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Themenwelten Berliner Morgenpost
EXTRA: AUSBILDUNG & STUDIUM 2021/2022

Erst mal was ganz anderes

Viele Jugendliche arbeiten für einige Zeit im Bundesfreiwilligendienst, bevor sie Ausbildung oder Studium antreten. Das soziale Engagement kann sogar für die berufliche Orientierung von Vorteil sein

Prägende Erfahrung: Während ihrer Zeit als Bundesfreiwillige können junge Erwachsene ins Arbeitsleben hineinschnuppern und Fähigkeiten wie Selbstorganisation und Verantwortungsgefühl stärken. FOTO: GETTY IMAGES

Wenn der Schulabschluss näher rückt, hören Jugendliche immer öfter die Frage: Und was machst du danach? Keine einfache Entscheidung, vor allem wenn man noch gar nicht so genau weiß, wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. Um das herauszufinden, gibt es viele Möglichkeiten. Eine von ihnen ist der Bundesfreiwilligendienst.

Diesen Weg hat auch die 19-jährige Naila Bernhardt eingeschlagen. Schon einige Jahre vor ihrem Abitur war der Berlinerin klar, dass sie sich danach für eine Weile sozial engagieren möchte, ehe sie sich auf ein Studium oder eine Ausbildung festlegt. „Ich wollte erst mal was ganz anderes machen und ein bisschen in die Arbeitswelt reinschnuppern“, sagt die Abiturientin. Sie bewarb sich für einen Bundesfreiwilligendienst im Kreativhaus Berlin, einer Kultur- und Begegnungsstätte für Menschen jeden Alters, und arbeitet dort inzwischen seit einem halben Jahr in einer Bastelwerkstatt für Kinder mit. „Das macht bisher wirklich Spaß“, erzählt sie. „Und ich merke, dass ich selbstbewusster geworden bin, weil ich hier aktiv auf andere zugehen muss.“
be Berlin
Bundesfreiwilligendienst kann bei der Berufswahl helfen

Seit 2011 ersetzt der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst, ist allerdings von Anfang an für alle Geschlechter offen – ähnlich wie ein Freiwilliges Soziales Jahr. Im Gegensatz zu Letzterem können allerdings auch ältere Personen einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren und das auch mehr als ein Mal.

Die Gründe für ein Engagement im Bundesfreiwilligendienst seien sehr unterschiedlich, sagt Peter Schloßmacher vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, dem Ansprechpartner für Freiwillige und teilnehmende Organisationen. „Für die einen ist es der Wunsch, sich für die Gesellschaft zu engagieren, für die anderen ist es vielleicht eine Möglichkeit, an ihren Aufgaben zu wachsen und sich dabei selber neu zu entdecken.“ Der Großteil der Stellen, die mit Bundesfreiwilligen besetzt werden, sind im sozialen Sektor, etwa in Krankenhäusern, Altenheimen oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Daneben sind aber auch Einsätze in den Bereichen Umweltschutz, Kultur, Sport und Integration möglich. Für ältere Teilnehmer kann der Bundesfreiwilligendienst eine Chance auf den Wiedereinstieg nach einer beruflichen Auszeit sein oder eine berufliche Neuorientierung bieten. Bei jüngeren Teilnehmern könne sich der Freiwilligendienst auch ganz konkret auszahlen, erklärt Schloßmacher: „Für zahlreiche Ausbildungs- und Studiengänge – vor allem im pädagogischen und pflegerischen Bereich – wird ein freiwilliger Dienst als Praktikum anerkannt.“

"Für zahlreiche Ausbildungs- und Studiengänge wird ein freiwilliger Dienst als Praktikum anerkannt."

Peter Schloßmacher, Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben

Naila Bernhardt war dieser Aspekt weniger wichtig. Sie hatte nie den konkreten Wunsch, beruflich in den sozialen Bereich zu gehen, auch wenn ihr die Arbeit mit anderen Menschen nun viel Freude macht. „Vor dem Bundesfreiwilligendienst hatte ich mir zuletzt den Beruf der Konditorin als Favoriten rausgepickt“, sagt sie. Im Laufe des ersten halben Jahres im Kreativhaus habe sie sich allerdings noch einmal umentschieden. „Mir ist klar geworden, dass der Beruf der Buchhändlerin wohl doch besser zu mir passt“, so die 19-Jährige. Sie habe gerade angefangen, sich auf entsprechende Ausbildungsstellen zu bewerben, und hoffe, im Herbst in einem Betrieb anfangen zu können. Mit ihren Aufgaben im Kreativhaus habe ihr Wunschberuf zwar wenig zu tun, aber dennoch sei die Erfahrung für sie persönlich sehr hilfreich, erklärt die junge Frau. „Ich lerne mich und meine Persönlichkeit hier in einer ganz anderen Umgebung kennen, sozusagen abseits vom Schul-Ich, bei dem man ja dann doch oft eine festgelegte Rolle spielt.“

Insgesamt absolvieren derzeit zehn Bundesfreiwillige ihren Dienst im Kreativhaus Berlin. „In diesem Jahr sind es wegen eines Trägerwechsels etwas weniger als sonst“, erklärt Angelika Schmidtchen, die für die Freiwilligenkoordination im Haus zuständig ist. „Im Schnitt haben wir im Jahr etwa 16 Freiwillige aus allen Altersgruppen.“

Jeweils mindestens sechs und höchstens 24 Monate kann ein Bundesfreiwilligendienst dauern. Vor allem bei jüngeren Teilnehmern komme es immer wieder vor, dass Freiwillige ihren Dienst verkürzten, weil sie zwischenzeitlich ein Ausbildungs- oder Studienangebot erhalten hätten, sagt Schmidtchen. „Das ist kein Problem, darauf sind wir eingestellt.“

Nach einer passenden Einsatzstelle für den Bundesfreiwilligendienst können Interessierte über die zentrale Webseite www.bundesfreiwilligendienst.de suchen. Die Suche lässt sich dort nach Wunschort und bevorzugten Einsatzgebieten eingrenzen. In den meisten Fällen erhalten die Freiwilligen von der Einsatzstelle ein kleines Taschengeld, das höchstens 426 Euro betragen darf, manchmal werden auch eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr oder eine Unterkunft gestellt. Regelmäßig sind für die Freiwilligen zudem kostenlose Weiterbildungsseminare vorgesehen.

Naila Bernhardt absolviert ihre Seminare gerade wegen der Corona-Beschränkungen online. Das Kreativhaus ist zurzeit für öffentliche Aktivitäten geschlossen, die Freiwilligen dürfen nur ein Mal wöchentlich vor Ort sein und besetzen dann den Infotresen. „Hoffentlich können wir bald wieder regelmäßig ins Haus“, sagt Bernhardt. „Ich vermisse die Arbeit mit den Kindern schon jetzt.“ JULIA FRESE

Was tun, wenn’s brennt?

Wer Feuer löschen und Menschenleben retten möchte, hat mehrere Ausbildungsmöglichkeiten
Luft nach oben: 2020 bewarben sich nur 31 Frauen um den Einstieg bei der Berliner Feuerwehr. FOTO: GETTY IMAGES
Luft nach oben: 2020 bewarben sich nur 31 Frauen um den Einstieg bei der Berliner Feuerwehr. FOTO: GETTY IMAGES
Feuerwehrmann werden – das ist der Kindheitstraum so manch eines Jungen. Ob Mädchen den gleichen Berufswunsch träumen, wenn sie immer nur von Feuerwehrmännern lesen und hören? Die Zahlen sprechen für sich: 2020 bewarben sich an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie (BFRA) 395 Jungen und 31 Mädchen für den direkten Einstieg „112 Direkt“ bei der Feuerwehr, um Brandmeister oder Brandmeisterin zu werden. „Ich wünsche mir, dass sich mehr Frauen bewerben“, sagt Harald Herweg, Leiter der BFRA. „Brände zu bekämpfen und Leben zu retten ist kein Männerberuf.“

Angehende Brandmeister üben unter realen Bedingungen

Wer sich bei der Feuerwehr bewirbt, hat die Option auf verschiedene Einstiegsmöglichkeiten und Laufbahnen. Dieser Text konzentriert sich auf den Einstieg, der direkt nach der Schule möglich ist – den „112 Direkt“ und den „112 Dual“, hinter dem sich der duale Bachelorstudiengang „Brandschutz und Sicherheitstechnik“ verbirgt, den die Berliner Feuerwehr in Kooperation mit der Beuth Hochschule durchführt.

Voraussetzung für den Start in die Ausbildung ist der mittlere Schulabschluss. Die erste Station ist das Oberstufenzentrum Bautechnik der Knobelsdorff-Schule, an der die Azubis eine 18-monatige handwerklich-technische Grundqualifizierung machen. „Diese Ausbildungseinheiten sind alle auf die späteren Anforderungen des Feuerwehrberufs zugeschnitten“, sagt Herweg. „Wer im Brandschutz arbeitet, muss in Notfällen beispielsweise Schlösser öffnen können oder auch in der Lage sein, die Standfestigkeit eines Gebäudes zu beurteilen.“

Nach der Grundausbildung geht es an die BFRA mit ihren spannenden Ausbildungsanlagen. Hierzu gehören eine Atemschutzstrecke, eine Rauchgasdurchzündungsanlage (RDA), eine Such- und Rettungsarena, ein Kettensägenübungsplatz, ein Pumpenübungsbecken, Übungstürme und eine U-Bahnstation. Die RDA beispielsweise ist ein Container, in dem es mehrere Hundert Grad Celsius heiß ist. In voller Montur und mit Atemschutzgerät gehen die jungen Menschen in den einen Feuerausbruch simulierenden Container. „Eine Stunde im RDA ist wie 20 Stunden Theorie“, sagt Herweg. Es gehöre schon eine Portion Mut dazu, diesen Beruf zu erlernen und später auch auszuüben. Aber auch Vorsicht, Teamgeist und Entscheidungskraft. „Wer nicht aufpasst, spielt mit seiner Gesundheit und seinem Leben.“

Die feuerwehrtechnische Ausbildung an der BFRA dauert weitere 18 Monate. „Hier lernen die jungen Menschen das Feuerwehrhandwerk, die Fahrzeuge, die Einsatztechniken und Notfallrettung kennen“, zählt Herweg auf. Auch Sport steht auf dem Lehrplan. Praktika machen die Lernenden in einer der 35 Feuerwachen. Die Ausbildung ist breit aufgestellt. Brandmeister arbeiten später als Maschinisten und im Angriffs-, Wasser- oder Schlauchtrupp. Maschinisten fahren die Fahrzeuge und bringen die Drehleiter in Stellung, der Wassertrupp baut die Wasserversorgung auf, der Schlauchtrupp verlegt die Schläuche. Der Angriffstrupp ist an vorderster Front, bringt den Brand unter Kontrolle und rettet Menschen. Jeden Morgen werden die Trupps eingeteilt, alle können alles, beim Einsatz arbeiten sie Hand in Hand.

BFRA plant ihren Umzug auf alten Flughafen Tegel

Harald Herweg hofft, dass seine Akademie 2027, wie geplant, auf den ehemaligen Flughafen Tegel umziehen kann. „Das schafft noch bessere Bedingungen für unsere Ausbildung“, sagt er. Zwei große Hangars würden dann als Übungshallen bereitstehen. Zudem hätte die BFRA dort eine größere Nähe zur Beuth Hochschule, die ebenfalls zum Teil nach Tegel ziehen wird. An der Beuth belegen Studierende beispielsweise Module wie Natur- und Ingenieurwissenschaften, in der vorlesungsfreien Zeit machen sie die feuerwehrtechnische Ausbildung an der BFRA. Nach ihrem Abschluss können sie in den gehobenen Dienst der Berliner Feuerwehr als Brandoberinspektor starten – wie auch die Brandmeister als Beamte der Stadt Berlin. DAGMAR TRÜPSCHUCH
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