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Abitur 2021

„Für die Zukunft konnten wir einiges lernen“

Das diesjährige Abitur unter Corona-Bedingungen war ein Kraftakt – für Schüler wie Lehrer. Doch es hat gezeigt: Schulische Prozesse können verändert werden. Ein Rück- und Ausblick

Die Lehrer Heiko Ramsthaler und Antoneta Berisha vom John-Lennon-Gymnasium wollen digitale Medien künftig verstärkt einsetzen. Ihre Schüler sollen mitbestimmen. FOTO: PRIVAT

Antoneta Berisha ist Lehrerin für Kunst und Französisch. Heiko Ramsthaler ist Lehrer für Mathematik und Musik. Gemeinsam leiten sie das John-Lennon-Gymnasium in Mitte, in dem 850 Schülerinnen und Schüler lernen. Mit uns sprachen sie über die besonderen Herausforderungen für den Abiturjahrgang im Corona-Jahr.

Berliner Morgenpost: Wie ging es Ihnen, als im März 2020 der erste Lockdown verhängt wurde?

Ramsthaler: Er hat uns durchaus sehr plötzlich erwischt. Wir hatten gerade unseren Studientag, eine Chorprobe, alles war normal. Und plötzlich hieß es: Nun bleiben alle zu Hause.

Berisha: Aber wir waren gut vorbereitet. Denn glücklicherweise haben wir seit fünf Jahren eine digitale Lernplattform, die die Schülerinnen und Schüler bereits kannten und die wir einsetzen konnten. Über diese bekamen sie ihre Aufgaben und Materialien online.
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Lief das digitale Lernen sofort reibungslos ab?

Berisha: Geholfen hat, dass wir uns gut mit den verschiedenen Gremien, also dem Kollegium, den Eltern und den Schülervertretern, ausgetauscht haben. Die Eltern waren immer sehr lösungsorientiert. Gab es ein Problem, hieß es gleich: Wie machen wir das?

Ramsthaler: Plötzlich mussten sich alle mit der Plattform befassen. Wir haben eine Hilfsbörse eingerichtet und uns im interaktiven Teamwork gegenseitig geschult. Ich fühlte mich als Lernender und Lehrender zugleich. Diese Umstellung auf den digitalen Schulalltag war anfangs schon belastend. Aber wir haben uns damit auseinandergesetzt, Neues entwickelt und improvisiert. Ein Beispiel dafür sind unsere Lernfilme. Ich habe eine Magnetwand als Tafel benutzt, auf dieser Aufgaben für den Mathematikunterricht vorgerechnet und das Ganze gefilmt.

Mit welchen Maßnahmen haben Sie die Schüler zusätzlich unterstützt?

Ramsthaler: Wir haben in der Schule Lernbüros eingerichtet, in denen Schülerinnen und Schüler, die sich abgehängt fühlten, in kleinen Gruppen gemeinsam lernen konnten.

Berisha: Normalerweise haben Lehrer und Lehrerinnen zwischen dem letzten Schultag und dem Beginn der Prüfungen keinen Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern. Dieses Jahr haben wir Konsultationsgespräche angeboten – das wurde sehr gut angenommen.

Was waren besondere Herausforderungen?

Ramsthaler: Die Korrekturen habe ich unterschätzt. Wenn 30 Aufgaben eingereicht werden, ist es wirklich schwierig, jedem Schüler noch ein persönliches Feedback zu geben.

Berisha: Wir haben erkannt, wie wichtig Kommunikation ist – und wie viel Kommunikation im Präsenzunterricht ganz nebenbei stattfindet. Wenn du in die Klasse gehst, sprichst du immer vor dem Unterricht mit dem einen Schüler oder der anderen Schülerin. So merkst du, ob es ihnen gut geht. Diese Wahrnehmung fehlt im digitalen Unterricht.

Ramsthaler: Im Präsenzunterricht motivieren sich die Schüler gegenseitig, indem sie in der Gruppe lernen. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl. Das Gefühl fällt weg, wenn jeder alleine vor dem Bildschirm sitzt.

Berisha: Ja, Begegnung stärkt das Selbstbewusstsein!

Was hat Sie im letzten Schuljahr besonders berührt, beeindruckt oder überrascht?

Berisha: Berührend fand ich, wie wichtig den Schülern der Präsenzunterricht ist. Unsere Abiturienten und Abiturientinnen haben richtig darum gekämpft, in die Schule kommen zu dürfen. Ich bin auch sehr froh zu sehen, dass unser Pandemie-Jahrgang 2021 das Abitur ganz gut hinbekommen hat.

Ramsthaler: Mich hat beeindruckt, wie sehr sich die Schüler und Schülerinnen mit der Pandemie beschäftigen. Das habe ich beispielsweise auch im Musikunterricht erlebt. Als Klausurersatzleistung bekamen sie die Aufgabe, ein Musikstück zu komponieren. In den Liedtexten drehte sich alles um Corona. Einige Songs waren wütend, andere zeigten Angst, aber auch ironische Beiträge waren darunter. Was kommt danach? Diese Frage treibt viele um.

Was nehmen Sie mit in die Zukunft?

Berisha: Das Lernen mit digitalen Medien mehr in den Schulalltag der Schüler zu integrieren. Und sie gleichzeitig verstärkt an der Planung ihres eigenen Lernprozesses zu beteiligen. So wird Lernen zeitgemäß.

Ramsthaler: Die Erkenntnis, dass alles ein Prozess ist. Veränderungen sind immer möglich. KIRSTEN NIEMANN
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