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Kulturzeit - Herbst 2019

Staatskapelle Berlin feiert 450-jähriges Bestehen mit Beethoven-Zyklus

Die Staatskapelle Berlin feiert Jubiläum: 2020 blickt sie auf 450 Jahre zurück

Mit der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven startet die Staatskapelle Berlin in die Jubiläumsspielzeit.

Martina Helmig 

„Es gibt ein Bonmot, das besagt: Die Staatskapelle ist eine Abendschönheit“, erzählt Susanne Schergaut, die schon seit 1983 erste Geige in dem Orchester spielt. „Im Konzert sind wir bereit, physisch und psychisch alles zu geben. Ich glaube, das zeichnet uns besonders aus.“ Die Musikerin macht auch die lange Zeit mit Daniel Barenboim dafür verantwortlich, dass alle die Ernsthaftigkeit aufbringen, mit der sie für den Moment auf der Bühne arbeiten. Sehr unterschiedliche Charaktere sind im Orchester versammelt. Das gemeinsame Erleben von einzigartigen, intimen musikalischen Momenten schweißt die Orchestergemeinschaft zusammen.

„Die Musik lebt nur in dem Augenblick, in dem wir spielen. Es ist nicht wiederholbar und eben dadurch so intensiv“, erklärt Solo-Schlagzeuger und -Pauker Dominic Oelze. Die Musiker der Staatskapelle Berlin machen sich gern Gedanken über das Wesen ihres Orchesters und über dessen große Geschichte. 2020 begehen sie das 450. Jubiläum der Staatskapelle, die zu den ältesten Orchestern der Welt gehört. 1570 wurde die Kurbrandenburgische Hofkapelle, auf die die Staatskapelle zurückgeht, erstmals erwähnt. Die ganze Spielzeit hindurch wird das Jubiläum mit Stars wie Elīna Garanča, Pinchas Zukerman, Zubin Mehta, Herbert Blomstedt und Martha Argerich gefeiert. Seit 2015 befasst sich eine interdisziplinäre Symposionreihe mit der Geschichte des Klangkörpers. Von 7. bis 9. Februar findet der fünfte und letzte Teil der Reihe statt.
Am 30. Dezember 1991 gab Daniel Barenboim (u.) sein erstes Konzert als Chefdirigent der Staatskapelle Berlin. FOTO: HOLGER KETTNER (2)
Am 30. Dezember 1991 gab Daniel Barenboim (u.) sein erstes Konzert als Chefdirigent der Staatskapelle Berlin. FOTO: HOLGER KETTNER (2)
„Ein Phänomen ist, dass an diesem Haus die Chefdirigenten immer sehr lange bleiben. Anderswo wechseln sie manchmal schon nach drei oder fünf Jahren, bei uns sind sie oft 20 Jahre oder länger geblieben“, sagt der 1. Solo-Klarinettist Matthias Glander. Das gilt für Richard Strauss wie für Otmar Suitner und auch Daniel Barenboim ist nun schon seit 27 Jahren bei der Staatskapelle. Gastdirigenten wie Michael Gielen, Zubin Mehta und Simon Rattle pflegen oder pflegten ebenfalls langjährige Beziehungen zum Orchester. „Vielleicht ist es die Seele dieses Orchesters und dieses Opernhauses“, meint Glander. „Ich glaube, es ist das einzige Opernhaus der Welt, das seit 275 Jahren – mit Ausnahme von Krieg, napoleonischer Besetzung und der siebenjährigen Sanierung – immer an demselben Standort spielt.“

Das Besondere, das Einzigartige an der Staatskapelle ist ihr Klang, darüber sind sich die Musiker einig. „Er ist sehr intensiv, niemals fad. Ich glaube, ich würde unseren Klang im Radio erkennen“, sagt die 1. Solo-Cellistin Sennu Laine. Die Musiker pflegen den warmen, weichen „deutschen Klang“, der aus der deutsch-österreichischen Musiktradition kommt und mit Komponisten wie Brahms oder Wagner verbunden ist. „Dieser schwere, samtige Ton, der aus unserer Tradition gewachsen ist, bedeutet aber nicht, dass wir Strawinsky und Bartók nicht auch scharf und hart spielen können“, fügt der Klarinettist Matthias Glander hinzu.

Wenn die Streicher der Staatskapelle Wagner spielen, müssen sie mit dem ganzen Gewicht ihres Bogens in die Saiten gehen und ihn nur langsam ziehen, um den Klang zu halten. Für Debussy dagegen fordert Barenboim einen ganz anderen, transparenteren Streicherklang. Dann lässt der Dirigent seine Musiker die Bögen schnell und mit weniger Nachdruck ziehen. Dadurch bleibt nicht so viel von dem Klang, und das schafft die Atmosphäre, die sich der französische Komponist für den Windhauch am Meer vorstellte. Die Klarinettisten und Oboisten verwenden gleichzeitig andere Blätter und Rohre, die einen etwas luftigeren Klang ermöglichen. Die Musiker und ihr Dirigent setzen sich mit vielen Detailfragen auseinander, um einem Musikstück den angemessenen Charakter zu geben. Er ändert sich zum Beispiel sofort, wenn die Musiker Vorschläge und andere kleine Ornamente langsamer oder schneller spielen.

Von einem Dirigenten erwarten die Musiker, dass er die Noten zum Leben erweckt, so wie es sich der Komponist vorgestellt hat. Er muss die Partitur bis ins Detail kennen und dafür kämpfen, dass Klangfarben, Artikulation, Dynamik und Rhythmik exakt herausgearbeitet werden. Dann ist die Arbeit auch für das Orchester erfüllend. „Eine klare und nachvollziehbar begründete Vorstellung von dem, was er hören möchte, und die Fähigkeit, ein Orchester mit konkreten Anweisungen zum gewünschten Klang zu führen, das macht für mich einen guten Dirigenten aus“, findet Solo-Pauker Dominic Oelze.

Für die Geigerin Susanne Schergaut gehört zum Dirigentenberuf Autorität, die sich aus Wissen und Erfahrung speist. „Ein Angsthase kann sich da vorne nicht hinstellen. Da sitzt eine Menge Individualisten und sie haben alle auch eigene Vorstellungen. Wir wollen schon wissen: Da steht jemand mit Gewicht.“ Cellistin Sennu Laine findet bei den Aufführungsserien der Opern den Vergleich zwischen den ersten und letzten Aufführungen besonders interessant: „Manchmal erreichen Dirigenten schon viel bei den Proben, aber ich freue mich besonders, wenn sich die Vorstellungen von der einen zu der anderen immer noch weiter entwickeln können.“ Die Musiker möchten gerade in Repertoirevorstellungen auch überrascht werden. In der Staatskapelle spielt niemand auf Autopilot.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Staatskapelle komplett verjüngt und auch internationalisiert. Bis zum Mauerfall 1989 gab es neben einem Harfenisten aus Ungarn nur ostdeutsche Musiker. Inzwischen spielen Engländer, Franzosen, Finnen, Polen, Russen und Chilenen im Orchester. Seinen spezifischen Klang hat es sich erhalten. Das Rezept wird über die Generationen immer weitergegeben. Es ist das Pfund, mit dem die Staatskapelle auch in den nächsten Jahren – und Jahrhunderten – wuchern will.
         

Termine

Staatsoper Unter den Linden
Unter den Linden 7
Mitte
Tel.: 030/20 35 45 55
www.staatsoper-berlin.de

Konzerte zum Jahreswechsel – Einläuten des Jubiläumsjahrs
31. Dezember + 1. Januar

5. Symposion zur Geschichte der Staatskapelle Berlin
7.–9. Februar

Beethoven-Zyklus im Rahmen der Festtage 2020
4.–12. April
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