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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2020/2021

Erst Ausbildung, dann Studium

An der Beuth Hochschule für Technik Berlin studieren fast 200 Menschen ohne Abitur. Ihr Zugang? Ihre berufliche Qualifikation

Von der Praxis zur Theorie: Um den Studieneinstieg zu erleichtern, bietet die Beuth Hochschule für Technik Berlin Brückenkurse in den Naturwissenschaften an. FOTO:BILDAGENTUR-ONLINE/SCHOENING/DPA

VON DAGMAR TRÜPSCHUCH

Wer die Schule mit einem Mittleren Bildungsabschluss (MSA) verlässt, hat später dennoch die Chance, zu studieren. Denn der Weg an eine Hochschule oder Universität führt nicht zwangsläufig über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Seit rund zehn Jahren kann in Deutschland eine fehlende Hochschulzugangsberechtigung durch Berufserfahrung ausgeglichen werden. Das Berliner Hochschulgesetz regelt den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte im §11 BerlHG.

Diese Möglichkeit nutzen zurzeit bundesweit rund 60.000 Menschen. An der Beuth Hochschule für Technik Berlin studieren beispielsweise 200 Studierende als beruflich Qualifizierte. Es sind Männer und Frauen, die einen Meistertitel oder einen anderen hochqualifizierten Abschluss haben oder nach ihrer Ausbildung mindestens drei Jahre in ihrem Beruf gearbeitet haben.

Akademisch denken lernen und Lücken füllen

Bewerber sollten vor der Bewerbung prüfen, ob sie die Voraussetzungen der beruflichen Qualifikation erfüllen und welche Art der Hochschulzugangsberechtigung sie erlangt haben – die allgemeine oder die fachgebundene. Wer sich auf einen Studiengang bewerben möchte, der dem erlernten Beruf fachlich nicht ähnlich ist, muss eine Zugangsprüfung ablegen, um die Studierfähigkeit für das gewünschte Fach nachzuweisen.

„Wir erleben Studierende, die nach einer beruflichen Ausbildung ein Studium aufnehmen, als sehr motiviert“, sagt Michael Kramp, Vizepräsident für Studium, Lehre und Internationales an der Beuth Hochschule für Technik Berlin. „Mit dem in der Praxis erlernten strukturierten Arbeiten und einer klaren Zielorientierung schaffen sie das Studium in unseren Studiengängen mit hervorragenden Abschlüssen.“

„Wir erleben Studierende, die nach einer beruflichen Ausbildung ein Studium aufnehmen, als sehr motiviert.“

Michael Kramp, Beuth Hochschule für Technik Berlin

Julius Vollmer und Stefanie Weller sind zwei der Studierenden, die nach §11 des Berliner Hochschulgesetzes studieren. Julius Vollmer lernte Technischer Zeichner und arbeitete drei Jahre in einem Ingenieurbüro, bevor er sich entschied, an der Beuth Hochschule das Studium „Gebäude- und Energietechnik“ aufzunehmen. Durch Ausbildung und Berufstätigkeit hatte er eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung erworben. Gerade hat er seine Bachelorarbeit geschrieben. Seinen Job im Ingenieurbüro hat er auch während des Studiums nicht aufgegeben, durch Teilzeitarbeit finanzierte er seinen Karrieresprung. Die letzten Jahre waren für den 27- Jährigen eine große Herausforderung, besonders am Anfang des Studiums, als er sich in das akademische Denken hineinfinden und Lücken in Mathematik und Physik füllen musste. „Am Abend und am Wochenende habe ich zu Hause gesessen und gelernt.“
„Der Wechsel aus der Praxis ins Studium verlangt, erst einmal einen Hürdenlauf zu absolvieren“, sagt Michael Kramp. Studierende müssten die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens erlernen und ihr Wissen auffrischen, um ohne Schwierigkeiten den darauf aufbauenden Inhalten folgen zu können. Die Beuth Hochschule bietet dafür Brückenkurse in Fächern wie Mathematik, Physik und Informatik an, damit Berufstätige, die sich für ein Studium qualifiziert haben, Schulstoff wiederholen und festigen können.

„Man muss sich gut auf das Studium vorbereiten, besonders wenn die Schulzeit schon länger zurückliegt“, sagt Stefanie Weller. Nachdem sie kurz vor dem Abitur aus gesundheitlichen Gründen das Gymnasium verlassen hatte, machte sie die Ausbildung zur staatlich anerkannten Heilerziehungspflegerin, arbeitete zehn Jahre in ihrem Beruf und konnte sich an der Beuth mit der Allgemeinen Hochschulreife für das Studienfach „Architektur“ bewerben. „Ich habe mir meinen Jugendwunsch erfüllt“, sagt sie.

Die ersten Monate des Studiums waren dennoch herausfordernd. „Es war das Tempo, in einer bestimmten Zeit Dinge zu erarbeiten, und der technische Schwerpunkt“, sagt sie. Aber ihre Berufserfahrung und die damit einhergehende Fähigkeit, selbstbestimmt zu arbeiten, hätten ihr sehr geholfen. Auch sie hat gerade ihre Bachelorarbeit geschrieben – und möchte wie ihr Kommilitone Julius Vollmer ein Masterstudium anschließen.
    
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