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Kulturzeit

Bildgewaltig und hintergründig

Stefan Herheims Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ ist als Zyklus zu sehen

Eine ausgeklügelte Farbdramaturgie und zahlreiche Details mit historischen Bezügen sorgen neben dem musikalischen Genuss für einen Augenschmaus.

Deutsches Historisches Museum
Die Pandemie wirbelte die Chronologie der einzelnen Teile der Neuinszenierung von Richard Wagners Opus magnum durcheinander. So feierte „Die Walküre“ bereits im Herbst 2020 Premiere, während das eigentliche Vorspiel „Rheingold“ erst im Sommer 2021 auf die Bühne kam. Aber wie! Stefan Herheim gelang leichtfüßige und zugleich tiefgründige Inszenierung, voll von Zitaten und Querverweisen. Der Luftsprung des Regisseurs beim Verbeugen war programmatisch und befeuerte die Erwartungen an den Abschluss der Tetralogie. Mitte Oktober feierte mit der „Götterdämmerung“ bereits der offizielle Abschluss des Epos Premiere. Wie Siegfried zum Helden avanciert, zeigt hingegen das gleichnamige Stück erst im November – ab dann ist „Ring“-Zyklus auch dreimal zu erleben, natürlich in der richtigen Reihenfolge. „Es war auch vor der Pandemie gar nicht so ungewöhnlich, dass die einzelnen Teile des „Ringes“ nicht in der von Wagner gedachten Abfolge herauskamen. Dies ist im Regelfall technischen Umständen geschuldet oder der Nichtverfügbarkeit der Solisten, die für ihren Part einen sehr langen Probenvorlauf benötigen“, betont Jörg Königsdorf, Chefdramaturg der Deutschen Oper Berlin. Auch hier am Haus wiederholt sich die umgestellte Chronologie, die bereits bei der Inszenierung des damaligen Intendanten Gustav Rudolf Sellners 1967 die Wagnerianer vor eine kleine Herausforderung stellte.

"Wir haben einen internationalen Anspruch und messen uns mit den Häusern in London oder München."

Jörg Königsdorf, Chefdramaturg der Deutschen Oper Berlin

Die Kunst stiftet ein Gemeinschaftsgefühl

Das „Rheingold“ ist in der Tat der Schlüssel, um Herheims Regiekonzept zu verstehen. Eine Gruppe Heimatloser findet sich zusammen, um über die Arbeit an einem Musiktheater-Projekt zueinander zu finden. „Das Finden gemeinsamer Werte erfolgt über die Kunst“, sagt Königsdorf. „Das ist ein direkter Verweis auf die Wurzeln des europäischen Theaters im antiken Griechenland. Auch dort hat sich eine Gemeinschaft über das Spiel vergewissert, welche Werte sie vertritt.“ Dieses Spiel beginnt mit dem ersten Anschlag der Tasten eines Flügels – das multifunktional eingesetzte Instrument zieht sich als roter Faden durch die Tetralogie. Herheim arbeitet mit Metalepsen, dekonstruiert die Erzählebenen und verweist darauf, dass die Zuschauenden es mit einem Spiel im Spiel zu tun haben: So durchbricht Hagen die vierte Wand, setzt sich mit Maske ins Publikum und schaut seinen Kollegen auf der Bühne zu. Diese wird am Ende der „Götterdämmerung“ leer geräumt. Das Bühnenbild verschwindet, die Technik kommt zum Vorschein. Die letzten Spuren des Abends verschwinden, als der Boden gefegt wird. Dies ist bei einem sechseinhalbstündigen Abend jedoch nicht in erster Linie arbeitsökonomisch gedacht, sondern führt den Spielgedanken der Inszenierung konsequent zu Ende: Der Raum ist frei, um etwas Neues entstehen zu lassen.
Clay Hilley verkörpert im „Ring“ den Siegfried. FOTOS (2): BERND UHLIG
Clay Hilley verkörpert im „Ring“ den Siegfried. FOTOS (2): BERND UHLIG
Neben der ausgeklügelten Regie sind es natürlich die Stimmen der Solisten, die Anlass für Begeisterungsstürme geben. „Wir haben einen internationalen Anspruch und messen uns mit den Häusern in London oder München“, stellt Königsdorf klar. „Es ist eine absolute Seltenheit, dass ein Stück wie „Das Rheingold“ aus dem eigenen Ensemble heraus besetzt werden kann. Es ist für das Haus wie auch die Sänger ein Glücksfall, dass sie hier die Möglichkeit haben, die Partien in Ruhe vorzubereiten, weil es eine große Abteilung für die musikalische Einstudierung gibt. Das ist umso hilfreicher, wenn man die Rolle noch nicht auf der Bühne gesungen hat. Ya-Chung Huang, der Mime im „Rheingold“ singt, wird diese Rolle überall auf der Welt mit Bravour meistern können.“

Mit Clay Hilley als Siegfried und Nina Stemme als Brünnhilde konnte die Deutsche Oper Berlin absolute Weltklasse ans Haus holen. „Für diese Partien gibt es weltweit nur zwei, drei Namen, die man ernsthaft in Betracht ziehen kann“, sagt Königsdorf. Für diesen Musiktheater-Höhepunkt sollten rechtzeitig Karten reserviert werden: Lediglich drei Mal ist der Zyklus in dieser Spielzeit zu erleben und dann erst wieder in der Spielzeit 2023/24. RONALD KLEIN

Termine

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
Charlottenburg
Tel.: 030 – 343 84 343
www.deutscheoperberlin.de

Zyklus „Der Ring des Nibelungen”
9./10.(12./14. November
16./17./19./21. November
4./5./7./9. Januar
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