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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

Künstlerinnen der Alten Nationalgalerie in Berlin-Mitte

Die Alte Nationalgalerie widmet sich dem Wirken von Malerinnen und Bildhauerinnen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1919

Maria von Parmentier malte vor 1878 den „Hafen von Dieppe“. FOTO: ANDRES KILGER / STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE

Martin A. Völker  

Der Sommer 1819 in Berlin war heiß. Das hielt die kurz zuvor in die Stadt gekommene Porträtmalerin Caroline Bardua nicht davon ab, rastlos zu arbeiten. Zusammen mit ihrer Schwester Wilhelmine, die sich von Carl Friedrich Zelter als Sängerin ausbilden ließ, war Bardua eine feste Größe der Berliner Salonkultur ihrer Zeit. Sie pflegten engen Umgang mit der Familie Mendelssohn Bartholdy. Auch deren Sohn Felix besuchte das Atelier der Bardua. Zugang verschaffte den Schwestern die Mäzenin Sara Levy. Zehn Jahre später verließen die Schwestern Berlin aus finanziellen Gründen. Gut verdienen konnte man mit der Kunst schon damals nicht in der Stadt, wenngleich Künstler stets den besten kostenlosen Gesprächsstoff abgeben.

Das Beispiel der Caroline Bardua zeigt indes, dass Frauen sich mithilfe weiblicher Netzwerke Freiräume erkämpfen konnten und sichtbar wurden. Aus der Abwesenheit und Überalterung der Männer wussten sie ebenso ihren Vorteil zu ziehen: Carolines Atelier wurde auch deshalb zu einem künstlerischen Anziehungspunkt, weil der Bildnismaler Carl Joseph Begas noch in Paris und Italien weilte und Friedrich Georg Weitsch, der Rektor der Akademie der Künste und berühmte Porträtist Alexander von Humboldts, aus Altersgründen kaum noch porträtierte. Wenngleich Männer den künstlerisch tätigen Frauen aus Konkurrenzgründen wenig Hoffnung auf Anerkennung machten: In Berlin nahm der Kunstpapst Aloys Hirt, ein Mitbegründer der Berliner Museen, Caroline Bardua jede Illusion, künstlerisch erfolgreich zu sein.
Umso wichtiger erscheint die Sonderausstellung „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919“, die am 11. Oktober eröffnet und bis zum 8. März in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist. Aus eigenen Beständen werden mehr als 60 malerische und bildhauerische Werke von Künstlerinnen gezeigt, die vor 1919 entstanden sind. Darunter befinden sich Werke von Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz sowie der weniger bekannten Künstlerinnen Sabine Lepsius, Maria von Parmentier und eben Caroline Bardua. 1919 ist ein entscheidendes Jahr: Die ersten Frauen konnten ein reguläres Studium an der Berliner Kunstakademie aufnehmen, und Frauen durften als Wählerinnen die Nationalversammlung mitbestimmen. Die Ausstellung zeigt die Restriktionen, denen Frauen als Künstlerinnen ausgesetzt waren, thematisiert die Taktiken ihrer Unsichtbarmachung, der jetzt die neue Sichtbarkeit ihrer Werke folgt.
Die Plastik „Liebespaar II“ (1913) von Käthe Kollwitz. FOTO: ROMAN MÄRZ / STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE
Die Plastik „Liebespaar II“ (1913) von Käthe Kollwitz. FOTO: ROMAN MÄRZ / STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE
Selbstbildnis der Künstlerin Sabine Lepsius (1885). FOTO: JÖRG P. ANDERS / STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE
Selbstbildnis der Künstlerin Sabine Lepsius (1885). FOTO: JÖRG P. ANDERS / STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE
Yvette Deseyve, Kuratorin für Skulptur und Plastik an der Alten Nationalgalerie, hat die Ausstellung konzipiert. „Um eine professionell arbeitende Künstlerin zu werden, mussten sich Frauen selbst Ausbildungsmöglichkeiten organisieren, dies oft unter größeren finanziellen Aufwendungen in Privatateliers oder privaten Kunstschulen, bei einer deutlich weniger intensiven Ausbildung“, sagt Deseyve. Zudem seien Werke von Künstlerinnen nicht systematisch gesammelt worden, ihre Nachlässe zerstreuten sich in alle Winde.

Heute gibt es diese Hürden nicht mehr, dafür andere und subtilere. 2016 stellte der Deutsche Kulturrat in seiner im Netz abrufbaren Studie „Frauen in Kultur und Medien“ fest, dass von Geschlechtergerechtigkeit in diesem Bereich keine Rede sein kann. Die kommende Ausstellung fördert das Bewusstsein für Mechanismen der Ausgrenzung, damit es nicht wieder hundert Jahre dauert, bis diese getilgt sein werden.
           

Termine

Alte Nationalgalerie
Bodestraße
Mitte
Tel.: 030/266 42 42 42
www.smb.museum

Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919
11. Oktober bis 8. März
ÖZ: Di.-So., 10-18 Uhr, Do., 10-20 Uhr
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