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Hat Tourismus eine Chance?

Der Traum vom vielen Reisen hat einen Knacks bekommen. Auch die angehenden Touristiker machen sich berufliche Sorgen

Wer in der Reisebranche arbeitet, hat Interesse an offenen Grenzen. FOTO: N. OKHITIN / ZOONAR/DPA

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In ferne Länder reisen, fremde Kulturen kennenlernen und den Kunden Reisen für die schönste Zeit des Jahres verkaufen – das macht für viele Menschen den Reiz an einer Karriere im Tourismus aus. Ob bei einem Reiseveranstalter, in einem Reisebüro oder als Dienstleister für Geschäftsreisende können Reisekaufleute einen Job finden.  

Seit der Corona-Krise jedoch geht es der Branche schlecht: Flugzeuge blieben am Boden, Grenzen wurden geschlossen, Reisen storniert. Das drückt auch auf die Stimmung bei den Auszubildenden in der Branche.  

Dagmar Baer, Fachbereichsleiterin Touristik am Oberstufenzentrum (OSZ) Lotis, unterrichtet an der Berufsschule angehende Touristiker, die eine duale Ausbildung zum Kaufmann/- frau für Verkehrsservice, Touristikkaufmann/-frau für Privat- und Geschäftsreisen oder Kaufmann/-frau für Tourismus und Freizeit absolvieren. „Die jungen Leute sind schon verunsichert. Sie sehen ihre Zukunft nicht gerade rosig: erst die Pleiten großer Unternehmen der Branche wie Thomas Cook und jetzt Corona“, sagt sie.

Abiturienten können Tourismus auch an einer Universität oder Fachhochschule studieren

Ellen Madeker, Deutscher Reiseverband

Eine Branche im Umbruch

Die Digitalisierung führt außerdem bereits seit einigen Jahren zu großen Umwälzungen in der Branche. Viele Reisende buchen ihre Flüge und Hotels bereits online. „Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass Standards an der Online-Theke gebucht werden und für besondere Reisen ein Reisebüro aufgesucht wird“, prognostiziert Dagmar Baer.

Die Zweifel der jungen Leute versteht sie, allerdings unterstreicht sie: „Mit den drei Ausbildungswegen, die wir anbieten, bekommen die jungen Menschen eine solide kaufmännische Ausbildung. Damit könnten sie notfalls auch in anderen Bereichen arbeiten.“ Auch die Tourismusbranche an sich ist durchlässig: Ein Wechsel vom Reisebüro zum –veranstalter, von Privat- zu Businessreisen ist möglich. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann mit seinem Abschluss eine Zusatzqualifikation in einem verwandten Bereich erwerben und ist dadurch später flexibler.

Viele Berufsschüler vom OSZ Lotis sind über ein Praktikum im Reisebüro zum Tourismus gekommen. Das empfiehlt auch Dr. Ellen Madeker vom Deutschen Reiseverband (DRV): „Egal, ob im Reisebüro, bei einem Reiseveranstalter oder an anderer Stelle in der touristischen Wertschöpfungskette, ein Praktikum bringt immer wertvolle Einblicke hinter die Kulissen. Aber auch ein Job als Reiseleiter oder Animateur kann eine spannende Alternative sein.“
  
Der Klassiker: Mit einer Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau/ -mann arbeiten viele im Reisebüro. FOTO: BENJAMIN NOLTE / DPA
Der Klassiker: Mit einer Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau/ -mann arbeiten viele im Reisebüro. FOTO: BENJAMIN NOLTE / DPA
Der klassische Einstieg in die Tourismuswirtschaft ist jedoch nach wie vor die Ausbildung zur Tourismuskauffrau beziehungsweise zum Tourismuskaufmann mit entsprechender Spezialisierung wie Reisevermittlung, Reiseveranstaltung oder Geschäftsreisen. „Abiturienten können Tourismus auch an einer Universität oder Fachhochschule studieren“, unterstreicht Ellen Madeker. So bietet die Hochschule für Wirtschaft und Recht zum Beispiel einen BWL-Bachelor mit der Fachrichtung Tourismus an.

Wer einen Job im Tourismus in Betracht zieht, sollte Interesse an Geografie, Sprachen und Kulturen mitbringen und natürlich selbst gerne reisen, um die Destinationen auch persönlich kennenzulernen. Auch Fremdsprachen sind wichtig, vor allem Englisch. Da der Job vom Kontakt mit den Kunden lebt, sollten Reisekaufleute kommunikativ sein sowie eine Dienstleistungs- und Serviceorientierung mitbringen. Für den kaufmännischen Teil des Jobs ist ein gutes Zahlenverständnis wichtig. Sie sollten offen sein für neue Technologien und die Digitalisierung, denn die Reisewirtschaft befindet sich im stetigen Wandel.

Wer für das kommende Lehrjahr einen Ausbildungsplatz sucht, könnte jedoch Probleme haben einen Ausbildungsplatz zu finden. Denn die Krise der Reisewirtschaft schlägt sich auch im Hinblick auf das neue Ausbildungsjahr nieder. Im Vergleich zur Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vorjahr planen die Unternehmen, nur noch rund halb so viele neue Ausbildungsplätze anzubieten. Im Berufsbild der Tourismuskaufleute ist der Rückgang mit 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr besonders deutlich, haben, heißt es beim DRV. „Natürlich ist die Corona-Krise eine Zäsur und stellt die Reisewirtschaft vor große Herausforderungen. Aber Fernweh und Reiselust sind weiterhin groß und der internationale Tourismus wird eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, die Wirtschaft im In- und Ausland wieder anzukurbeln“, sagt Ellen Madeker. Sie rät weiterhin zu einer Ausbildung in diesem Bereich: „Für uns ist Tourismus die schönste Branche der Welt: esser: Wo sonst gibt es ein so emotionales Produkt zu vermarkten und wo sonst kann man dem Kunden die schönsten Wochen des Jahres bescheren?“

JUDITH JENNER
               
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