die Prüfungen statt oder nicht?“ Bei ihr fanden die mündliche Prüfung und die fünfte Prüfungskomponente (PK) deutlich später statt – die 5. PK sogar volle zwei Monate.

Am 20. April begann, nach fünfwöchiger Schulschließung, die Prüfungsphase – stark umstritten und unter zahlreichen Auflagen. Die Prüflinge wurden in kleine Gruppen von etwa acht Abiturienten eingeteilt, was mehr Betreuungspersonal erforderte. Zudem wurde akribisch auf die Abstandsregeln Wert gelegt und auf den Schulgängen ein Einbahnstraßensystem eingeführt.

Miguel Góngora, der selbst gerade sein Abitur am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium in Charlottenburg ablegte, redet von einem regelrechten Parcours, den die Schüler zurücklegen mussten. „Vor dem Eingang draußen reihten wir uns auf, dann sind wir über den Hof durch den Hintereingang geführt worden, im 1. Stockwerk mussten wir uns alle die Hände waschen. Nach jedem Toilettengang kam ein Lehrer mit Desinfektionsmittel und auf den Fluren saßen sie, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu beaufsichtigen. Zudem gab es entsprechende Markierungen auf dem Boden“, erzählt er. Schüler aus Risikogruppen bekamen Einzelprüfungen oder wurden sogar zu Hause geprüft, sagt Klesmann.

Viele Schulen müssen Stornokosten zahlen

Der alte Lebensabschnitt, der normalerweise mit Pauken und Trompeten verabschiedet wird, wird für diesen Jahrgang relativ ruhig zu Ende gehen. Motto-Woche, Abi-Ball, Abi-Fahrt: Alles ist der Pandemie zum Opfer gefallen. „Manche Schulen hoffen, dass sie zumindest die Abi-Feier im Herbst nachholen können, andere haben schon komplett alles abgesagt“, weiß Góngora. Weil immer mehr Schüler auf den Stornokosten der Feiern sitzen bleiben, hat sich der Landesschülersprecher die Lösung dieses Problems zur Aufgabe gemacht. 42 Schulen hätten sich bereits bei ihm gemeldet, die das Geld zahlen sollen, ohne eine Leistung erhalten zu haben. 2000 bis 6000 Euro müssen die Schüler aufbringen. Der Landesschülerausschuss ist jetzt mit Stadträten und Senatsverwaltung im Gespräch und lässt die Verträge exemplarisch für Schulen in Charlottenburg und Neukölln prüfen. Er hofft noch auf eine gütliche Regelung.

Aber zumindest die Zeugnisausgabe soll „feierlich und wertschätzend“ in den neuen Lebensabschnitt überleiten, tröstet der Sprecher der Senatsschulverwaltung. Zwar werde dies auch nur in kleinen Gruppen gemacht und daher über drei Tage gestreckt, aber feierlich solle es auf jeden Fall sein. Und Góngora weiß, dass einige Schulen den Festakt auf dem Pausenhof abhalten und dann digital für die Eltern übertragen.

Ein trauriger Schritt in die neue Zukunft? Nein, die Stimmung ist gut. Geschafft ist geschafft. Nach 12 bis 13 Schuljahren kommt nun der Schritt in die Selbstständigkeit, in Ausbildung oder Studium. Die Berliner Morgenpost gratuliert allen Absolventen ganz herzlich zu ihrem Erfolg in ungewissen Zeiten.

Simone Jacobius

Dank an die Schulen

Da es keine offiziellen Listen der Berliner Abiturientinnen und Abiturienten gibt, basiert diese Abitur-Beilage auf unserer Umfrage an den Berliner Schulen, die uns die Namen – nach Einwilligung durch die Schüler – zur Verfügung stellen. Wir danken allen teilnehmenden Schulen herzlich für die Zusammenarbeit!
Weitere Artikel