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Extra: Berufliche Neuorientierung & Umschulung

Auf der Suche nach Erfüllung

Wer die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns infrage stellt, dem bieten alternative Gesundheitsberufe neue Perspektiven

Qigong, eine Kombination aus Atem-, Bewegungs- und Meditationsübungen, hilft bei der Entspannung. FOTO: ULZA / ISTOCK

Simone Jacobius

Sie fühlen sich ausgebrannt, gehen nur noch widerwillig zur Arbeit oder leiden bereits an Depressionen oder undefinierten körperlichen Beschwerden. Es gibt viele Menschen, die unzufrieden sind mit dem, was sie machen. Aber sie wissen nicht, wie sie die Notbremse ziehen können. Denn oft müssten sie ihren Job an den Nagel hängen oder zumindest die Arbeitsstelle wechseln, um wieder zu genesen. Die Angst vor einem Neuanfang – gerade im fortgeschrittenen Alter – macht sich dann breit. Doch wenn der Leidensdruck zu groß wird und einen aus der Bahn zu werfen droht, bleibt oft keine andere Wahl mehr, als zu handeln.
Auch Astrid Pogrzeba hat lange gezögert – und gelitten. Nach einem Burn-out und einer langen Auszeit hat sie den Neuanfang gewagt. Die früher erfolgreiche Baufinanzierungsberaterin hat komplett umgesattelt. Die Tatsache, dass ihre Krankheit, ein Tinnitus, als nicht heilbar diagnostiziert wurde, wollte sie so nicht akzeptieren. Sie probierte verschiedenste Heilmethoden aus, ging nicht nur zu Schulmedizinern und Psychologen, sondern auch zu Heilpraktikern. „Dort habe ich festgestellt, wie gut mir die Gespräche und Hilfsangebote taten. Ich fand das alles total spannend und die Arbeit ungeheuer wertvoll“, erinnert sie sich. Sie hat dann viel über alternative Gesundheitsberufe gelesen, vieles ausprobiert, und langsam entwickelte sich der Wunsch, sich damit beruflich zu beschäftigen. „Ich bin kein spontaner Mensch, brauchte also etwas Zeit und viel Unterstützung von Freunden und Familie. Aber der Wunsch, mein neues Wissen weiterzugeben und anderen Menschen zu helfen, war einfach sehr groß. So habe ich es dann gewagt“, erzählt sie.

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„Ich möchte die Hilfe sein, die ich damals bekommen habe, als es mir schlecht ging.“

Astrid Pogrzeba, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Vor zwei Jahren hat sie die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie (HP psych.) vor dem Gesundheitsamt abgelegt. Ein Jahr lang hat sie dafür an einem Berliner Institut gelernt. Parallel dazu hat sie eine Ausbildung zur Qigong-Lehrerin gemacht – zwei Dinge, die sich perfekt ergänzen.

Zumindest, wenn das Engagement stimmt. Denn mit dem HP psych. war ihre Ausbildung längst noch nicht abgeschlossen. Drei Jahre lang investierte Pogrzeba etwa ein Wochenende pro Monat in Fortbildungen, dazwischen lernte sie auf eigene Faust. „Ich habe mich richtig glücklich gefühlt und fand alles total spannend. Endlich habe ich viele Zusammenhänge verstanden und auch begriffen, was mich so aus der Bahn geworfen hat“, erinnert sie sich rückblickend. Anregende Gespräche, interessante Menschen, neue Freunde: Pogrzeba lebte nach ihrer Entscheidung wieder richtig auf. Nach der erfolgreichen Heilpraktiker-Ausbildung folgten noch Ausbildungen zur EMDR-Traumatherapeutin und zur Therapeutin für Integrative Psychotherapie (IPT – eine Therapieform, die schulen- und methodenübergreifend arbeitet und damit unterschiedliche Therapieformen nutzbar macht). Therapien, die sie nun auch in ihrer eigenen Praxis in Köpenick anbietet. Parallel dazu gibt sie abends Qigong-Kurse. Auch für diese Ausbildung besuchte sie zweieinhalb Jahr lang Wochenendkurse.

Astrid Pogrzeba hat alle Ausbildungen alleine finanzieren müssen. Unter gewissen Voraussetzungen bezahlt aber auch das Jobcenter diese Umschulung. Es gibt mehrere Institute, die den Abschluss HP psych. anbieten. Aber auch ein Fernstudium ist möglich. Die Kosten für die 12- bis 24-monatige Ausbildung variieren zwischen etwa 2200 und 4000 Euro. Doch nur mit dem HP psych. alleine hätte sie keine Praxis eröffnen können. Die Therapie-Ausbildungen kamen noch dazu.

Auch wenn es keine statistischen Zahlen gibt: Im Bereich alternative Medizin gibt es viele Quereinsteiger. „Viele Menschen, die unzufrieden in ihrem Job waren, womöglich davon krank geworden sind, sind nun auf Erfüllungssuche, wollen etwas Sinnstiftendes tun. Davon profitieren auch die alternativen Gesundheitsberufe“, vermutet Martina Rudolph, Referentin des Dachverbandes Freie Gesundheitsberufe. Und genau dazu zählt auch Astrid Pogrzeba. „Ich möchte die Hilfe sein, die ich damals bekommen habe, als es mir schlecht ging“, sagt sie. So schlimm der Tinnitus und alles drum herum waren: Er hat sie zum Umdenken gebracht und an einen wirklich erfüllenden Beruf herangeführt.
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