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Themenwelten Berliner Morgenpost
Extra: Berufliche Neuorientierung & Umschulung

„Wir sind heute flexibler aufgestellt“

Die Arbeitsagentur unterstützt Menschen beim Thema Umschulung. Eine Expertin erklärt, was es zu beachten gilt

FOTO: PRIVAT

Antonia Ostersetzer 

Berliner Morgenpost: Frau Michels, als Teamleiterin Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit Berlin Mitte treffen Sie viele Menschen, die sich eine berufliche Veränderung wünschen. Aber was genau ist unter dem Begriff Umschulung zu verstehen?

Melanie Michels: Bei einer Umschulung, die von uns finanziert wird, geht es zunächst immer um den Erwerb eines neuen Berufsabschlusses. Zum Beispiel, weil jemand nie eine Ausbildung absolviert hat, diese aufgrund des Alters nicht mehr zumutbar ist, oder weil der- oder diejenige nicht mehr im erlernten Beruf arbeiten kann. Der Unterschied zu einer regulären Berufsausbildung ist, dass diese drei Jahre dauert, während die Ausbildungszeit bei einer Umschulung in der Regel auf zwei Drittel der regulären Ausbildungszeit reduziert ist.
Welche Möglichkeiten gibt es, eine Umschulung zu absolvieren?

Zunächst haben wir in Berlin eine große Bildungsträger-Landschaft. Diese bieten unter anderem schulische Maßnahmen an, die durch Praktika ergänzt werden. Das heißt, die Ausbildung findet bei dem jeweiligen Träger statt. Es besteht jedoch ebenfalls die Möglichkeit, eine betriebliche Einzelumschulung zu absolvieren. Umschüler erlernen den Beruf wie ein normaler Azubi im Betrieb. Ich würde jedem Anwärter immer diese Option nahelegen, auch wenn es zunächst aufwendiger ist, einen Ausbildungsplatz zu finden. Eine dritte Möglichkeit zum Erwerb des Berufsabschlusses ist eine sogenannte modulare Nachqualifikation. Das bedeutet, jemand, der bereits längere Zeit ohne Berufsabschluss in einem bestimmten Bereich gearbeitet hat, kann gezielt notwendige Module bei einem Bildungsträger erwerben, um die entsprechende Berufsqualifikation zu erlangen.

„Eine Umschulung muss man durchhalten.“

Melanie Michels, Teamleiterin Arbeitsvermittlung in der Agentur für Arbeit Berlin Mitte

Worin sehen Sie die Vorteile bei einer betrieblichen Umschulung?

Im Betrieb ist man nah an der Praxis und erwirbt ganz andere Kompetenzen. Es ist zudem lukrativer: Umschüler bekommen für die gesamte Zeit weiterhin Arbeitslosengeld ausgezahlt, aber über einen Zeitraum von zwei Jahren kann das finanziell problematisch sein, Wunschberuf hin oder her. Macht ein Kunde eine betriebliche Einzelumschulung, kann er zusätzlich zum Arbeitslosengeld eine Ausbildungsvergütung von maximal 400 Euro erhalten. Im Übrigen ist das Modell auch für den Arbeitgeber lukrativ, weil die Arbeitsagentur sämtliche Kosten wie etwa für Berufsschulgebühren, Prüfungsgebühren und Arbeitskleidung übernimmt, und der Betrieb womöglich einen Mitarbeiter bekommt, der schon viel Erfahrung mitbringt. Leider sehen noch viel zu wenige Arbeitgeber und Bürger diese Vorteile.

Beraten Sie denn auch Akademiker, die beispielsweise auf Konditor umschulen möchten?

Grundsätzlich schon. Allerdings kommt eine Umschulung nur für diejenigen in Betracht, die schon vor langer Zeit studiert haben und nie oder viele Jahre nicht im entsprechenden Beruf gearbeitet haben. Und wir berücksichtigen auch immer die jeweiligen persönlichen Fähigkeiten und Neigungen. Wir beraten jedoch auch zu notwendigen Qualifikationen für den Beruf und fördern diese auch. Eine berufliche Weiterbildung ist sinnvoll und oft auch notwendig, um auf dem Arbeitsmarkt besser aufgestellt zu sein. Und wir haben inzwischen die Möglichkeit, noch individueller zu beraten.

Inwiefern?

Seit Anfang des vergangenen Jahres gibt es das Qualifizierungschancengesetz, das die Chance auf die Förderung einer Qualifizierung stärkt. Die Förderung von Personen, die sich in einer Beschäftigung befinden, wurde ausgebaut. Die Hauptzielgruppe sind Menschen, deren berufliche Tätigkeiten durch digitale Technologien ersetzt werden können oder in sonstiger Weise vom Strukturwandel bedroht sind oder die eine Weiterbildung in einem Engpassberuf anstreben. Die Förderung wird unabhängig von Ausbildung, Lebensalter und Betriebsgröße ermöglicht und damit weiter geöffnet. Gerade auch Firmen können sich hier durch die Agentur für Arbeit beraten lassen. Aber auch für Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Bürger wurden die Möglichkeiten einer Qualifizierung weiter vergrößert. In der Praxis bedeutet das für unsere Arbeit, dass wir heute deutlich flexibler aufgestellt sind und auf individuelle Umstände und Wünsche viel besser eingehen können.

Wie können Interessierte die für sie passende Umschulung finden?

Um die passende Umschulung zu finden, stehen mehrere Wege zur Verfügung. Zum einen gibt es die jährliche Bildungszielplanung, die für jeden online auf unserer Website abrufbar ist. Hierfür analysieren wir gemeinsam mit weiteren Experten den Arbeitsmarkt hinsichtlich Nachfrage, Trends und Qualifikationsanforderungen. Zur Orientierung gibt es außerdem Online-Plattformen wie Kursnet.de, Berufenet.de und Planet-beruf.de. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, vorab ein Einzelcoaching zu erhalten, um persönliche Stärken, Talente und Ziele zu definieren. Eine wirklich tolle Sache! Je klarer die Vorstellungen sind, desto eher wird ein Umschüler auch langfristig gerne in dem neuen Beruf arbeiten.

Werden in Berlin viele Umschulungen absolviert?

Allein in der Arbeitsagentur Mitte haben wir 2019 circa 500 Umschulungen ermöglicht. Das hört sich vielleicht wenig an, aber eine Umschulung kommt natürlich auch nicht für jeden Bürger infrage. Oft spielen finanzielle Sorgen eine große Rolle, eine Umschulung muss man durchhalten. In Deutschland herrscht jedoch Fachkräftemangel, deshalb wollen wir mit unserer Weiterbildungsprämie einen Anreiz schaffen und zahlen derzeit bis zu 2500 Euro für eine erfolgreich absolvierte Umschulung.

In welchen Branchen sind Umschulungen derzeit besonders sinnvoll?

Handwerk, Mechatroniker, Metallbauer, im Sanitär-, Heizungs- und Klimabereich, der ganze Sektor Sicherheit, Pflegeberufe, Steuerfachangestellte, Rechtsanwaltsfachangestellte, Friseure oder auch medizinische Fachangestellte.
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