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Themenwelten Berliner Morgenpost
Last-Minute-Ausbildung 2019

Berliner Klinikkonzern Vivantes bildet 100 Pflege-Azubis aus

Pfleger werden dringend benötigt. Eine Ausbildungsoffensive und die Reform 2020 sollen den Beruf (noch) interessanter machen

Pflegekräfte haben einen anspruchsvollen Beruf, der viel Empathie erfordert. FOTO: STURTI / ISTOCKPHOTO

Christine Persitzky 

Mit der Ausbildungsoffensive Pflege wollen die drei Bundesministerien für Gesundheit, für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie für Arbeit und Soziales die Anzahl der Auszubildenden und die der Ausbildungsstätten in diesem Bereich bis 2023 um zehn Prozent steigern.

Beim Berliner Klinikkonzern Vivantes beginnen bereits jetzt zweimal jährlich 100 Azubis die dreijährige Ausbildung „Gesundheits- und Krankenpfleger/-in“. Ebenso wie in anderen Gesundheitsfachberufen ist sie bundeseinheitlich gesetzlich geregelt und erfolgt dual, mit theoretischem Unterricht in der Pflegefachschule und praktischen Anteilen in Krankenhäusern, weiteren Einrichtungen und in der ambulanten Pflege.
Die Ausbildung ist in der Regel in Blöcken organisiert und beginnt mit einer längeren Theorieeinheit zu den Basics der Patientenversorgung. „Die Auszubildenden werden an die oftmals nicht einfachen Situationen im Pflegealltag herangeführt, zum Beispiel den Körperkontakt mit Patienten, die sich nicht selber versorgen können, die Hilfe bei der Körperpflege oder der Nahrungsaufnahme benötigen“, erklärt Ulrich Söding, Leiter des Instituts für berufliche Bildung im Gesundheitswesen bei Vivantes. Dabei werden auch psychologische Aspekte aufgegriffen, wie zum Beispiel: Wie gehe ich mit einem Patienten um, der Schmerzen hat oder eine schwierige Diagnose erhalten hat?

Ein Praktikum vorweg als Bewährungstest

Justin Lemm ist inzwischen im vierten Semester seiner Ausbildungszeit. Er hatte sich bereits zu Schulzeiten im Jugendrotkreuz und bei der Jugendfeuerwehr engagiert und dann entschieden, dass er in der Krankenpflege arbeiten will. Und durch ein Schülerpraktikum auf einer Krankenhausstation für Urologie wusste der heute 21-Jährige, was da auf ihn zukommt: „Man sollte schon ein Praktikum vorher machen, ein paar Wochen miterleben, was Grundpflege überhaupt bedeutet“, empfiehlt er. „Es ist was anderes, ob man sich selber pflegt oder einen fremden Menschen.“ Und man sollte auch mal intensive Gerüche oder den unschönen Anblick einer chronischen Wunde aushalten können. Außerdem müsse einem klar sein: „Die Pflegeausbildung bedeutet sehr, sehr viel Lernen. Es ist wirklich wie ein halbes Medizinstudium“, so Lemm.

Eine gute Kondition ist wichtig

Der Stundenplan der mehrwöchigen Theoriephasen ist prall gefüllt: Gesundheits- und Krankenpflege samt wissenschaftlichem Hintergrundwissen, unter anderem in Hygiene, Mikrobiologie, Ernährungslehre oder Gesundheitsförderung, pflegerelevante Kenntnisse aus den Naturwissenschaften, zum Beispiel Krankheitslehre, Anatomie und Physiologie, Pharmakologie, aber auch Stoff aus Geistes- und Sozialwissenschaften wie Psychologie, Soziologie, Pädagogik sowie aus Recht, Politik und Wirtschaft.

Auch die Praxisblöcke dauern jeweils mehrere Wochen. Die Pflegeschüler lernen verschiedene Fachgebiete wie Chirurgie, Psychiatrie, Innere Medizin kennen. „Der Gesetzgeber hat hier mit der Ausbildungs- und Prüfungsordnung ganz klare Vorgaben gemacht, die Auszubildenden haben nur wenige Wahlmöglichkeiten“, erklärt Ulrich Söding. Lediglich den Ort des Wahleinsatzes, der 200 Stunden umfasst, können sich die Azubis selber aussuchen. „Wir geben dabei interessierten Schülern auch die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und dafür in ein anderes EU-Land zu gehen“, so Söding. Am Schluss legen die Schüler eine Prüfung ab – schriftlich, mündlich und praktisch.

Nach dem Examen gibt es verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten, etwa zur Fachpflegekraft, beispielsweise für Psychiatrie, Geriatrie oder Onkologie. Auch ein Hochschulstudium in Pflegepädagogik, Pflegemanagement oder Pflegewissenschaften ist möglich.

Kommunikationsfähigkeit, Empathie, physische und psychische Belastbarkeit sind wichtige Voraussetzungen für diesen Beruf. „Man sollte auch in stressigen Situationen freundlich bleiben können. Und körperlich fit sein“, rät Justin Lemm. „Man läuft etwa zehn bis 15 Kilometer pro Tag.“ Aber auch Schreibtischarbeit gehöre zum Job, betont Ulrich Söding. Das Ganze im Drei-Schicht-System inklusive Wochenenddiensten. Neben sozialer Kompetenz sollte man Organisationstalent mitbringen und gerne im Team arbeiten, das sei bei diesem Beruf unerlässlich, so Söding.

Trotz aller Anforderungen: Auf jeden Krankenpflege-Ausbildungsplatz bei Vivantes kommen vier bis sechs Bewerbungen. Die Ausbildungsvergütung liegt zwischen 1140 und gut 1300 Euro monatlich je nach Ausbildungsjahr und die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sind gut, trotz Digitalisierung, Pflegerobotern oder Online-Medizin. „Sicherlich werden solche Aspekte das Berufsbild in Zukunft stärker prägen, die Digitalisierung wird in der Pflege eine wichtige Rolle spielen“, sagt Ulrich Söding. „Aber ich kann nicht online pflegen.“ Der pflegerische Sachverstand und der persönliche Kontakt zum Patienten werden immer benötigt, davon ist Söding überzeugt. Ab 2020 gibt es eine Reform der Ausbildung. Dann wird die Ausbildung nicht mehr unterteilt in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege, sondern wird umfassend auf die Pflege von Menschen aller Altersstufen in allen Versorgungsbereichen vorbereiten. Die neue Berufsbezeichnung lautet dann Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann.
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