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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

Berliner Maxim Gorki Theater bespielt einen „Container“

Das Maxim Gorki Theater und das Berliner Ensemble starten mit neuen Spielstätten in die neue Theatersaison

Das Maxim Gorki Theater bespielt einen „Container“.

Martin Dassinnies  

Dort, wo jetzt das Foyer in schlichtem Glanz erstrahlt, hörte man vor einigen Wochen noch schweres Arbeitsgerät lärmen. Anfang September führt Berliner Ensemble-Intendant Oliver Reese durch das Neue Haus des Theaters am Schiffbauer Damm. Mehr als zwei Jahre harter Arbeit stecken in der zweiten Spielstätte des Theaters. Reese hat jetzt allen Grund zur Freude. Es sind noch knapp drei Wochen bis zur Eröffnung. Der Intendant liefert einen Ausblick: „Das Foyer wird eine große Fensterfront haben – ein wunderbarer, vom Tageslicht durchfluteter Raum.“

Früher war die zweite Spielstätte ein schmuckloser Verwaltungsbau, der auch als Probebühne und glanzlose – weil dauerhaft temporäre – Spielstätte genutzt wurde. Helene Weigel nannte das in den 50er-Jahren errichtete Gebäude schlicht „ein Monster“. Das erzählt Reese mit sichtlicher Genugtuung. Denn vom „Monster“ wird bald nicht mehr viel übrig sein. „Der Trick der Architekten“, erklärt er, „war es, das innere Treppenhaus ganz nach außen zu verlegen.“ Darum gibt es für das Publikum innen im Haus selbst keine Treppe. Die Zuschauer gelangen über massive Stufen von außen in das Neue Haus und erhalten buchstäblich im Vorbeiziehen einen Blick auf das gesamte Gelände des Berliner Ensembles.
Neben dem Foyer und einer Bar sind zwei neue Spielräume entstanden: im oberen Teil der große Saal mit fast 200 Plätzen, steiler Tribüne und einer variablen Black Box. Dazu der Werkraum, schlicht und mit einer mobilen Bestuhlung versehen, der ohne Pomp und Podesterie auskommt und bis zu 90 Zuschauer fassen kann. Genügend Platz für den „Hot Stuff“, wie Reese scherzt. Damit ist er auch beim Thema.

Die meisten großen Theaterhäuser verfügen über eine zweite, wenn nicht gar eine dritte Spielstätte. Das ermöglicht es den Theatermachern, mit neuen Formaten zu experimentieren, ohne dabei das Stammpublikum verschrecken zu müssen. „Das Neue Haus ist der notwendige Standard, den ein Theater wie das Berliner Ensemble in der heutigen Zeit benötigt. Der Werkraum ermöglicht uns einen Ort für diskursive Formate – also Thementage, Einführungen, Workshops, Nachgespräche, aber eben auch Ideen aus dem Ensemble, die nicht erst durch dreifaches Intendantenvotum das Licht der Bühne entdecken.“
       
BE-Intendant Oliver Reese bei der Begehung der Baustelle des neuen Hauses. FOTO: UTE LANGKAFEL MAIFOTO; MORITZ HAASE
BE-Intendant Oliver Reese bei der Begehung der Baustelle des neuen Hauses. FOTO: UTE LANGKAFEL MAIFOTO; MORITZ HAASE
Eine vergleichbare Situation hat sich in den vergangenen Jahren auch im Maxim Gorki Theater entwickelt. Lange konnten technische Modernisierungen nur im Kleinen angegangen werden. „Jetzt sind grundlegende Erneuerungen fällig geworden. Um weiterspielen zu können, haben wir vor dem Theatergebäude eine dritte Spielstätte errichtet“, erklärt Pressesprecherin Xenia Sircar. So kann auch gespielt werden, wenn Sanierungsarbeiten im Studio oder auf der großen Bühne anstehe. Der Weg des Gorki ist aber sichtbar ein anderer: Die neue, auf zwei Spielzeiten begrenzte Spielstätte ist ein massiger Container – 22 Meter lang und zwölf Meter breit.

„Wir haben diesen Ort ‚Container‘ genannt, weil wir ohnehin von Baustellen umgeben sind und weil das Flexible und zugleich Pragmatische eines Containers dem Gorki entspricht. Denn schließlich geht es vor allen Dingen um eines: Inhalt.“ Tatsächlich bietet der temporäre Bau eine andere Atmosphäre als das Theater mit seiner historisierenden Guckkastenbühne. Es ist eine moderne Black Box – da ist Xenia Sircar ganz beim Theatermacher Oliver Reese –, in der die Zuschauer auf einer Tribüne sitzen. Jeder Zuschauer hat von jedem Sitz aus gute Sicht. Im Container entfaltet sich eine moderne Raumbühne, in der es keine bauliche Trennung zwischen Schauspielern und Zuschauern mehr gibt.

Was bei beiden Theatern dennoch auffällt, ist neben der baulichen Zwangsläufigkeit und dem Wunsch nach struktureller Erweiterung schlussendlich der Wille zur Intimität. Publikum und Ensemble sollen nicht mehr voneinander getrennt existieren. Bei Xenia Sircar heißt das „eine direkte Kommunikation zwischen dem, was auf der Bühne geschieht, und den Zuschauern“. Oliver Reese formuliert es so: „Die neue Spielstätte ermöglicht eine andere Art des Spielens, eine andere Art des Schreibens und Inszenierens von Projekten.“ Immer ist der Zuschauer nah dran. Mitunter wird er Teil der Inszenierung sein. Hot Stuff eben!
         

Termine

Berliner Ensemble
Bertolt-Brecht-Platz 1
Mitte
Tel.: 030/ 28 40 81 55
www.berliner-ensemble.de

Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2
Mitte
Tel.: 030/ 20 22 11 15
www.gorki.de
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