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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

Shows „Berlin Berlin“ und „20 20 – Die 20er-Jahre-Varieté-Revue"

Gleich zwei neue Shows widmen sich der Hauptstadt in den Goldenen Zwanzigern

In Großbritannien gilt Markus Pabst als „Tarantino des Varietés“. FOTO: WINTERGARTEN VARIETÉ

Martin A. Völker  

Die 20er-Jahre liegen im Trend. So wird auch eine dritte Staffel der TV-Serie „Babylon Berlin“ nach den Kriminalromanen von Volker Kutscher gedreht. Was macht jene Epoche so beliebt, der das Ende des Ersten Weltkriegs vorangeht und der die Machtergreifung der Nationalsozialisten folgt? Es ist das starke Gefühl, lebendig zu sein, während man dem Tod den Rücken zuwendet – und ihm gleichzeitig ins Angesicht blickt. Die Faszination resultiert aus dem Eindruck, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Und die Bedrohtheit des Lebens setzt eine ungeheure Energie und Kreativität frei, was das Gestern mit dem Heute verbindet.

Mit der Showproduktion „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ setzt der Wintergarten die Dekade in Szene. Ab Februar wird unter der Regie von Pierre Caesar und Markus Pabst und mit der Musik des Komponisten Jack Woodhead die Bühne in einen Farb- und Klangrausch getaucht – mit Artisten, Zauberkünstlern und Live-Musik. Geboten wird ein Spektakel, das die Besucher so gleichfalls vor 100 Jahren hätten erleben können, im frivol-extravaganten Stil, ohne die Zeit jedoch auf mitsingbare Hits zu reduzieren. Pabst betont, in seiner Show werde es auch um die damalige wie aktuelle Polarisierung gehen: Während die eine Hälfte der Gesellschaft nach Entgrenzung, Freiheit und Diversität strebe, verschanze sich die andere stahlhelmmäßig hinter Vorurteilen aller Art. Alles drifte auseinander: In das Chaos und den Rausch mische sich der Ruf nach Zucht und Ordnung, die Agitation für leichte Lösungen, die es global gesehen nicht mehr geben könne.
Christoph Biermeiers „Berlin Berlin“ gastiert Ende des Jahres im Admiralspalast. FOTO: PROMO
Christoph Biermeiers „Berlin Berlin“ gastiert Ende des Jahres im Admiralspalast. 
FOTO: PROMO
Berlin wäre aber nicht Berlin, wenn hier nur eine Show zu den Roaring Twenties laufen würde. „Berlin Berlin“ von Autor Christoph Biermeier gastiert vom 17. Dezember bis zum 5. Januar im Admiralspalast und zieht dann weiter nach München, Köln, Düsseldorf, Hamburg und Stuttgart. Die Stilikone Marlene Dietrich wird erneut auf die Bühne gebracht, was nicht von ungefähr kommt. Die epochentypische Sehnsucht nach lustvoller Verausgabung, die aufgrund ihrer Unstillbarkeit die bezahlte Lust erforderlich macht, davon erzählt der bekannte Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. 1930 komponiert von Friedrich Hollaender für den Film „Der blaue Engel“. Wenn die Dietrich in ihrer Rolle als Lola Lola singt, „ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts“, ist hier alles enthalten, was die 20er-Jahre ausmacht: das Wegducken in Lust, die Feier des Lebens aus Angst vor dem erinnerten wie sich wiederholenden Untergang und sogar eine Zuspitzung des Kerngedankens der sokratischen Philosophie: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Wem nämlich der Wissensquell versiegt, weil ihn der Irrsinn in der Welt ratlos macht, der entwindet sich allen nutzlosen Denkspiralen und stürzt sich kopflos in die Lust. Gefeiert wird in „Berlin Berlin“ das Leben, das seinen Reiz aus der zumindest angedeuteten Grenzüberschreitung zieht, was dem Motto der Show entspricht: „Es geht doch nichts über einen kleinen Skandal!“ Entsprechend bindet die Show die lasziven wie eruptiven Tänze Swing, Charleston und Lindy Hop mit ein und lässt in szenischer Verquickung die Nackttänzerin Anita Berber, die Comedian Harmonists und Josephine Baker wiederauferstehen. Songs aus der 1928 schräg gegenüber am Schiffbauerdamm uraufgeführten „Dreigroschenoper“ von Brecht und Weill dürfen da natürlich nicht fehlen. In den 20er-Jahren schien alles möglich zu sein, aber die Machtergreifung der Nazis beendete den vulkanischen Freiheitsdrang, was „Berlin Berlin“ ebenfalls thematisiert. Beide Shows erinnern uns daran, dass das Leben voller Möglichkeiten steckt, die verwirklicht werden wollen. Und selbst die Unmöglichkeiten bieten noch jede Menge Chancen.
         

Termine

Admiralspalast
Friedrichstraße 101
Mitte
Tel.: 030/22 50 70 00
www.admiralspalast.theater

Berlin Berlin
17. Dezember - 5. Januar 2020
Wintergarten Varieté
Potsdamer Straße 96
Tiergarten
Tel.: 030/58 84 33
www.wintergarten-berlin.de

Es wird nicht Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger
Ausstellung
Mi.–Sa., 18–23 Uhr, So. 16–21 Uhr
Eintritt frei

20 20 – Die 20er-Jahre-Varieté-Revue
ab 14. Februar 2020
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