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Abitur 2019

Rütli-Campus ist das neue Konzept der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln

Die Rütli-Schule in Neukölln war 2006 ein Problemfall. Heute ist sie bei Eltern und Kindern sehr gefragt. Ein neues Konzept und eine enge Zusammenarbeit mit allen Beteiligten haben das möglich gemacht

Kreativ und musikalisch: Der Rütli-Campus hat sich zum beliebten Schulstandort entwickelt. FOTO: BILDAGENTUR-ONLINE/JOKO / PA

Sabine Flatau 
 
Die Rütli-Schule im Neuköllner Reuterkiez ist heute ein angesagter Bildungsort. Sie habe sich kontinuierlich zu einem Ort des gemeinsamen Lernens weiterentwickelt und erfreue sich einer steigenden Nachfrage, heißt es im Bericht der Schulinspektion von 2018. „Es herrscht ein wertschätzendes und angstfreies Arbeitsklima, welches durch klare Regeln und einen mehrheitlich freundlichen Umgang miteinander gekennzeichnet ist.“

Das war nicht immer so. 2006 machte die Rütli-Schule deutschlandweit Schlagzeilen. Lehrer hatten einen Brandbrief an den Senat geschrieben. Sie klagten über gewalttätige und respektlose Schüler, die das Mobiliar zerschlugen und nicht auf Anweisungen der Pädagogen hörten. Es gab rivalisierende Banden arabischer und türkischer Jugendlicher in der damaligen Hauptschule. Viele von ihnen sahen keine Perspektive für ihr Leben.

Der Brandbrief hatte Folgen. Er löste eine spannende Entwicklung aus. Der Campus Rütli entstand als Modellprojekt. Durch den Zusammenschluss von Heinrich-Heine-Realschule, Rütli-Hauptschule und Franz-Schubert-Grundschule entstand 2009 eine Gemeinschaftsschule. Ihr Motto: „Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren.“ Sie hat den Schwerpunkt Musik, geht von Klasse 1 bis 13 und vergibt alle in Berlin möglichen Schulabschlüsse.

Mehr Anmeldungen als Plätze

Derzeit lernen knapp 900 Kinder und Jugendliche an der Gemeinschaftsschule. In den Klassen der Sekundarstufen liegt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei 89 Prozent. In der Grundstufe sind es 58 Prozent. Die Schule ist gefragt. Für die Grundstufe gibt es derzeit 40 Anmeldungen mehr als Plätze. Also wird ausgelost. Cordula Heckmann ist seit 2009 Schulleiterin. „Wir haben von Anfang an gesagt, wir müssen genau hinschauen: Welche Schüler und Schülerinnen sind uns anvertraut? Und haben ein entsprechendes Programm und Angebot für sie gestrickt. Das wirkt sich ganz deutlich in der Schulatmosphäre aus.“

Die Rütli-Schule hat aufgrund ihrer Schülerschaft hohe Anforderungen an die Pädagogik. „Ich habe ein innovatives, sehr bewegliches Kollegium“, sagt Cordula Heckmann. Etwa 160 Pädagogen gehören dazu. „Es zeichnet uns aus, dass wir uns den Kindern auch in schwierigen Phasen widmen.“ Die ersten bis dritten Klassen haben ein offenes Ganztagsangebot, die vierten bis zehnten Klassen lernen im gebundenen Ganztag, bis 16 Uhr. In der Grundstufe wird erfolgreich das jahrgangsübergreifende Lernen praktiziert. Es soll im kommenden Schuljahr in einem kleinen Versuch auch von Siebt- und Achtklässlern erprobt werden.

„Der Anteil der sozial Benachteiligten in der Sekundarstufe ist hoch“, sagt Schulleiterin Heckmann. „Umso mehr sind wir stolz auf das, was wir mit diesen Schülern erreichen können. In den Jahrgängen 7 bis 13 sind es keine anderen Schüler als vor zehn Jahren, wenn man sich die Sozialdaten anguckt.“ Doch die Jugendlichen werden anders betreut und gefördert als früher. „Wir suchen nach guten Lösungen, machen gute Schule für diese Schüler. Wir setzen auf die Stärken, nicht aufs Defizit. Dann muss man ihnen auch das Abitur zutrauen.“

Die jungen Leute werden intensiv und individuell auf die Zeit nach der Schule vorbereitet. Es gibt ein Konzept für die Berufs- und Studienorientierung. Die Schüler besuchen Messen an Hochschulen und Universitäten. Studenten übernehmen Patenschaften für Jugendliche der Rütli-Schule. „Viele unserer Schüler sprechen weder korrekt Deutsch noch sprechen sie korrekt ihre Familiensprache“, sagt Cordula Heckmann. Deshalb wird in der 11. und 12. Klasse ein Kursus „Schreiben in der Oberstufe“ angeboten.

Schüler aus arabischen und türkischen Familien haben die Möglichkeit, in der Freizeit einen Volkshochschulkurs ihrer Familiensprache zu besuchen. „Wir empfehlen es“, sagt die Schulleiterin. „Und sie nehmen es wahr.“ Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie werden einmal im halben Jahr zu einem Gespräch über die Entwicklung ihres Kindes eingeladen. Dann berät der Klassenlehrer mit dem Schüler und seinen Eltern, was gut gelaufen ist und was verändert werden sollte. „Das wird als sehr ertragreich und hilfreich erlebt“, sagt Cordula Heckmann.

Elternfrühstück für gemeinsame Lösungen

Ein weiteres Format hat sich ebenfalls bewährt: Alle 14 Tage findet ein Elternfrühstück mit wechselnden Themen im Stadtteilzentrum auf dem Campus statt. Manchmal sitzen auch Mitarbeiter des Jugendamtes am Tisch. Die Lehrer tauschen sich wöchentlich untereinander über die Probleme in ihren Klassen aus und suchen Lösungen und neue Wege. „Ich empfinde es als Privileg, etwas tun zu dürfen, wo man gestalten und etwas bewirken kann“, sagt Schulleiterin Heckmann. „Es macht mich glücklich. Und ich bin manchmal erschöpft am Abend.“
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