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Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2019

Montessori-Pädagogik an Berlins Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule

Ein neues Konzept animiert Schüler der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule zum selbstständigen Denken und Lernen. Das führt sie erfolgreich bis zum Abitur

Beim täglichen Morgenkreis werden aktuelle Weltnachrichten genauso besprochen wie Probleme innerhalb der Gemeinschaft. GRAFIK: MUCHMANIA / ISTOCK

Sylvia Chybiak 
 
Es klingt nach einem Traum für jeden Schüler: früh entspannt im Morgenkreis ankommen, dessen individuelle Gestaltung vorher von der Gemeinschaft abgestimmt wird. Danach Unterricht in altersgemischten Klassen, in denen der Konkurrenzdruck deutlich abgeschwächt ist. Siebtklässler lernen gemeinsam mit Acht-, Neunt- und Zehntklässlern, Empathie und Sensibilisierung sind hier die Zauberformeln im Umgang miteinander. Noten gibt es erst zum Ende der neunten Klasse. Offenes Lernen in Gruppen ermöglicht jedem Jugendlichen sein ganz eigenes Tempo, Pausen können gemacht werden, wann immer sie benötigt werden.

Kindern eine Chance geben

Dass das nicht nur ein Traum ist, beweist eine Gemeinschaftsschule in Steglitz-Zehlendorf, wo dieses Konzept von der Grundstufe bis zur Sekundarstufe II verwirklicht wird. Die Anna- Essinger-Gemeinschaftsschule, benannt nach der schwäbischen Reformpädagogin, hat Individualisierung ganz oben auf den Lehrplan gesetzt. Die Schule folgt Essingers Credo: „Reiche Kindern die Hand, gib ihnen eine Chance”.
Wie in jeder Gemeinschaftsschule können die Schüler am Ende der zehnten Klasse die Berufsbildungsreife, die erweiterte Berufsbildungsreife oder den mittleren Schulabschluss erwerben. In diesem Kontext wird auch über den Übergang in die schuleigene gymnasiale Oberstufe entschieden, die es hier seit dem Schuljahr 2014/15 gibt. Etwa 75 Prozent der Oberstufenschüler kommen aus der eigenen Mittelstufe, ein Viertel mit entsprechender Qualifikation von anderen Schulen. 45 Schülerinnen und Schüler haben in diesem Jahr das Abitur abgelegt. Die im Laufe der ersten zehn Jahre erworbenen Kernkompetenzen haben den Gymnasiasten durchaus genutzt.

„Die Abiturienten wissen, worauf es in der Oberstufe ankommt, sie haben eine klare Vorstellung von ihren Fähigkeiten”, sagt Schulleiter Andreas Hanika. „Wenn sie unsere Schule verlassen, fühlen sie sich als vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft.”

Der Montessori-Pädagogik folgend, wird in der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule auf Eigenverantwortung, Wertschätzung und Vertrauen in die Lernenden großen Wert gelegt. Ein erfolgreiches Modell: 2016 wurde die Bildungsstätte mit dem renommierten Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung ausgezeichnet. Bewertet wurden dafür die Qualitätskriterien Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution.

„Wenn sie unsere Schule verlassen, fühlen sie sich als vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft.“

Andreas Hanika, Schulleiter

„Sieh mich, begleite mich, lass mich – SEIN“ – Das Leitbild der Schule gilt für Schüler, Lehrende und Mitarbeiter, aber auch für Eltern gleichermaßen. Gebunden an den Rahmenlehrplan haben die Schüler verschiedene Möglichkeiten der Mitbestimmung, so zum Beispiel die Wahl des Lernortes wie Klassenraum oder sogenannte Lernlandschaften. In der Freiarbeit können sie wählen, was sie wann, in welcher Form, mit welchem Material bearbeiten und wie sie die Ergebnisse präsentieren. Dabei werden sie nicht sich selbst überlassen, sondern folgen einem durchdachten Schulkonzept. Schlüsselqualifikationen werden als Lernziele vermittelt. Dazu gehören Arbeitstechniken, Ausdauer und Sorgfalt, Interesse, Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Teamgeist, Achtsamkeit und Umgangsformen. Besonders wichtig sind die individuellen Lernpläne, die die Schüler für ihre Arbeit zu entwickeln lernen. „Sie bekommen mit der Zeit eine klare Vorstellung von ihren Fähigkeiten und erkennen ihren eigenen Stellenwert”, so Andreas Hanika, der selbst als Klassenleiter unterrichtet.

Wiederkehrende Rituale bestärken die Jugendlichen und fördern Vertrauen in das eigene Können. Dazu gehört bis zur zehnten Klasse auch der tägliche Morgenkreis. Aktuelle Weltnachrichten werden besprochen und der sogenannte Klassenrat bildet ein Forum, in dem beständiger Austausch und Selbstreflexion stattfinden.

Lernen will gelernt sein

In der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule gilt das Prinzip „Lebensnahes Lernen”, besonders soziale Kompetenzen werden gefördert. Aktuell hat die gesamte Abiturklasse 2019 eine Bildungsfahrt ins polnische Krakau organisiert und die Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau besichtigt. Daraus resultierte auf Schülerinitiative eine Einladung an den israelischen Botschafter, der zu einer Diskussionsrunde in die Schule kam, und die Beschäftigung mit den „Stolpersteinen” in der unmittelbaren Schulumgebung. „Unsere Schüler und Lehrkräfte setzen sich für eine kluge, demokratische und tolerante Gesellschaft ein”, sagt Andreas Hanika.

Von den freien Arbeitsformen der Mittelstufe wechseln die Gymnasiasten zu einer klaren Methodenstruktur in der Oberstufe. Der Teamfindung dienen das Darstellende Spiel und die Lernstationenarbeit. Festigung, Sicherung und Vertiefung des Wissens sind die Schwerpunkte der Einführungsphase. In dieser Zeit wird der Fokus auf die Kurswahl gelegt, in aufmerksamer Begleitung durch die Lehrerschaft. In der Qualifikationsphase führen Seminarkurse in wissenschaftliche Arbeitsmethoden ein. Denn ein Zentralabitur will erst einmal absolviert werden, auch hier an der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule.

Arbeitsgemeinschaften gehören zum Schulkonzept und Teilnahme ist Pflicht. Aber die Pflichten klingen gut: Zirkus-, Graffiti- und Kanu-AG. Ob im Probenraum mit der Rockband ein paar neue Songs einstudieren, in der Küchen-AG Gelees herstellen oder draußen im Schulgarten die Schafe und Blumen betreuen – den Schülern gefällt’s.

„Wir sind eine herausragende Schulgemeinschaft”, sagt Andreas Hanika. „Ich bin stolz auf die gegenseitige Wertschätzung und den Respekt, den wir hier einander entgegenbringen. Schule geht nur innovativ, mit Blick auf die Stärken und mit Persönlichkeiten. Man muss an sie glauben und dafür arbeiten.”

Ob Ausbildungsplatz nach der zehnten Klasse oder Abitur – an der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule lassen sich viele Träume verwirklichen.
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