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Themenwelten Berliner Morgenpost
Abitur 2021

Kämpfen und helfen

Im April traten die ersten Rekruten den neuen Freiwilligendienst „Dein Jahr für Deutschland“ an. Das Pilotprojekt findet Zuspruch – steht aber auch in der Kritik

Maximilian Möller, Rekrut.

Polizei Brandenburg
Rund zehn Kilometer laufen die jungen Leute durch den Wald. Sie tragen Tarnkleidung, ihre Füße stecken in „Knobelbechern“, wie die Lederstiefel für Soldaten genannt werden. Auf dem Rücken tragen sie einen Rucksack, über der Schulter ein Gewehr. „Ich habe immer geglaubt, ich sei sportlich. Aber das hier ist schon eine andere Nummer“, sagt Kimberly Lüdke. Sie ist eine von 26 Rekruten, die seit April in Berlin am neuen Pilotprogramm der Bundeswehr „Dein Jahr für Deutschland“ teilnehmen. Als einzige Frau in der Kompanie. „Damit komme ich gut klar.“

Nach ihrem Abitur hat die 25-Jährige ein Studium zur Modedesignerin in Schwerin absolviert. Und sie gibt zu: Die kreative Arbeit mit Textilien, Farben und Schnitten liegt ihr mehr am Herzen, als in Kampfmontur durchs Gebüsch zu robben. Trotzdem hatte ihr etwas gefehlt. Sie wollte noch einmal etwas Neues ausprobieren. Mehr Sport treiben, Kameradschaft erleben, etwas Sinnvolles tun. „Mein Bruder ist seit sechs Jahren als Panzergrenadier bei der Bundeswehr und hat mir empfohlen, mich beim Karrierecenter beraten zu lassen“, erzählt die junge Rekrutin. Dort hat Kimberly Lüdke vom Pilotprojekt erfahren. „Die Bundeswehr als Arbeitgeber hat mich interessiert. Es schien mir ein guter Weg, hineinschnuppern zu können, ohne mich für längere Zeit verpflichten zu müssen.“
Kimberly Lüdke, Rekrutin. FOTOS (2): KDOTERRAUFG/BW
Kimberly Lüdke, Rekrutin. FOTOS (2): KDOTERRAUFG/BW
So ähnlich sieht es auch Maximilian Möller. Der 18-Jährige hat im Corona-Jahr 2020 Abitur gemacht und wusste erst einmal gar nicht, was er danach machen wollte. Auch er hatte nie zuvor eine Waffe in der Hand gehalten. Ihn reizten Politikwissenschaften, vielleicht Jura oder Wirtschaftswissenschaften. Ein Studium in der Pandemie bedeutet jedoch auch, zu Hause vor dem Bildschirm zu hocken. „Eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr fand ich daher auch interessant. Der Freiwilligendienst im Heimatschutz gibt mir nicht nur die Möglichkeit, die Bundeswehr kennenzulernen. Ich bekomme hier eine Ausbildung.“

In den ersten drei Monaten absolvieren die Teilnehmer dieselbe soldatische Grundausbildung wie Wehrdienstleistende. Hier werden die wehrrechtlichen Grundlagen vermittelt. Es folgen ein Funkgerätetraining, die Ausbildung an Handwaffen und eine Sanitätsausbildung. Das harte Training stärkt die körperliche Fitness. Im dritten Monat lernen sie, alles Gelernte in einem Gefecht-Kontext anzuwenden.

"Dieser Dienst schien mir ein guter Weg, die Bundeswehr kennenzulernen, ohne mich lange verpflichten zu müssen."

Kimberly Lüdke, Rekrutin

Der Höhepunkt der allgemeinen Grundausbildung ist das Biwak: Hier lernen die Rekruten, im Gelände unter schwierigeren Bedingungen als Gemeinschaft zu leben und zu funktionieren. Tarnfarbe anlegen, Zelt aufbauen, Feuerstelle errichten, das Lager sichern. „Es war eine absolute Grenzerfahrung und ziemlich anstrengend“, erinnert sich Kimberly Lüdke. Nach dem fünften Tag machte es ihr sogar Spaß. „Die Gewissheit, alleine im Wald überleben zu können, das ist schon toll“, sagt Maximilian Möller.

Heimatschutz erst nach der Grundausbildung

Auf die Grundausbildung folgen vier Monate Spezialgrundausbildung, die der der Infanterie entspricht. Das ist die bewaffnete Bodentruppe, die für verschiedene militärische Operationen eingesetzt wird. Dabei geht es vor allem um Objektschutz: das Sichern von Konvois, Gebäuden, Brücken oder Lagern. Ihrer Aufgabe als Heimatschützer kommen die jungen Rekruten und Rekrutinnen also erst nach ihrer siebenmonatigen Grundausbildung nach. Dann stehen sie in einer Einheit in der Nähe ihres Wohnorts als Reservistendienstleistende der Territorialen Reserve zur Verfügung. Das bedeutet, dass sie innerhalb der nächsten sechs Jahre so lange an Übungen und Einsätzen teilnehmen, bis sie weitere fünf Monate Dienst abgeleistet haben. Sie helfen gemeinsam mit anderen Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk oder dem Roten Kreuz bei Naturkatastrophen, bei Großschäden oder aber auch bei Pandemien. Auslandseinsätze sind ausdrücklich nicht vorgesehen.

Rund 9000 Menschen haben sich auf die 1000 Ausbildungsplätze zum Freiwilligen Wehrdienstleistenden im Heimatschutz beworben. Der neue Dienst ist attraktiv: Im Vergleich zu anderen Freiwilligendiensten wird ihre Arbeit mit monatlich 1400 Euro netto relativ gut vergütet. Für den Reservistendienst ist ein Tagessatz von 87 Euro vorgesehen.

Auch die Bundeswehr profitiert von dem Programm: Möglicherweise kann sie dem einen oder der anderen Freiwilligendienstleistenden eine Laufbahn bei der Bundeswehr schmackhaft machen. Ein Grund, warum das Pilotprojekt auch als Trick, um Minderjährige als Soldaten anzuwerben, in der Kritik steht. KIRSTEN NIEMANN

Pilotprojekt

Der Freiwilligendienst ist ein Pilotprojekt und erst einmal nur für ein Jahr geplant. Die nächsten Einberufungstermine sind der 1. Juli und der 1. Oktober dieses Jahres sowie der 1. Januar 2022.
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