Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: BACHELOR-, MASTER- UND DUALE STUDIENGÄNGE

Einem Kunstfahnder auf der Spur – über eine besondere Karriere bei der Polizei

René Allonge gehört zu den profiliertesten Kunstkriminalisten der Berliner Kriminalpolizei. Sein Weg führte ihn nach dem Studium direkt in den gehobenen Dienst

Kunstfahnder René Allonge absolvierte sein Studium für den gehobenen Polizeidienst an der HWR Berlin. FOTO: LANDESKRIMINALAMT BERLIN / MARKUS HILBICH

Der Fall machte Schlagzeilen. In einer stürmischen Dezembernacht im Jahr 1979 wurden aus dem Herzoglichen Museum der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha fünf Gemälde niederländischer Meister entwendet. Der Fall ging als größter ungeklärter Kunstraub in die Geschichte der DDR ein. 40 Jahre später, im Sommer 2019, klingelte das Telefon beim Gothaer Bürgermeister Knut Kreuch. Ein Anwalt bot ihm alle fünf Gemälde zum Kauf an.

Nach einem persönlichen Treffen und langen Verhandlungen einigten sich Bürgermeister Kreuch und der Anrufer auf die Übergabe der Bilder auf dem Parkplatz des Berliner Rathgen Forschungslabors. Im ältesten Museumslabor der Welt sollten sie auf ihre Echtheit geprüft werden. Das Rathgen-Forschungslabor informierte daraufhin das Landeskriminalamt (LKA) Berlin. „Im Zuge der darauf eingeleiteten Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Stiftung Schloss Friedenstein durch einen angebotenen Rückkauf mutmaßlich um einen Millionenbetrag erpresst wurde“ erinnert sich René Allonge. Seit elf Jahren leitet der Kriminalist das Kommissariat „Kunstdelikte“ beim LKA Berlin, seit rund 30 Jahren ist er Polizeibeamter. Als es am 30. September 2019 zur Übergabe der Bilder kam, war er leitender Ermittler. Doch wie wird man Kriminalist – und wie sieht der Arbeitsalltag eines Kunstfahnders aus?
Der Weg in den Polizeiberuf führt über das dreijährige Bachelor-Studium „Gehobener Polizeivollzugsdienst“ an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin. Das sogenannte interne Studium ist auf den öffentlichen Dienst zugeschnitten – und ist einem dualen Studium gleichzusetzen. Die Studierenden absolvieren während ihrer Studienzeit Praktika von insgesamt zwölf Monaten, in denen sie zum Beispiel an Trainings auf Polizeistationen teilnehmen und in verschiedenen Dienststellen arbeiten. Auf dem Lehrplan stehen Module über Kriminalistik, Strafrechtliche Grundlagen, Grund- und Menschenrechte, Polizei- und Ordnungsrecht und Sport.

Ein gutes Auge und vernetztes Arbeiten gehören zum Job

Die Studierenden lernen die Entstehung und Einschätzung von Risiken kennen und erhalten das notwendige Rüstzeug für den Umgang mit gefährlichen Situationen. Zudem erwerben sie Kenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge. „Frauen werden gefördert und Sprachkenntnisse sowie interkulturelle Kompetenzen sind bei Bewerberinnen und Bewerbern von Vorteil“, so Bianca Näthe vom Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement. Schon heute sind rund 40 Prozent der Studierenden Frauen.

"Natürlich spielt sich auch viel am Schreibtisch ab. Man muss viel lesen, man muss Informationen verwerten. Wir arbeiten viel am Computer, schreiben Berichte und vieles läuft ja auch über Datenbanken."

René Allonge, Kunstfahnder bei der Kripo Berlin

Interessierte können sich nur direkt bei der Polizeibehörde bewerben. Während des Studiums sind sie als Beamter oder Beamtin auf Widerruf eingestellt und erhalten entsprechende Bezüge. Die Studienbewerber entscheiden sich für einen der beiden Laufbahnzweige Schutzpolizei oder Kriminalpolizei und Gewerbeaußendienst. Eine Spezialisierung erfolgt ab dem dritten Semester. Werden die Studierenden von der Polizei übernommen, stehen ihnen vielfältige Karrierewege im gehobenen Polizei vollzugsdienst offen. Auch René Allonge besuchte die HWR Berlin. Seit 1997 ist er beim Landeskriminalamt und war in verschiedenen Bereichen tätig: Er ermittelte bei Eigentumsdelikten, im Bereich der organisierten Kriminalität, bei Einbrüchen, bei Erpressungen von Wirtschaftsunternehmen und internationaler Kfz-Verschiebung. Seit 2009 arbeitet er im Kunstbereich. „Ich hatte nach einer neuen Herausforderung gesucht und mich gezielt auf diese Stelle beworben“, sagt er.
Nach ihrem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin können die Absolventen eine Karriere im gehobenen Dienst starten – etwa im Bereich der organisierten Kriminalität oder Eigentumsdelikte. FOTO: BERND V. JUTRCZENKA / PA
Nach ihrem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin können die Absolventen eine Karriere im gehobenen Dienst starten – etwa im Bereich der organisierten Kriminalität oder Eigentumsdelikte. FOTO: BERND V. JUTRCZENKA / PA
Er steht in seinem Büro, die Wände sind geschmückt mit Kunstwerken. Könnte das ein Franz Marc sein? Ein Martin Kippenberger? Ein Heinrich Campendonk? „Nein alles Fälschungen“, sagt er. Wie Trophäen seines Erfolgs hängen sie in seinem Büro. Rund 250 Fälle, die irgendwas mit Kunst zu tun haben, gehen jährlich über seinen Tisch. Fast jeden zweiten klärt das neunköpfige Ermittlerteam auf. Dabei geht es nicht nur um das Aufspüren von Kunstfälschungen. Es geht um Kunstraub, um Kunsthehlerei und um Sachbeschädigung von Kunstwerken. Als im vergangenen Jahr auf der Museumsinsel Berlin mehrere Kunstwerke mit Öl benetzt wurden, war René Allonge vor Ort. „Und wir klären ja nicht nur unsere eigenen Fälle auf, sondern unterstützen auch Kollegen, beispielsweise die Mordkommission, wenn ein Kapitalverbrechen stattgefunden hat, bei dem vielleicht ein Kunstwerk weggekommen ist.

Zu den wichtigsten Werkzeugen eines erfolgreichen Kriminalisten gehöre natürlich ein gutes Auge. „Dass man also gut Dinge erkennen kann“, sagt Allonge. Zudem eine gute Merkfähigkeit, damit man die Zusammenhänge richtig in Verbindung setzen und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen könne. Und ein gutes Gedächtnis, um sich lange an das zurückzuerinnern, was gesucht werde. „Und ich glaube, dass eine Vernetzung sehr notwendig ist. Ich habe vorher keine Dienststelle erlebt, in der ich gearbeitet habe, wo ich auch so angewiesen war auf eine gute Zusammenarbeit mit Museen, mit Sammlern, mit Experten, mit Journalisten.“

Sein Arbeitsalltag ist alles andere als monoton. „Natürlich spielt sich auch viel am Schreibtisch ab. Man muss viel lesen, man muss Informationen verwerten. Wir arbeiten viel am Computer, schreiben Berichte und vieles läuft ja auch über Datenbanken.“ In seinem Büro herrsche ein ständiges Kommen und Gehen, und oft käme er erst am Abend dazu, all die gesammelten Informationen aufzuarbeiten. Rund 50 Prozent seiner Arbeitszeit verbringe er im Büro, die andere Zeit sei er unterwegs. Wird ein Kunstwerk gestohlen, begeht er den Tatort, vernimmt Zeugen. „Wir versuchen, Anhaltspunkte zu finden über den Verbleib der Kunstwerke, die dann auch dazu dienen, die eigentliche Straftat aufzuklären.“ Und im Fall Gotha war er bei der Übergabe der Gemälde dabei, hat mit seinem Team die Bilder sichergestellt und die anschließenden Ermittlungen geleitet. „In diesem Fall haben wir nach über 40 Jahren noch überraschende Details aufklären können“, sagt er. „Wir wussten, dass die Bilder noch auf den internationalen Suchlisten standen bei Interpol. Das ist ja ein ganz entscheidender Marker.“

Über Einzelheiten, was am Tag der Bildübergabe am Rathgen Forschungslabor stattfand, kann René Allonge keine Auskunft geben. Ermittlungstechnisch sei der Fall zwar abgeschlossen und der Justiz zur Entscheidung vorgelegt worden. Aber aufgeklärt? Aufgeklärt sei der Fall noch nicht. Ermittlungsstand sei, dass vermutlich ein DDR-Bürger den Raub begangen habe. Er konnte jedoch nicht mehr verhört werden, weil er 2016 gestorben ist. Er soll in den 1980er-Jahren auch die gestohlenen Gemälde in den Westen gebracht haben, wo sie 40 Jahre lang in einem Privathaushalt hingen. Doch es gebe einfach noch zu viele Ungereimtheiten, um den Fall als aufgeklärt zu betrachten.

Mittlerweile sind die sichergestellten und restaurierten Bilder seit Ende Oktober wieder zu besichtigen – im Herzoglichen Museum der Stiftung Friedenstein in Gotha. René Allonge gibt die Hoffnung nicht auf, den Kunstraub irgendwann lückenlos aufzuklären. „Ich habe immer die Maxime, dass ich versuchen möchte, die Wahrheit rauszufinden. Das gehört für mich dazu.“ DAGMAR TRÜPSCHUCH

Studienangebot

Am Fachbereich 5 der HWR „Polizei und Sicherheitsmanagement“ werden zwei Bachelor – und zwei Masterstudiengänge angeboten. Die Bachelorstudiengänge „Gehobener Polizeivollzugsdienst“ und Sicherheitsmanagement sowie die beiden Masterstudiengänge „Öffentliche Verwaltung – Polizeimanagement“ und „International Security Management“.

Beginn für den Studiengang „Gehobener Polizeivollzugsdienst“ ist jeweils zum Winter- und Sommersemester. Alle anderen Studiengänge starten entweder zum Sommer- oder Wintersemester.
Weitere Artikel