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Themenwelten Berliner Morgenpost
Ausbildung & Studium 2020/2021

Welcher Weg passt zu mir?

Ein Expertinnengespräch über den Wandel der Berufswelt, Studienabbrecher und das Ausspielen der eigenen Stärken

FOTO: STADTRATTE / ISTOCK

SIMONE JACOBIUS

Im Sommer verlassen wieder etwa 28.000 Schüler die Schule. Viele von ihnen suchen einen Ausbildungsplatz, andere wollen lieber studieren. Silke Richter, Bereichsleiterin Ausbildungsberatung bei der Industrie und Handelskammer Berlin (IHK), sieht gute Chancen für alle, die wollen. Und Ausbildungsberaterin Ines Janoszka weiß, dass sich viele Berufe verändern werden. Mit beiden gemeinsam haben wir das Gespräch geführt.

Berliner Morgenpost: Frau Richter, was wäre Ihnen lieber – viele Studierende oder viele Auszubildende?

Silke Richter: Sowohl als auch. Es ist ganz klar, dass wir beide brauchen, sie müssen sich ergänzen. Wichtig ist mir vor allem, dass wir wissbegierige, leistungsorientierte Jugendliche haben, egal, für welchen Beruf und Ausbildungsweg sie sich entscheiden. Statistiken sagen, dass mittlerweile 51 Prozent der Jugendlichen die Schule mit Hochschulreife verlassen. Viele von ihnen denken, auf jeden Fall studieren zu müssen. Doch die hohe Zahl der Studienabbrecher zeigt, dass wahrscheinlich vorher bei der beruflichen Orientierung etwas schiefgelaufen ist. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche auch mal über Alternativen nachdenken. Denn ein Studium ist nicht für jeden etwas.

„In vielen Berufen wachsen die Anforderungen ans analytische Denken, Kommunikationsfähigkeit, Lern- und Leistungsbereitschaft.“

Ines Janoszka, Ausbildungsberaterin

Was empfehlen Sie den Schülern, die noch keine Idee haben, was Sie mit Ihrer Zukunft anstellen können?

S. R.: Von meinem Sohn, der gerade Abitur macht, weiß ich, dass nur etwa 15 bis 20 Prozent seines Jahrgangs wissen, was sie beruflich machen wollen. Ich kann nur jedem raten, sich darüber klar zu werden, was zu ihm passt, die Neigungen, Interessen und Fähigkeiten auszuloten. Es gibt viel Hilfe und Unterstützung, auch bei uns über das Team „Passgenaue Besetzung“, aber auch Orientierungsmöglichkeiten auf Messen und Ähnlichem. Auch Praktika können Klarheit verschaffen.

Zeichnet sich schon ab, was bei den diesjährigen Schulabgängern im Trend liegt?

S. R.: Es zeichnet sich vor allem ab, dass viele noch nicht wissen, was sie wollen … Berufsorientierungsteams sind zwar an allen Schulen unterwegs, aber es gibt 190 unterschiedliche Berufe, da ist es nicht einfach, alle zu kennen und sich zu entscheiden. Aber wer sich interessiert und bemüht, bekommt sowohl Informationen als auch Angebote.

Wie sieht denn der Markt in Berlin aus in Sachen Ausbildung?

S. R.: Vielfältig und chancenreich. Es gibt in jedem Beruf noch Angebote. Man hat inzwischen verstärkt das Gefühl, dass sich die Unternehmen eher um die Auszubildenden bewerben als andersherum. Vor allem kleinere Betriebe werben mit Extras wie Auslandsaufenthalten oder anderen Goodies. Viele Unter nehmen bieten ihren Azubis auch Unterstützung für die Berufsschule an.
Silke Richter FOTO: FOTOSTUDIOCHARLOTTENBURG
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CHARLOTTENBURG
Dass es den Handwerksberufen an Nachwuchs fehlt, ist bekannt. Wo hakt es denn in den IHK-Berufen?

S. R.: Wir erheben die Zahlen immer anlässlich unserer Lastminute-Börse im Sommer. Deswegen sind sie auf dem Stand September 2019. Auf Platz eins der unterbesetzten Ausbildungsplätze lagen Kaufleute im Einzelhandel, gefolgt von Kaufleuten im Büromanagement und Verkäufern und Verkäuferinnen. Aber auch Zahnmedizinische Fachangestellte, Hotelfachleute, Anlagenmechaniker, Gebäudereiniger, Sozialversicherungsfachangestellte, Mechatroniker und Köche wurden noch stark gesucht. Gerade bei Berufen mit ungeregelten Arbeitszeiten gibt es oft Besetzungsprobleme. Dabei ist beispielsweise eine Hotelausbildung richtig super, weil man international arbeiten kann. Und viele Schüler denken auch immer noch, dass sie sich für die nächsten 30 Jahre festlegen müssen. Viele verstehen nicht, dass einem auch mit einer Ausbildung alle Wege offenstehen.

Wie sehen Sie den Wandel der Berufsbilder? Ist die fortschreitende Digitalisierung eine Gefahr oder eine Chance, gerade für die computeraffine Jugend?

Ines Janoszka: Es wird immer mehr digitalisiert. Jugendliche müssen also dementsprechende Fähigkeiten mitbringen, die Leidenschaft für Computerspiele reicht da nicht aus. In vielen Berufen wachsen die Anforderungen ans analytische Denken, Kommunikationsfähigkeit, Lern- und Leistungsbereitschaft. Erst langsam kommen die Schulen dahin, digitale Kompetenzen systematisch zu vermitteln. Das ist wichtig, denn auch in immer mehr Berufen wird überlegt, wie man in der Ausbildung Lerninhalte digital einbinden kann, beispielsweise mit Lern-Apps. Gleichzeitig kann die Digitalisierung Berufe auch attraktiver machen, weil etwa Industrieroboter den Beschäftigten schwere Lasten abnehmen. Da bieten sich also neue Chancen.
Ines Janoszka FOTO: FOTOSTUDIOCHARLOTTENBURG
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CHARLOTTENBURG
Welche Berufe sind vom Aussterben bedroht, und welche sind neu?

S. R.: Es hängt davon ab, wie sich die Berufe der technologischen Entwicklung anpassen. So wurde etwa der Beruf Drucker bewusst in „Medientechnologe Druck“ umbenannt, um den Wandel sichtbar zu machen. Der Wandel trifft Ausbildungsberufe dabei aber genauso wie akademische Berufe. Zudem entstehen wieder neue Berufsbilder.

I. J.: Es werden immer mehr Berufe novelliert, sodass die neuen Entwicklungen Teil der Ausbildung werden. So überarbeitet und modernisiert jetzt endlich auch die IT-Branche ihre Ausbildungsverordnung. Gerade IT-Sicherheit, Cloud Computing, aber auch Umgang und Verwalten von Daten spielen eine immer größere Rolle. Hier wird es demnächst Kaufleute im IT-Systemmanagement und für Digitalisierungsmanagement geben sowie Fachinformatiker „Digitale Vernetzung“ und „Daten- und Prozessanalyse“. Mit entsprechenden Kompetenzen haben Jugendliche gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz – branchenübergreifend. Denn heute braucht jedes größere Unternehmen seinen eigenen Fachinformatiker.

Was raten Sie den Schulabgängern?

S. R.: Schaut euch um, seid offen, orientiert euch auf Messen, Aktionstagen wie Girls’ Day und Boys’ Day, der IHK-Lehrstellenbörse oder bei Matchings. Findet eure eigenen Stärken heraus und spielt die aus. Wer motiviert und offen ist, findet seinen Traumberuf.
    
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