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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2020/2021

Mehr Frauen in die Technik!

Der Anteil weiblicher Auszubildenden in technischen Berufen ist nach wie vor zu gering. Dabei könnten sie hier viel verdienen

Das Berliner Projekt „girlsatec“ will Mädchen gezielt für technische Berufe begeistern. FOTO: FLORIAN LÄUFER/FLORIAN LÄUFER

DAGMAR TRÜPSCHUCH

Das Klischee lebt: Frauen und technische Berufe passen nicht zusammen. Wie sonst ließen sich diese Zahlen erklären? 2018 arbeiteten fast zwei Millionen Männer in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Mit 89 Prozent lag der Männeranteil hier noch vier Prozentpunkte höher als in Informatik- und anderen Informations- und Kommunikationstechnikberufen (IKT), in denen rund 900.000 Männer (85 %) beschäftigt waren. Der Frauenanteil veränderte sich in diesen männlichen Domänen jedoch kaum. Während sich im Vergleich zu 2012 der Anteil von Informatikerinnen (einschließlich IKT-Berufen) von 13 auf 15 Prozent erhöhte, sank er bei Maschinen- und Fahrzeugtechnikerinnen sogar von 12 auf 11 Prozent. Das sind die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik.

„Ich finde es faszinierend, zu löten, zu verdrahten und zu programmieren, und dann zu sehen, dass es funktioniert.“

Franziska Gerth, Auszubildende

Was ist der Grund – und was kann dagegen getan werden? Die Annahme, dass Frauen und Männer von Natur aus verschiedene berufliche Begabungen und Interessen haben, ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Dass jedoch Sozialisations- und Bildungsprozesse geschlechtsbezogen ausgeprägt sind, sei hingegen belegt, sagt Selma Tabak-Balks, die seit 2018 Projektleiterin von „girlsatec – Junge Frauen erobern technische Berufe“ ist, einem von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales geförderten Projekt, um Schülerinnen an technische Berufe heranzuführen. „Deswegen müssen wir auch die Eltern und Lehrenden erreichen“, sagt sie.

Herzstück des Projekts sind die „girlsatec-Botschafterinnen“, Frauen in gewerblichtechnischen Berufen, die auf Elternabende, in Schulen und auf Berufsmessen gehen, um von ihrer Arbeit als Elektronikerin, Mehr Frauen in die Technik! Fachinformatikerin, Konstruktionsmechanikerin oder Technische Produktdesignerin zu erzählen. „Für Schülerinnen ist es toll, weibliche Rollenvorbilder zu haben, eine junge Frau zu sehen, die den Beruf ausübt, dabei glücklich ist und auch noch gut verdient“, sagt Tabak-Balks. Auszubildende in gewerblichtechnischen Berufen verdienten nach IG-Metall-Tarif rund 1000 Euro brutto im ersten Lehrjahr, das Einstiegsgehalt liege bei 3400 Euro brutto.
Franziska Gerth und Magdalena Kretschmer sind zwei dieser rund 36 Botschafterinnen. Franziska Gerth ist Auszubildende im 2. Lehrjahr zur Elektronikerin Automatisierungstechnik, Magdalena Kretschmer hat im vergangenen Jahr diese Ausbildung abgeschlossen und bildet heute Franziska Gerth aus. Sie zeigt ihr den Weg, hochkomplexe, rechnergesteuerte Industrieanlagen einzurichten. Magdalena Kretschmer wollte einen Beruf erlernen, der zukunftsorientiert ist und ihr Planungssicherheit gibt. Franziska Gerth wollte etwas Praktisches erlernen. Die Einser-Schülerin hatte sich gegen den Widerstand ihrer Lehrerin durchgesetzt, kein Abitur zu machen, sondern in die praktische Ausbildung zu gehen. „Ich finde es faszinierend, zu löten, zu verdrahten und zu programmieren, und dann zu sehen, dass es funktioniert“, sagt sie. Als Botschafterinnen wollen sie das Klischee ausräumen, dass Technik schwer und nichts für Mädchen sei.

Weibliche Netzwerke helfen dem Nachwuchs

Auch das Technik-Camp, das in den Schulferien stattfindet, gehört zum Projekt. Hier lernen Schülerinnen die Welt der Technik-Berufe im Arbeitsalltag kennen. Angeleitet von den Ausbilderinnen löten, drahten und programmieren sie kleine Produkte in der großen ABB-Ausbildungswerkstatt.

Ein weiterer Meilenstein ist die Weiterbildung der Auszubildenden. So fahren die „girlsatecBotschafterinnen“ jeweils zum Ausbildungsstart mit den Neuen drei Tage lang in die Schorfheide – um sich weiterzubilden, sich kennenzulernen und um zu netzwerken. Die Themen legen die Frauen fest, es gab zum Beispiel schon Schlagfertigkeitstraining, Rhetorikübungen oder Seminare zu Zeitmanagement. Auch regelmäßige Botschafterinnentreffen sorgen für Stabilität und geben den Frauen auch nach der Ausbildung Kraft, in den männerdominierten Teams ihre Frau stehen zu können.
   
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