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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2020/2021

An Messers Schneide

Ein Friseur ohne Schere, ein Chirurg ohne Skalpell? Ohne präzise Klingen können weder Mensch noch Maschine arbeiten. Hier sind Experten gefragt, die den richtigen Schärfegrad kennen

Gewisse Fitness von Vorteil: Präzisionswerkzeugmechaniker arbeiten oft stehend und bei Hitze. FOTO:ISTOCK/PRIMAGEFACTORY

Sylvia Chybiak 

Wer den Beruf des Präzisionswerkzeugmechanikers erlernt und ausübt, folgt der historischen Tradition der Messermacher und Waffenschmiede, deren Handwerk sich über die Jahrhunderte weiterentwickelt hat: Kaum ein produzierender Wirtschaftszweig kommt ohne Schneid- und Präzisionswerkzeuge aus. Neue Materialien und Verfahren im Holz-und Metallgewerbe und nicht zuletzt die aktuelle Digitalisierung benötigen qualifiziertes Personal.

Die fachliche Ausrichtung des Lehrberufes unterteilt sich in zwei Schwerpunkte: Zerspanwerkzeuge und Schneidwerkzeuge. Hoch technisierte Produktionsprozesse erfordern Zerspanwerkzeuge, die den Genauigkeits- und Qualitätsansprüchen der Kunden genügen. In der Ausbildung werden daher Planung, Fertigung und Instandhaltung von Zerspanwerkzeugen gelehrt. Dazu gehören im Ausbildungsalltag Aufgaben wie die Auswahl des geeigneten Stahls, Materialzuschnitt, die Anfertigung von technischen Skizzen sowie die Herstellung modernster Präzisionswerkzeuge, etwa für den Automobil-, Motoren- oder Flugzeugbau. Viele der Klingen, die in der Industrie benötigt werden, sind im Dauereinsatz. Deshalb müssen Sägeblätter geschärft oder Schneidwerkzeuge nachgeschliffen werden. Präzisionswerkzeugmechaniker müssen computergesteuerte Maschinen (CNC) wie Dreh-, Fräs- und Schleifmaschinen bedienen, deren Steuerung sie programmieren, überwachen und korrigieren. Oft müssen die Maße auf den tausendstel Millimeter stimmen.
Bundesnachrichtendienst
Präzisionsverliebtheit gehört zum Berufsprofil

Im Schwerpunkt Schneidwerkzeuge werden Schmiedearbeiten mit verschiedenen Stahlarten gelehrt. Das Freiformschleifen zum Beispiel erfordert viel handwerkliches Geschick. Die Herstellung eines handgeschmiedeten Küchenmessers kann bis zu acht Stunden dauern, da sind Ausdauer und ein ruhiges Händchen vonnöten. Dreidimensionales Vorstellungsvermögen und ein feines Gespür für Formen sind unerlässlich, eine gewisse Präzisionsverliebtheit gehört sowieso zu diesem Beruf.

Die Ausbildungszeit zum Präzisionswerkzeugmechaniker dauert dreieinhalb Jahre, die duale Ausbildung findet sowohl im Ausbildungsbetrieb als auch in der Berufsschule statt. Dort stehen unter anderem die Fächer Mathematik, Werkstoffkunde, Physik und Chemie auf dem Stundenplan. In der Regel erlernen die Azubis im ersten Lehrjahr die Grundlagen der Metalltechnik. Ab dem zweiten Ausbildungsjahr absolvieren sie die fachspezifische Ausbildung an der Jakob-Preh-Schule in Bad Neustadt. Zu Beginn der Ausbildung gibt es mindestens 515 Euro brutto pro Monat als Vergütung, im vierten Jahr mindestens 721 Euro. Voraussetzung für die Ausbildung sind die Berufsbildungsreife (BB) oder der Mittlere Schulabschluss (MSA). Ein guter Abschluss ist hilfreich, denn Ausbildungsplätze sind rar. Körperlich fit sollten die Auszubildenden ebenfalls sein, denn oft wird an den Maschinen im Stehen gearbeitet. Wegen des erheblichen Lärmpegels in den Werkstätten oder Industriehallen wird mit Gehörschutz gearbeitet. Auch an Hitze, Staub und Dämpfe müssen sich die Azubis gewöhnen, bei der Einstellung von Maschinen kommen sie auch oft mit Lösungs-, Schmier-, Härte- und Kühlmitteln in Kontakt. Späne fallen, und wer mit scharfen Klingen hantiert, hat oft zerkratzte Hände. Deshalb gehören unter anderem Handschuhe, Schutzbrillen und Lederschürzen zur Arbeitsbekleidung.

In der Ausbildung wird von Handarbeit bis Hightech alles gelehrt, und wer seine Ausbildung erfolgreich absolviert hat, findet Anstellung im Maschinen- und Werkzeugbau und stellt beispielsweise Sägen und Maschinenwerkzeuge für die Holzbearbeitung her, produziert Werkzeugmaschinen oder schärft und baut Sägeblätter in Maschinen ein. Auch in der Metallbearbeitung gibt es Jobs für die Herstellung von Schneidwaren wie Messer und Scheren. Nicht selten wird hier im Schichtdienst gearbeitet. Das macht sich zwar am Ende des Monats bezahlt, muss aber auch zur persönlichen Familienplanung passen.

Präzisionswerkzeugmechaniker arbeiten auch in Reparaturwerkstätten für Schneidwerkzeuge oder im Einzelhandel. Ihr Einstiegsgehalt liegt zwischen 1800 und 2400 Euro, abhängig von Bundesland und Größe des Betriebes.

Wer sich weiterbildet, kann den Meistertitel erlangen oder mit entsprechender Hochschulzugangsberechtigung den Bachelor im Studium Produktionstechnik erwerben. Der Fachverband der Präzisionswerkzeugmechaniker e. V. empfiehlt den Beruf ausdrücklich auch für Frauen. „Hier verdienst du garantiert mehr als beim Haareschneiden“, so der Verband in seiner Kampagne „Schärfer geht’s nicht!“

Info

Ausbildungsdauer: 3,5 Jahre
Empf. Schulabschluss: Mittlerer Schulabschluss (MSA)
Ausbildungsgehalt: 1. Jahr 830 Euro, 2. Jahr 910 Euro, 3. Jahr 970 Euro, 4. Jahr 1010 Euro
Einstiegsgehalt: ca. 1500 Euro
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