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Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: BERUFLICHE NEUORIENTIERUNG & UMSCHULUNG

Auf Wechselkurs

In Zeiten der Pandemie orientieren sich viele Berliner beruflich um. Weil sie es müssen oder weil sich ihre Perspektive verändert hat. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt für einen neuen Job?

Wer frustriert den Job wechselt, ohne sich mit den gegenwärtigen Problemen auseinanderzusetzen, nimmt diese mit zum neuen Arbeitsplatz. FOTO: GETTY IMAGES

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Als vor ein paar Wochen die Restaurants nach mehreren Monaten erzwungener Schließung wieder eröffneten, mussten viele Gastronomen feststellen: Einige Mitarbeiter haben die Zeit des Lockdowns genutzt, um sich nach einem anderen Arbeitsplatz umzusehen – und möchten nicht mehr zurück.

Monatelange Kurzarbeit oder sogar der Verlust des Arbeitsplatzes haben viele Menschen auf Jobsuche geschickt. Laut einer Studie von Anja Bauer und Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2020 haben sich allein 117.000 Beschäftigte in der Gastronomie aufgrund der Eindämmungsmaßnahmen und damit verbundenen Entlassungen und gesunkenen Neueinstellungen in Deutschland jobsuchend gemeldet.

Doch es sind nicht nur existenzielle Fragen, wie Entlassungen, die zu einer veränderten Wahrnehmung des eigenen Jobs und dem Wunsch nach einem Wechsel führen. Finja Rosenbaum, Life Coach aus Berlin, spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie sagt:

„Die Pandemie hat sicherlich viele aus ihrer Alltagsschleife geworfen, den Moment geboten, innezuhalten und die eigene Jobsituation auch kritisch zu hinterfragen. Ich habe es als Chance wahrgenommen, um den Kurs zu wechseln.“ Finja Rosenbaum arbeitete fest angestellt als Projektmanagerin in der Medienbranche, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Das hatte allerdings weniger mit wirtschaftlichen Zwängen und der Sorge um ihren früheren Job zu tun. „In der Festanstellung als Projektmanagerin hat mich die Pandemie im letzten Unternehmen persönlich nicht sehr stark betroffen, außer dass sich die Art und Weise der Kommunikation zu den Projekten oft auch zum Positiven gewandelt hat“, merkt sie an. „Statt vieler einzelner kam es eher zu gebündelten Meetings und Arbeitsaufträgen.“ Trotzdem sah sie den Einschnitt durch die Pandemie als Chance für einen beruflichen Wechsel.
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Es hilft, die eigenen Stärken und Ressourcen zu kennen

Doch woran merken Arbeitnehmer, dass es Zeit für einen Job- oder Berufswechsel ist? Finja Rosenbaum meint: „Wenn du lieber im Energiesparmodus zu deinem Arbeitsplatz gehst, anstatt voller Ideen zu sein, ist das ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit.“ Auch körperliche Anzeichen wie Kopfschmerzen, Unwohlsein oder eine flache Atmung können Warnsignale sein.

Eine Standardformel, wann der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel ist, gibt es ihrer Meinung nach nicht. „Du solltest dann wechseln, wenn du nicht dein Bestes leisten und an deine Umgebung abgeben kannst“, sagt Finja Rosenbaum. „Ausharren kostet sehr viel Energie, die dann an anderer Stelle fehlt. Und wenn du schnell merkst, dass dir das Arbeitsumfeld nicht passt, dann kann sofort der Moment sein für einen Wechsel. Aus jeder Erfahrung kannst du etwas lernen und später wieder für dich nutzen.“

"Man kann dann gehen, wenn das Arbeitszeugnis eine Reihe von Leistungen und Erfolge verzeichnet, wenn der Arbeitgeber und die Kollegen echtes Bedauern über den Weggang ausdrücken und wenn man seinen Ex-Vorgesetzten als Referenz angeben kann."

Gerhard Winkler, Bewerbungscoach

Bei der Suche nach einer alternativen Arbeitsstelle oder einem anderen Beruf findet sie es wichtig, sich der eigenen Stärken und Ressourcen bewusst zu werden. Hilfreiche Fragen könnten lauten: Welche Situationen habe ich schon gemeistert und kann ich wieder meistern? Was treibt mich an? Was macht mir Spaß? Was gibt mir Energie? „Das Arbeitsverhältnis ist ja ein Geben und Nehmen“, betont Finja Rosenbaum. „Ich sollte mich also fragen: Wie muss mein Arbeitsumfeld sein, damit ich Spitzenleistung bringen kann?“

Um sich ein realistisches Bild von einem anderen Beruf oder Arbeitgeber zu machen, haben ihr auf ihrem Weg zum Berufswechsel Podcasts geholfen wie zum Beispiel „How to Hack“ oder „Role Models Podcast“. „Auch Kurse helfen sehr, um Menschen aus anderen Bereichen kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Außerdem können Karriereportale wie LinkedIn oder Xing interessant sein für Jobwechsler. Das zeigt eine Datenauswertung von LinkedIn-Usern durch die Experten des IAB. Der Vorteil dieser Daten besteht darin, dass sich Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt bereits abzeichnen, bevor Arbeitslosigkeit entsteht. Laut der Daten von LinkedIn ist die Zahl der Bewerbungen pro Stellenanzeige infolge der Corona-Krise stark gestiegen. Die Studie zeigt zudem, dass Personen auf Jobsuche jetzt häufiger in Branchen suchen, in denen sie nicht beschäftigt sind oder waren, weil dort aufgrund der Corona-Pandemie bessere berufliche Perspektiven bestehen als in ihrer Herkunftsbranche. Ein Grund für diese Entwicklung ist der gesunkene Bestand an offenen Stellen auf der Online-Jobbörse LinkedIn. Zum anderen ist die Zahl derjenigen, die auf dem Portal nach einer neuen Stelle suchen, krisenbedingt sehr stark gestiegen.

Für den Bewerbungscoach Gerhard Winkler ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt immer dann für Wechselwillige günstig, wenn sich die Chance zum Besseren bietet. „Sich so zu positionieren, dass man seine Chancen wahrnimmt, empfiehlt sich auch dann, wenn der Markt schlecht ist“, sagt er. Dennoch sollten Arbeitnehmer, die sich nach einer neuen Position umsehen, in Betracht ziehen, dass in Phasen wirtschaftlicher Krisen diejenigen zuerst entlassen werden, die zuletzt ins Unternehmen kamen. Zudem werde es Angestellten, die in einer Phase der Stagnation in einer neuen Firma anfangen, erschwert, innerhalb des Betriebs zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.

Arbeitsplatzwechsel sollte keiner Flucht gleichen

Wer sich für einen Jobwechsel entscheidet, tut dies häufig auf der Suche nach optimaleren Arbeitsbedingungen. Dazu zählen etwa ein besserer Ruf des neuen Arbeitgebers – auch was die Mitarbeiterpflege betrifft –, mehr Gehalt, mehr Sicherheit und spannendere Aufgaben. Manchmal arbeiten schon Freunde oder Familienmitglieder in dem Unternehmen und haben Gutes berichtet.

Vorsichtig sei geboten, wenn man einen Wechsel anstrebe, weil man mit den Aufgaben oder den Menschen nicht zurechtkommt. Gerhard Winkler sagt: „Viele Jobwechsler verlagern nur die Kulisse, ihr Drama bleibt auch am neuen Arbeitsplatz dasselbe.“ Bevor man sich nach einer neuen Stelle umsieht, sollte man sich laut dem Karriereexperten etwa zwei bis fünf Jahre an seinem Arbeitsplatz bewähren. „Man kann dann gehen, wenn das Arbeitszeugnis eine Reihe von Leistungen und Erfolge verzeichnet, wenn der Arbeitgeber und die Kollegen echtes Bedauern über den Weggang ausdrücken und wenn man seinen Ex-Vorgesetzten als Referenz angeben kann“, sagt er. „Es ist meist nicht gut zu wechseln, nur um wegzukommen. Man sollte wechseln, um weiterzukommen.“

Winkler betont aber auch: „Aus einem Job zu flüchten, nur um sich mit der eigenen Unzufriedenheit und ihren Gründen nicht auseinandersetzen zu müssen, geht meistens nach hinten los. Ob man sich ausgebremst, ausgegrenzt, ausgebrannt oder ausgenutzt fühlt: Man sollte nicht handeln, ohne seinen Fall mit kundigen Menschen besprochen zu haben.“ Es sei keine gute Idee zu wechseln, weil man sich in die Enge getrieben fühlt oder weil man schnell das Weite suchen will.

Das Alter muss dabei nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für eine berufliche Neuorientierung sein. Bundesweit bleiben immer mehr Menschen bis ins hohe Alter im Job. Die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen steigt laut Statistischem Bundesamt stetig an. Lag sie 2009 noch bei 39 Prozent, war sie zehn Jahre später bereits bei 62 Prozent. Dafür verantwortlich sind die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und der bessere Gesundheitszustand von älteren Menschen. Außerdem haben sich die Rahmenbedingungen für die Frühverrentung verändert, sodass Menschen länger arbeiten – und damit auch im fortgeschrittenen Alter noch einen Neuanfang wagen können. JUDITH JENNER
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