Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

Berliner Schauspiel-Musical Rio Reiser an der Komödie am Kurfürstendamm

Die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater zeichnet im Schauspiel-Musical „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ Leben und Karriere des Ausnahmekünstlers nach

Philip Butz und Frédéric Brossier verkörpern Rio Reiser. FOTO: MICHAEL PETERSOHN

Ronald Klein  

Vor zwei Jahren feierte die erste Fassung des Stücks im Potsdamer Hans Otto Theater Premiere. An der Bismarckstraße erfolgt jedoch keine Wiederaufnahme, sondern die Uraufführung der Neufassung. Anders als in Potsdam gibt es richtige Spielszenen, die die Songs miteinander verbinden. Das Buch schrieben Regisseur Frank Leo Schröder und Gert C. Möbius, der ältere Bruder von Rio Reiser. Das Musical beginnt 1967, als der 17-jährige Reiser zu seinen Brüdern nach Berlin zieht, um dort eine Rockoper aufzuführen. Ausgerechnet das Theater des Westens, das unter der Leitung Karl-Heinz Strackes vor allem auf harmlose Operetteninszenierungen setzte, gab ihnen den Zuschlag. „Mit der Beatoper waren wir 1967 die erste freie Theatergruppe in Berlin“, erinnert sich Möbius. „Rio schrieb die ersten deutschsprachigen Rocknummern.“ Nach etwas mehr als einer Woche wurde das Stück abgesetzt und Reiser gründete mit seinem Schulfreund R.P.S. Lanrue die Band Ton Steine Scherben. Die frühen Texte waren gleichermaßen wütend („Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“) und humanistisch („Mein Name ist Mensch“). Gerade mit ihren impulsiven Live-Auftritten, häufig an ungewöhnlichen Orten, erspielten sich die Scherben einen exzellenten Ruf. „Die Band kam aber in den Medien so gut wie nicht vor“, erinnert sich Möbius. „Die anarchistische Haltung war in den 70er-Jahren auch vielen Redakteuren suspekt und so vermieden sie die Auseinandersetzung damit und ignorierten die Band.“ Ähnlich wie beim Theater setzten die Scherben auf Unabhängigkeit. Statt bei einer großen Plattenfirma anzuklopfen, gründeten sie mit David Volksmund Produktionen ihr eigenes unabhängiges Label. Immer wieder spielten sie Benefiz-Konzerte ohne Gage, irgendwann häuften sich die Schulden dermaßen, dass sich die Band Mitte der 80er-Jahre auflöste. Die Musiker hatten inzwischen Berlin den Rücken gekehrt und lebten im norddeutschen Fresenhagen in einer Kommune. Damit ging auch die Distanz zu alten Strukturen einher. „Natürlich kannte Rio wichtige Schriften von Marx und er sang ja auch Brecht, aber er las lieber in der Bibel oder Karl May. Grundsätzlich war ihm der Gerechtigkeits- und Freiheitsgedanke indigener Kulturen näher als die dogmatische Linke, von der er sich irgendwann nicht mehr vereinnahmen lassen wollte“, sagt Möbius.
Ein künstlerischer Neuanfang

Rio Reiser feierte als Solokünstler Erfolge, mit „König von Deutschland“ landete er einen Hit. „Für ihn bedeutete es, Musik endlich professionell zu produzieren. Das war ihm sehr wichtig“, so Möbius. 1988 spielte Reiser in der ausverkauften Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin. „Man merkte, dass die DDR es nicht mehr lange machen würde. Beim Scherben-Song ‚Der Traum ist aus‘ ließ er das Publikum die Verse ‚Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? / Ich weiß es wirklich nicht / Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher / Dieses Land ist es nicht‘ singen.“
      
Rio Reiser war als Frontmann von Ton Steine Scherben und solo erfolgreich. FOTO : GERT MOEBIUS
Rio Reiser war als Frontmann von Ton Steine Scherben und solo erfolgreich. 
FOTO : GERT MOEBIUS
Nur ein Jahr später fiel die Mauer und leitete damit das letzte Kapitel der DDR ein. Mit der Wiedervereinigung begann auch ein wirtschaftlicher Umbruch. 6000 Volkseigene Betriebe sollten von der Treuhand privatisiert werden. Nur wenige Betriebe überlebten. Die meisten wurden abgewickelt, die Beschäftigten entlassen. „Parteien und andere Institutionen waren Rio stets suspekt. Dass er trotzdem 1990 in die PDS eintrat, war ein Akt der Verzweiflung, der auf dem verheerenden Wirken der Treuhand basierte“, stellt Möbius klar. „In der Folge wiederholte sich das Phänomen aus den 70er-Jahren. Seine Videoclips wurden nicht mehr gespielt. Er kam medial nicht mehr vor. Das nagt sicherlich an einem, aber Rio hat nie den Kopf in den Sand gesteckt. Er wirkte als Schauspieler, ging weiter auf Tour und erhob politisch seine Stimme.“

Rio Reiser blieb bis zu seinem plötzlichen Tod 1996 ein couragierter Künstler, bei dem gängige Schubladen versagen. Anarchist und Christ, engagierter Politrocker und zärtlicher Poet – Rio eben. Diese unterschiedlichen Facetten beleuchtet die Hommage „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“.

„Dass das Stück in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater läuft, hätte Rio gefallen“, erläutert Möbius. „Als 1993 die Schließung drohte, hat er sich hier engagiert und Konzerte gegeben.“ So schließt sich der Kreis.
         

Termine

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater
Bismarckstraße 110
Charlottenburg
Tel.: 030/88 59 11 88
www.komoedie-berlin.de

Rio Reiser – Mein Name ist Mensch
Voraufführungen: 3.-5.
Oktober, 19.30 Uhr
Premiere: 6. Oktober, 18 Uhr
En suite bis 3. November
Weitere Artikel