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EXTRA: ARBEITGEBER ÖFFENTLICHER DIENST

„Der digitale Wandel ist in den Bibliotheken angekommen“

Berlin bietet eine breite Bibliothekslandschaft mit vielfältigen Jobprofilen. Ein Gespräch über das Arbeiten in den modernen Bücherhallen

Orte des Lernens: Als eine von 13 Universitäts- und Hochschulbibliotheken in Berlin bietet das Grimm-Zentrum ideale Arbeitsbedingungen und den Zugang zu analogen und digitalen Medien. FOTO: CHRISTOPHE GATEAU / PICTURE ALLIANCE/DPA

Die Digitalisierung verändert das Bibliothekswesen und die Arbeit der Bibliothekare fundamental. In Zeiten von E-Books, VPN-Clients und Suchmaschinen muss sich die traditionelle Bibliothek neu erfinden. Bedeutet das, es wird in Zukunft gar keine Regale voller Bücher mehr geben? 

Nein, sagt Andreas Degkwitz. Er ist Direktor der Universitätsbibliothek der HU Berlin, zu der auch das Grimm-Zentrum gehört, sowie Bundesvorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes. Mit ihm sprachen wir über die neuen Anforderungen an die Mitarbeiter in den Bibliotheken und deren Entwicklungsperspektiven.

Berliner Morgenpost: Herr Degkwitz, was ist der Auftrag von Bibliotheken?

Andreas Degkwitz: Bibliotheken sind Orte der Teilhabe – Teilhabe an Informationen, an Kultur und Wissen. Bibliotheken, wissenschaftliche wie öffentliche, haben eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Aufgabe, die über die Sammlung und Aufbewahrung von Büchern weit hinausgeht.

Studierende können mittlerweile auch online auf Bücher zugreifen. Gleichzeitig ist vor allem das Grimm-Zentrum jeden Tag voller Menschen. Was macht Bibliotheken weiterhin so beliebt?
Prof. Dr. Andreas Degkwitz ist Direktor der Universitätsbibliothek der HU Berlin und Bundesvorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes. FOTO: LUKAS BERGMANN/DBV
Prof. Dr. Andreas Degkwitz ist Direktor der Universitätsbibliothek der HU Berlin und Bundesvorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes. FOTO: LUKAS BERGMANN/DBV
Gerade in der Coronazeit merken wir, wie viele Studierende unbedingt weiterhin ins Grimm-Zentrum kommen wollten. Dies liegt zum einen daran, weil man hier gut arbeiten und lernen kann. Zudem gibt es hier kuratiertes Wissen, das leicht zugänglich ist. Und sehr geschätzt sind selbstverständlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Servicetheken, die jederzeit gefragt werden können. Bibliotheken werden heute verstärkt als Orte für konzentriertes Lernen, Austausch mit anderen und zur Vorbereitung auf Prüfungen genutzt.

Welche Fähigkeiten sind erforderlich, um in einer Bibliothek zu arbeiten?

Bücher und Medien zu mögen, das schadet mit Sicherheit nicht. Die Anforderungen haben sich stark erweitert. Heutzutage müssen sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare für Kommunikation, für das Management neuer Herausforderungen sowie für digitale Medien und Services interessieren. Gängige Tätigkeiten in Bibliotheken sind, Nutzerinnen und Nutzern Informations- und Digitalkompetenz zu vermitteln, neue Literatur und Medien – mehr und mehr als Lizenz – einzukaufen und für die Recherche zu erfassen, Nutzer zu beraten sowie Diskussionen und Veranstaltungen zu organisieren. Das Bild von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die hauptsächlich Bücher in verstaubten Regalen suchen, um sie an den Theken zu verleihen – das stimmt schon lange nicht mehr.

Welche Ausbildungswege gibt es?

Die deutliche Mehrzahl der Stellen im Bibliotheksbereich ist im öffentlichen Dienst angesiedelt und wird nach den Tarifverträgen des öffentlichen Diensts bezahlt. In Berlin gibt es 13 staatliche Universitäts- und Hochschulbibliotheken sowie 81 öffentliche Bibliotheken, die zum Verband VÖBB zusammengeschlossen sind, und außerdem über 100 Spezial- und Forschungsbibliotheken. Für Bibliothekarinnen und Bibliothekare besteht die Möglichkeit, eine Position im mittleren, gehobenen oder höheren Dienst einzunehmen. Für die Einstufung ist die Art des Ausbildungswegs maßgeblich. Die Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste durchlaufen eine staatlich anerkannte Ausbildung. Nach der dreijährigen Berufsausbildung, die in fünf Fachrichtungen gegliedert ist (Archiv, Bibliothek, Information und Dokumentation, Medizinische Dokumentation sowie Bildagentur), können sie sich auf Stellen im mittleren Dienst bewerben. Ein weiterer Weg führt über den Studiengang „Bibliotheks- und Informationswissenschaften“. In Berlin bietet das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der HU Berlin den Bachelorstudiengang an. Nach erfolgreichem Abschluss können sich Absolventen als Bibliothekarinnen und Bibliothekare im gehobenen Dienst bewerben. Die dritte Stufe ist der höhere Dienst. Hierfür ist ein abgeschlossener Master oder auch eine Promotion erwünscht. Fachreferentinnen und Fachreferenten müssen über Bibliothekswissenschaften hinaus ein zusätzliches Fach, beispielsweise Geschichte, bis zum Master studieren. Nach dem Abschluss schließt sich ein 24-monatiges Bibliotheksreferendariat an, das ebenfalls für den höheren Dienst qualifiziert.

Wie beurteilen Sie die Berufsperspektiven für Einsteiger?

Die Berufschancen der Absolventen werden als sehr gut eingeschätzt. Der digitale Wandel ist in den Bibliotheken angekommen und muss von kompetenten Fachkräften kommuniziert und gestaltet werden. Dafür wird in den kommenden Jahren viel Personal benötigt. Zudem können ausgebildete Bibliothekare auch außerhalb von Bibliotheken erfolgreich sein, etwa in Verlagen oder im Informationsmanagement von Unternehmen. Maleen Harten
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