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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2020/2021

Volkskunde 2.0

Studierende der Europäischen Ethnologie untersuchen die Alltagskultur in all ihrer Vielfalt und Komplexität. Der Studiengang an der HU ist persönlich und praxisorientiert. Auf Engagement und Eigeninitiative wird viel Wert gelegt

Bewegungen wie „Fridays for Future“ gehören zu den Forschungsinhalten im Studiengang Europäische Ethnologie. FOTO: PA/MICHAEL SOHN

Max Müller 

„Unter Ethnologen stellen sich die meisten abenteuerlustige Forscher vor, die nach Übersee reisen, fremde Kulturen ergründen und ihre Ergebnisse mit in die Heimat bringen“, sagt Christoph Bareither, Juniorprofessor am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin. „Das ist nicht falsch, im Kern aber nicht das, was bei uns gelehrt und woran geforscht wird.“ Sein Fach, das andernorts als Kulturanthropologie oder Empirische Kulturwissenschaft bezeichnet wird, beschäftigt sich – ausgehend vom europäischen Blickwinkel – mit Alltagsphänomenen und -kulturen in all ihrer Vielfalt und Komplexität. „Wir untersuchen gewissermaßen, wie wir als individuelle Menschen in komplexen Gesellschaften zusammenleben“, so Bareither.

„Unsere Studierenden lernen eine Art der Forschung, die mitten im Leben stattfindet“, sagt der Juniorprofessor. Das passiert mittels Interviews, unter Zuhilfenahme des Internets oder auch mit einer Methode, die als „teilnehmende Beobachtung“ bezeichnet wird. „Wir versuchen, Lebenswelten verständlicher und nachvollziehbarer zu machen.“ An der Humboldt Universität zu Berlin wird nicht aufgeteilt nach Ländern geforscht, sondern themen- und phänomenbezogen. Dazu zählen etwa Genderfragen, aber auch, wie bestimmte Gruppen im Alltag über Politik sprechen. Große Themenfelder sind auch Museum und Kulturerbe, städtische und ländliche Räume, Migration, das Verhältnis von Menschen zu ihrer Umwelt oder digitale Medien.
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Instagram als Quelle für Forschungsprojekte

Das Studium beginnt mit einer Einführungsphase, wo Gegenstand und Forschungsmethoden des Fachs im Fokus stehen. Schon in dieser Anfangsphase können die Studierenden ihre eigenen Themen einbringen. Sowohl im Bachelor als auch im Master bilden ein- oder zweisemestrige Studienprojekte einen Schwerpunkt der Ausbildung. Dabei wird im Team eine Forschungsarbeit durchgeführt. Bei Christoph Bareither lautete das letzte übergreifende Projektthema etwa „Curating the digital and everyday life“ („Das Digitale im Alltag gestalten/kuratieren“). „Eine kleinere Gruppe innerhalb des Projekts setzt sich aktuell mit der Darstellung von Körperbildern auf Instagram auseinander, eine andere untersucht die Wahrnehmung des Klimawandels als Klimakrise auf Twitter, eine weitere untersucht Pornografie im Internet. Das Ergebnis wird eine digitale Ausstellung auf einer interaktiven Website.“ Ein anderer Kollege wiederum entwickelte jüngst mit seinen Studierenden Brettspiele, aufbauend auf ihren Forschungsergebnissen zum Thema Gentrifizierung der Großstadt – dadurch lässt sich interaktiv vermitteln, wie komplex die aktuellen Kämpfe um den Stadtraum Berlins sind.

„Wir versuchen, Lebenswelten verständlicher und nachvollziehbarer zu machen.“

Christoph Bareither , Institut für Euopäische Ethnologie, HU Berlin

Auch wenn das ganze spielerisch klingt, lässt Bareither keinen Zweifel daran, dass es sich um ein akademisches Fach mit hohen wissenschaftlichen Standards handelt. Wie auch in anderen Fächern wird vor allem das analytische Arbeiten gelehrt. Nicht selten allerdings kommt es vor, dass die Studierenden sich Themen wählen, die ihnen auch in ihrem Alltag ein persönliches Anliegen sind, etwa die „Fridays-for-Future“-Bewegung: In einer aktuellen Masterarbeit forscht eine Studierende beispielsweise zur Frage, wie Videokonferenzen in den Forschungsalltag integriert werden. Das könnte dabei helfen, Flugreisen im Rahmen der Universität zu reduzieren. Überhaupt wird studentisches Engagement am Institut großgeschrieben. Die Fachschaftsinitiative ist aktiv, das Tutorenprogramm ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern integraler Bestandteil des Konzepts.

Ebenso vielfältig wie das Studium sind die Perspektiven. Kulturanthropologen arbeiten später in der Medien- und Erwachsenenbildung, im Kulturmanagement, in Museen, in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit oder auch in der Forschung. Wer dorthin will, muss auf den Bachelor in „Europäischer Ethnologie“ noch den neu konzipierten Master „Ethnografie: Theorie, Praxis, Kritik“ belegen. Christoph Bareither betont, dass hierbei auch Quereinsteiger willkommen sind. „Auf der Webseite des Instituts findet sich eine Liste mit Fächern, die sich als Basis anbieten und dann heißt es für die Quereinsteiger: Learning by doing. Es geht gleich mit der Praxis los.“
     
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