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Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: AUSBILDUNG & STUDIUM 2021/2022

Auf Du und Du mit der Welt

Eine Fremdsprache öffnet die Tür zu einer anderen Kultur – und womöglich zum Traumberuf. Drei Ausbildungen für Sprachtalente

GRAFIK: GETTY IMAGES

Den neuen Stephen-King-Roman im Original lesen oder auf dem Flohmarkt in Paris einen lockeren Plausch mit dem einheimischen Verkäufer anzetteln – wem das ohne Weiteres gelingt, der sollte womöglich über einen Beruf im Bereich Sprachen nachdenken. Denn für Sprachtalente gibt es zahlreiche Möglichkeiten, ihre Leidenschaft zum Broterwerb zu machen.

Abiturienten können sich zunächst einen Überblick über die große Auswahl an sprachbezogenen Studiengängen verschaffen. Studieninteressierte sollten sich jedoch bewusst machen, dass sie sich hierbei nicht nur mit Grammatik und Vokabeln befassen werden. „Wer eine Sprache lernen will, wird sich nicht nur mit sprachlichen Strukturen, sondern auch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen“, erklärt Matthias Hüning, der an der Freien Universität Berlin als Professor für Niederländische Philologie lehrt.
Zudem gehe es in philologischen Studiengängen in der Regel auch darum, sich mit kulturellen Erzeugnissen wie Literatur Theater, Film und Musik in der gelernten Fremdsprache zu beschäftigen. Eine grundsätzliche Affinität zu diesen Themengebieten sollte also jeder mitbringen, der sich für ein Philologiestudium interessiert, rät Hüning. An den Berliner Universitäten können Abiturienten aus einem breiten Angebot an Studiengängen mit Sprachbezug wählen. Diese reichen von Deutsche Philologie, Englische Philologie, Niederländische Philologie oder auch Klassische Philologie – bei der alte Sprachen wie Latein und Altgriechisch im Fokus stehen – bis zu Regionalstudien mit starkem Sprachbezug. Dazu gehören dann etwa Japan-, Korea-, China- oder Nordamerikastudien.

Doch nicht jeder, der beruflich etwas mit Sprachen machen möchte, braucht dafür das Abitur und einen Studienplatz. So genügt für eine Ausbildung zum Kaufmännischen Assistenten im Bereich Fremdsprachen die mittlere Reife und eine mindestens befriedigende Englischnote. Ein kurzer Überblick über sprachbezogene Berufsfelder. JULIA FRESE
  
FOTOS: GETTY IMAGES (3)
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Kaufmännische Assistenten für Fremdsprachen

Wer diesen Beruf ausübt, hat eine wichtige Schlüsselfunktion in einem Unternehmen. Denn er oder sie kommuniziert mit ausländischen Geschäftspartnern und Institutionen. Dafür müssen Kaufmännische Assistenten für Fremdsprachen nicht nur Englisch, Französisch und möglichst noch weitere Sprachen gut beherrschen, sondern auch viel interkulturelle Kompetenz und Fingerspitzengefühl mitbringen. Schließlich gilt es, sich schnell auf unterschiedliche Menschen und Kommunikationsstile einzustellen. In der Regel unterstehen Fremdsprachenassistenten dem mittleren Management eines Unternehmens und kümmern sich auch um allgemeine Sachbearbeitungs- und Sekretariatsaufgaben. Im Import- und Exportgeschäft nehmen sie zuweilen auch Dolmetscheraufgaben wahr und übersetzen Formulare und Unterlagen, die für die Handelskorrespondenz gebraucht werden. Dafür sind auch kaufmännisches Denken sowie gute Rechenkenntnisse gefragt. Die Ausbildung für diesen Beruf dauert normalerweise zwei Jahre und umfasst Berufsschuleinheiten in den Korrespondenzsprachen sowie in Wirtschaft, Mathematik und Deutsch. Daneben umfasst die Ausbildung auch Praktika in Unternehmen oder Institutionen, die zum Teil im Ausland absolviert werden müssen.
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Dolmetscher

Hochrangigen Politikern oder Prominenten die Stimme leihen und bei wichtigen Veranstaltungen mitmischen – das klingt erst einmal aufregend und glamourös. Doch tatsächlich ist der Beruf des Dolmetschers vor allem mit viel Disziplin verbunden. Um wichtige Reden, Interviewantworten oder auch Aussagen vor Gericht korrekt zu übersetzen, muss eine dolmetschende Person äußerst aufmerksam zuhören können und auch feinsinnigen Humor und Wortspiele in der fremden Sprache schnell und mit möglichst sicherer Stimme ins Deutsche übertragen können. Die thematische Vielfältigkeit philologischer Studiengänge ist eine gute Vorbereitung, zusätzlich empfehlen sich längere Aufenthalte in einem Land der Übersetzungssprache. Daneben gibt es auch spezielle Dolmetscher-Studiengänge, in Berlin allerdings nur im Fach Gebärdensprachdolmetschen. Da die Berufsbezeichnung Dolmetscher nicht geschützt ist, hat man aber auch als Quereinsteiger oder Autodidakt mit entsprechendem Können und guten Kontakten oft Chancen auf einen Einstieg. Viele Dolmetscher arbeiten freiberuflich auf Auftragsbasis, einige sind aber auch fest angestellt, etwa bei der Europäischen Union.
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Philologen

Mit einem philologischen Studiengang können Abiturienten ihre Lieblingssprache am intensivsten lernen. Hierbei geht es um weit mehr, als nur den Lieblingsfilm endlich im Original verstehen zu können. Studierende lernen neben Sprachstrukturen auch viel über die Kultur und Menschen des betreffenden Landes und setzen sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander. Dafür ist es meist zwingend nötig, auch eine längere Zeit in einem muttersprachlichen Land zu verbringen, um sich in das Leben und die Menschen vor Ort einfühlen zu können. Oft müssen sich Philologen schon zu Beginn ihres Studiums die stirnrunzelnde Frage gefallen lassen, was man denn später beruflich mit ihrem Fach machen könne. Doch da gibt es eine ganze Menge Antworten: Forschungsinteressierte haben die Möglichkeit, nach einem Master- oder Magisterabschluss weiterhin an der Universität zu bleiben und beispielsweise eine Promotion oder sogar eine Professur anzustreben. Viele Absolventen finden aber auch geeignete Stellen in Kulturinstitutionen, Verlagen oder Medien.

Die Stimmexperten

Logopäden helfen bei Sprach-, Sprech- und Schluckproblemen. Was man über die Ausbildung wissen muss
Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen erhalten eine individuell angepasste Behandlung. Defizite können häufig schnell aufgeholt werden. FOTO: GETTY IMAGES
Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen erhalten eine individuell angepasste Behandlung. Defizite können häufig schnell aufgeholt werden. FOTO: GETTY IMAGES
In fast allen Ausbildungsberufen werden Azubis entlohnt. Nicht so in den Gesundheitsberufen. Vielmehr mussten angehende Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden sogar für ihre Ausbildung ein nicht unerhebliches Schulgeld bezahlen. Zwar wurde dieses in vielen Bundesländern abgeschafft. Bei der Logopädie-Ausbildung sind die Unterschiede in Berlin allerdings noch immer gravierend. Während angehende Stimmexperten, die ihre Ausbildung an der Charité oder der Medizinischen Akademie des Unfallkrankenhauses Berlin beginnen, nicht nur vom Schulgeld befreit sind, sondern nach Tarif vergütet werden (um die 1000 Euro, pro Ausbildungsjahr steigend), muss an den beiden anderen staatlich anerkannten Ausbildungsstätten noch immer gezahlt werden: An der Schule für Logopädie der Ludwig Fresenius Schulen sind monatlich 495 Euro fällig, an der IB Hochschule sogar 595 Euro.

Logopädie-Studium ermöglicht Doppelabschluss

„Wir wollen genauso gefördert werden wie die staatlichen Stellen, auch um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Mariam Hartinger, professorale Fachvertreterin der Logopädie an der privaten IB Hochschule für Gesundheit und Soziales. Bis dahin verweist sie auf die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten – von Bafög über Stipendien bis zum Studienkredit. „Auch als private Hochschule bilden wir Fachkräfte aus, die das Gesundheitssystem dringend braucht.“

Basierend auf einer Modellklausel aus dem Jahr 2009 können Gesundheitsberufe mittlerweile auch an Hochschulen studiert werden. Die IB Hochschule bot den berufsqualifizierenden Studiengang Logopädie erstmals im Jahr 2012 an. Pro Jahrgang gibt es aktuell etwa zehn Studierende, die nach sieben Semestern einen Doppelabschluss in der Hand halten: als staatlich geprüfte Logopäden und als akademisierte Logopäden (Bachelor of Science). „Das heißt zunächst, dass die Studierenden nach der geltenden Ausbildungs- und Prüfungsordnung unterrichtet werden“, so Hartinger. Den angehenden Logopäden wird beigebracht, bei allen möglichen Sprach-, Sprech-, Schluck- und Stimmproblemen zu helfen. 2100 Praxisstunden sind vorgeschrieben. Die unterschiedlichen Therapiemethoden werden im direkten Patientenkontakt eingeübt.

Logopäden helfen Corona-Patienten

Vielfach kommen Kinder, zum Patientenkreis gehören aber auch Unfallopfer und ältere Menschen, die sich beispielsweise von einem Schlaganfall erholen. Voraussetzung für die Ausbildung ist, die eigene Sprache hervorragend zu beherrschen, auch ein gutes Gehör ist gefragt. „Die IB Hochschule arbeitet eng mit dem Unfallkrankenhaus in Marzahn zusammen. Unsere Studierenden sind dort gefragt, gerade während der Pandemie“, erklärt Hartinger. „Corona-Genesende, die beatmet wurden, müssen von den Beatmungsmaschinen entwöhnt werden. Auch diese schwierigen Behandlungssituationen gehören zum Berufsalltag vieler Logopäden.“

Neben der Praxis werden an der Hochschule auch theoretische Inhalte vermittelt. „Der größte Unterschied zur Ausbildung besteht darin, dass wir das wissenschaftliche Handwerk mitgeben und zugleich die Erfordernisse der Gegenwart einbeziehen, indem wir gemeinsam mit den Studierenden Methoden des Projekt-, Qualitäts- und Gesundheitsmanagements erarbeiten“, so Hartinger. Dieses Wissen befähige die Absolventen dazu, bestehende Konzepte einer Logopädie-Praxis zu evaluieren, Projekte zu planen und durchzuführen. „Wir sehen, dass der Markt dieses Expertenwissen braucht. Andererseits gibt es aktuell noch zu wenige Stellen, die explizit an studierte Logopäden adressiert sind“, so Hartinger. Das betreffe vor allem die klassischen Logopädie-Praxen. In Kliniken und Krankenhäusern hingegen gibt es bereits heute Stellen, die auch der Qualifizierung entsprechend vergütet werden. MAX MÜLLER
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