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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Frühling 2019

Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf

Das 56. Theatertreffen präsentiert 2019 zehn Inszenierungen. Ein Gespräch mit der Leiterin des renommierten Festivals

Mit Ersan Mondtags expressionistischer Inszenierung „Das Internat“ ist das Theater Dortmund beim Festival vertreten. BIRGIT HUPFELD

Ronald Klein  

Berliner Morgenpost: Frau Büdenhölzer, die Jury hat 418 Inszenierungen gesichtet. Welche inhaltlichen und ästhetischen Trends sind Ihnen aufgefallen?

Auffällig ist der vielfach assoziative, sehr kreativ-spielerische Umgang mit ganz unterschiedlichen Stoffen, aus denen heute Theater gemacht wird. Da, wo literarische Texte als Grundlage dienen, werden diese oftmals zeitgenössisch überschrieben oder unterschiedliche Erzählungen, Geschichten und Personenkonstellationen zu einem neuen Werk verwoben, wie es Simon Stone in „Hotel Strindberg“ oder Christopher Rüping in „Dionysos Stadt“ gemacht haben. Darüber hinaus ist ein hohes Maß an Bildlichkeit bei fast allen Inszenierungen augenfällig, von Ersan Mondtags „Das Internat“ über Ulrich Rasches „Das große Heft“, ohne dass dabei das Schauspielerische verloren ginge. Es sind vielfach regelrechte Gesamtkunstwerke, in denen verschiedene ästhetische Ausdrucksformen kunstvoll zu einem Ganzen zusammenfließen, immer getragen von starken Schauspieler*innen, die sich mit Wandelbarkeit in den unterschiedlichen künstlerischen Konzepten souverän bewegen. Thematisch findet man wie in den vergangenen Jahren eher Vielfalt statt eines großen verbindenden Themas.

Mit den Sophiensaelen und dem HAU sind zwei Berliner Produktionshäuser vertreten. Lösen sich die Unterschiede zwischen Staatsresp. Landestheatern und der freien Szene zusehends auf?

Ästhetisch entstehen seit Längerem Mischformen. Spielweisen und ästhetische Verfahren, wie sie ursprünglich einmal in der freien Szene entwickelt wurden, sind längst in den Inszenierungen der Stadttheater angekommen. Auch strukturell gibt es immer mehr Versuche, Freiräume für die Produktionsweisen der freien Szene zu schaffen – wie am Staatstheater Nürnberg oder den Münchner Kammerspielen. Umgekehrt baut Annemie Vanackere seit Längerem ein dem Stadttheater vergleichbares Repertoiresystem auf, das es ermöglicht, einige der bemerkenswerten Inszenierungen wie von She She Pop oder Gob Squad auch noch Jahre nach der Premiere sehen zu können und den Produktionen der freien Szene somit eine größere Nachhaltigkeit zu geben.

Das Staatsschauspiel Dresden war in den vergangenen Jahren nicht unbedingt auf die Theatertreffen-Teilnahme abonniert. Dieses Mal sind gleich zwei Stücke vertreten.

Joachim Klement und seine Dramaturgie haben den Mut, einen Spielplan zu gestalten, der nicht nur auf Zuschauer*innen-Gefallen setzt. Sie engagieren Künstler* innen, die für radikale ästhetische Handschriften stehen wie Ulrich Rasche oder Sebastian Hartmann, haben aber auch tolle Hausregisseurinnen wie Daniela Löffner und Mina Salehpour im Team. Der Spielplan weist ein großes Spektrum an eigenwilligen Stoffen auf, die herausfordernde Formen und Zugriffe brauchen. Das Staatsschauspiel Dresden entwickelt sich gerade zu einem Kunstort, der mehr als „nur“ gefallen will.

Das ist auf jeden Fall bemerkenswert und vor allem auch gar nicht so selbstverständlich in einer Stadt wie Dresden, wo der Kulturkampf von rechts gerade in vollem Gange ist.

Termine

Haus der Berliner Festspiele
Schaperstraße 24,
Wilmersdorf,
Tel.: 030/ 25 48 91 00
www.berlinerfestspiele.de

Theatertreffen
Festival von Fr., 3. Mai, bis So., 19. Mai

Yvonne Büdenhölzer

CHRISTOPH NEUMANN
CHRISTOPH NEUMANN

Nach dem Studium
in Bonn arbeitete Büdenhölzer als Dramaturgin.
Von 2005 bis 2011 verantwortete sie den Stückemarkt des Theatertreffens.
Seit 2012 leitet sie das Theatertreffen.

Chronist

Das Schloss Neuhardenberg widmet ab April Stefan Moses eine Retrospektive
Ronald Klein

Er sei in erster Linie ein „Menschenfotograf“, beschrieb sich Stefan Moses. Er porträtierte beispielsweise Theodor W. Adorno, Willy Brandt, Otto Dix und Thomas Mann. Ebenso widmete er sich der Darstellung der deutschen Alltagsgesellschaft. Lange bevor das Schlagwort „konzeptuell“ aufkam, fotografierte Moses „Deutsche im Wald“ oder nahm „Selbstporträts im Spiegel auf“. Ein besonderes Augenmerk legte er auf das Aufbrechen der Anonymität in den Produktionsstätten. Sein Fokus lag auf einfachen Arbeitern – erst in der Bundesrepublik, nach dem Mauerfall, bereiste er die DDR und hielt Menschen in einer sich wandelnden Industrielandschaft fest.

Im Februar des vergangenen Jahres starb Moses 89-jährig in seiner Münchner Wahlheimat. Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte den Fotografen im Nachruf als einen der „bedeutendsten Chronisten“ des Nachkriegsdeutschlands. Im Deutschen Historischen Museum sind unter dem Motto „Das exotische Land“ noch bis zum 12. Mai Fotoreportagen zu sehen. Die von Christoph Stölzl kuratierte Ausstellung „Deutsche Vita“ ergänzt in Neuhardenberg die Berliner Werkschau mit mehr als 70 Arbeiten. Es handelt sich um eine Auswahl aus Zyklen wie „Emigranten“, „Deutsche West/Deutsche Ost“ und „Künstler machen Masken“. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind mehr als ein Zeitzeugnis: gelebter Humanismus..

Termine

Schloss Neuhardenberg
Schinkelplatz
15320 Neuhardenberg
Tel.: 033476/60 00
www.schlossneuhardenberg.de

Stefan Moses: Deutsche Vita
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