Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

Christoph Eschenbach dirigiert Konzerthausorchester Berlin

Christoph Eschenbach wirkt seit dieser Spielzeit als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin

Martina Helmig  

Euphorie liegt über dem Beginn dieser Berliner Konzertsaison. Nicht nur in der Philharmonie, auch im Konzerthaus bricht eine neue Ära an. Der neue Chefdirigent des Konzerthausorchesters, Christoph Eschenbach, hat mit Mahlers achter Sinfonie einen fulminanten Auftakt hingelegt. Der „Willkommenstag für und mit Christoph Eschenbach“ stimmte das Publikum mit Konzerten, Proben und Gesprächen freudig auf die Zeitenwende ein.

„Ich glaube immer noch an Zukunft“, erklärt der Dirigent aus Breslau und spielt damit auf sein hohes Alter an. Natürlich gab es unter Berlins Musikfreunden Diskussionen, ob es wohl klug sei, einen 79-jährigen Maestro zum neuen Chef zu küren. Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann wischte alle Bedenken beiseite. Er hat Eschenbach schon als Jugendlicher oft als Pianisten und Dirigenten in Schleswig-Holstein erlebt. Später wurde er sein Mentor, der immer ein offenes Ohr für ihn hatte.
Nordmann verfolgte Eschenbachs Karriere als Musikalischer Direktor des Houston Symphony Orchestra, des NDR-Sinfonieorchesters, des Orchestre de Paris, des Philadelphia Orchestra und des National Symphony Orchestra in Washington. Eschenbach förderte junge Talente wie den Pianisten Lang Lang, die Geigerin Julia Fischer und die Sängerin Renée Fleming. In Berlin dirigierte er in den letzten Jahrzehnten vor allem die Berliner Philharmoniker und das Deutsche Symphonie-Orchester.

Als Nordmann Eschenbach den Chefposten anbot, zögerte dieser nicht lange. „Mich hat die besondere Geschichte des Konzerthausorchesters und seines Hauses mit ihren Höhen und Tiefen fasziniert, in der sich die Geschichte Berlins widerspiegelt“, meint Christoph Eschenbach. Die ersten gemeinsamen Konzerte zeigten, dass die Chemie zwischen dem Dirigenten und dem Orchester stimmt: „Vom Künstlerischen wie vom Menschlichen war die Zusammenarbeit eine große Inspiration und ein Ansporn für meine Vorstellungen, wohin ich in den nächsten Jahren mit dem Orchester gelangen möchte.“
        
Christoph Eschenbach ist in dieser Spielzeit am Pult und als Pianist bei kammermusikalischen Werken zu erleben. FOTOS: MARCO BORGGREVE (2)
Christoph Eschenbach ist in dieser Spielzeit am Pult und als Pianist bei kammermusikalischen Werken zu erleben. FOTOS: MARCO BORGGREVE (2)
Die Plakate mit seinem Charakterkopf und der nachdenklichen Geste hängen seit Wochen an den Litfaßsäulen. Nun ist Christoph Eschenbach in Berlin angekommen – fit und voller Tatendrang. Er gilt als vielseitig und innovativ. Seit zwei Jahren hat er nicht mehr Klavier gespielt, weil er sich einen Finger gebrochen hat, als er bei einem Fortissimo-Einsatz von unten am eisernen Dirigentenpult hängen blieb. Jetzt übt er aber wieder. In dieser Saison ist er im Konzerthaus auch als Kammermusiker und Liedbegleiter von Matthias Goerne gefragt. Die Geschichte des Orchesters ist ihm wichtig. Er wird einen Schostakowitsch-Zyklus leiten und damit an die große Tradition mit dem Schostakowitsch-Experten Kurt Sanderling anknüpfen. Das Orchester besitzt Notenmaterial mit Eintragungen, die noch auf den Komponisten zurückgehen. Im Oktober startet Eschenbach mit der 5. Sinfonie.

Die besonderen Fähigkeiten des Konzerthausorchesters möchte er weiterentwickeln. Er will das Beste aus seinen Musikern herauslocken – ohne autoritär zu sein. Natürlich hat er klare musikalische Vorstellungen, baut aber auch gern Ideen der Musiker in seine Interpretationen ein. Der Jubilar Beethoven, aber auch die vier Brahms-Sinfonien, Strauss und eine Uraufführung von Christian Mason stehen auf der Agenda. 21 Konzerte leitet und spielt Eschenbach in Berlin und auf Gastspielreisen. Insgesamt hat das Konzerthausorchester 126 Konzerte angekündigt.
       
Das ehemalige Schauspielhaus dient dem Konzerthausorchester seit 1984 als feste Spielstätte. FOTO: DAVID VON BECKER
Das ehemalige Schauspielhaus dient dem Konzerthausorchester seit 1984 als feste Spielstätte. FOTO: DAVID VON BECKER
Eine „Hommage für Gidon Kremer“ ist für Oktober geplant, ein Islandfest für November. Aus Island stammt auch der Artist in Residence dieser Spielzeit, der Pianist Víkingur Ólafsson. Zwei neue Formate bietet das Konzerthaus: „360Raum:Klang“ stellt unkon ventionelle Gruppen der Alte-Musik-Szene wie das Calmus Ensemble oder The Playfords aus nächster Nähe vor. „Das Komponisten-Porträt“ widmet sich in jeder Saison einer lebenden Persönlichkeit. Es beginnt mit Sofia Gubaidulina und der deutschen Erstaufführung ihrer Kantate „Von Liebe und Hass“.

Eine neue Reihe am Haus heißt „Christoph Eschenbachs Schlüsselwerke“. Da präsentiert der Chefdirigent seine Herzensmusik im Konzert und im Gespräch. Die Zweite Wiener Schule und Bach dürfen bei ihm nicht fehlen. „Bach ist das Fundament aller Musik“, sagt der Dirigent dazu. Er möchte noch dirigieren, wenn er 100 ist, weil er im 99. Lebensjahr vielleicht noch etwas Neues entdecken kann. Sein Vertrag beim Konzerthausorchester läuft zunächst für drei Jahre. Natürlich organisiert das Konzerthaus zu Eschenbachs 80. Geburtstag im Februar mit seinen Freunden und Weggefährten ein großes Fest.
      

Termine

Konzerthaus Berlin
Gendarmenmarkt
Mitte
Tel.: 030/203 09 21 01
www.konzerthaus.de

Hommage an Gidon Kremer
18.-27. Oktober

Sounds of Iceland
14.-17. November
Weitere Artikel