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Kulturzeit

„Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“

Barrie Kosky startet seine letzte Spielzeit als Intendant der Komischen Oper Berlin an gleich zwei Bühnen mit kongenialen Kurt-Weill/Bertolt-Brecht-Inszenierungen

Jim Mahoney (m., Allan Clayton) und Jenny Hill (r., Nadja Mchantaf) fliehen in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ vor der aufgebrachten Menschenmenge. FOTO: IKO FREESE / DRAMA-BERLIN.DE

Von wegen nomen est omen: Ausgerechnet „Die Dreigroschenoper“ avancierte zum kommerziellen Erfolg, das von Kurt Weill und Bertolt Brecht konzipierte Musiktheaterwerk ging als erfolgreichstes Stück der Weimarer Republik in die Annalen der Bühnengeschichte ein. Ernst Josef Aufricht übernahm 1928 das Theater am Schiffbauerdamm. Brecht bot dem Theaterleiter im Frühjahr ein halb fertiges Manuskript an, das auf Elisabeth Hauptmanns Übersetzung der „Beggar’s Opera“ (1728) von John Gay basierte. Für die Fertigstellung des Bühnenwerks fuhr er mit Kurt Weill an die französische Riviera, um in Ruhe arbeiten zu können. Ernst Josef Aufricht war alles andere als begeistert, als er hörte, dass der Komponist mit im Boot war. Aufricht konnte sich nicht vorstellen, dass Weills Musik ein breites Publikum anspräche. Welch Irrtum! „Ohnehin war schon damals die Auffassung falsch, dass es sich um ein Brecht-Stück handele, bei dem Weill nur’ die Musik beisteuert“, erklärt Barrie Kosky. „Beide arbeiteten sehr eng zusammen und dabei entfernten sie sich von der Hauptmann-Vorlage. Wer aber welche Ideen beisteuerte, lässt sich überhaupt nicht rekonstruieren.“
Barrie Kosky hatte im Gegensatz zu Erich Engel, dem Regisseur der Uraufführung, für seine Neuinszenierung deutlich mehr Zeit, was „der Corona-Pandemie geschuldet war“. Ähnlich wie 1928 entstand hier ein Bühnenfeuerwerk, das zu langem Applaus und zu lange im Vorfeld ausverkauften Vorstellungen führt. „Ich habe mich selbst als Zuschauer oft in der ,Dreigroschenoper’ gelangweilt“, gibt der Regisseur zu. „Zum einen sollten Schauspieler auf der Bühne agieren, keine Opernsänger.“ Das erklärt, warum die Inszenierung nicht an der Komischen Oper entstand, sondern Kosky die Einladung des Berliner-Ensemble-Intendanten Oliver Reese annahm, am Schiffbauerdamm zu inszenieren.

"Die Reduktion auf der Bühne lenkt einen stärkeren Fokus auf den Text."

Barrie Kosky, Regisseur

„Zum anderen sollte man den Text ernst nehmen. Es ist eine großartige Geschichte zwischen Kriminalität, Kapitalismuskritik und einer Lovestory.“ Versucht man eine dieser Säulen aus dem Fokus zu nehmen, funktioniere das Stück nicht mehr. Ein weiterer Aspekt sei der vergebliche Versuch, Bühnenbild oder Kostüme naturalistisch zu gestalten. Dabei sei es egal, ob die Bettler im Stile des 19. Jahrhunderts oder die Prostituierten zeitgenössisch dargestellt werden. Kosky gelingt ein kongenialer Regiekniff: Er verzichtet auf eine großzügige Ausstattung und überträgt die Oper in ein Kammeroperkonzept mit deutlich weniger Darstellern.
Zeitlosigkeit als Anspruch der beiden Inszenierungen

Wenn zu Beginn ein junger Bettler Peachum darum bittet, ihm eine Lizenz und eine Ausstattung zum Betteln auszustellen, so handelt es sich nur um eine Stimme, die aus dem Dunkel am Ende des Zuschauersaals stammt. Das korrespondiert mit dem Text, der deutlich später im Stück erklingt: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht. / Und man sieht nur die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Kosky stellt klar: „Wir müssen diesen verzweifelten jungen Mann auf der Bühne nicht sehen. Wir sehen das Elend jeden Tag auf den Straßen Berlins.“ Es sei obszön, dies im Theater zu reproduzieren – und unnötig. Analog dazu setzt auch das beeindruckende Bühnenbild von Rebecca Ringst viele Assoziationen in Gang: Es erinnert an ein überdimensionales, schwarzes Klettergerüst. Darin bewegen sich die Figuren: Hierarchien wären deutlich, aber ebenso unsichtbare Falltüren. Obwohl es Koskys erste Arbeit mit den Schauspielern des Berliner Ensembles ist, wirkt der Abend wie bei einem eingespielten Team. Nico Holonics brilliert als Mackie Messer fernab der gängigen Klischees als Mischung aus Schwiegermutters Liebling und rücksichtslosem Gangster. Cynthia Micas als Polly begeistert mit ihrer Energie und dem Selbstbewusstsein, das sie ihrer Figur zuschreibt. Constanze Becker gelingt als ihrer Mutter mit kleinen Gesten eine große Wirkung und Tilo Nest als Jonathan Peachum überzeugt als jovialer Unternehmer. „Sie sind einfach großartig“, lobt Kosky seine Schauspieler. Dieses Prädikat lässt sich ebenso auf die Musiker übertragen, die unter der Leitung von Adam Benzwi spielen und sehr eng mit den Bühnenfiguren interagieren. Es ist offensichtlich, dass Barrie Kosky diesen Schwung in die Inszenierung der Weill-Brecht-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mitnahm.

Die Uraufführung 1930 in Leipzig mündete in einem Skandal. Skandal. Das gut situierte Opernpublikum und die nationalsozialistische Provokateure machten es dem Dirigenten Gustav Becher gleichermaßen schwer, den Abend wie geplant zu beenden. Die Fabel des Stücks – in einer neu gegründeten Stadt im Westen der USA darf sich jeder ausleben, der dafür bezahlen kann – wurde als „kommunistische Propaganda“ denunziert. Ähnlich wie bei der „Dreigroschenoper“ geht es Kosky nicht darum, den Text zu illustrieren. „Das verbindet tatsächlich beide Abende. Die Reduktion auf der Bühne lenkt einen stärkeren Fokus auf den Text – völlig zu Recht. Es ist der große Irrtum des deutschen Feuilletons, das glaubt, ich würde mich nur für die Musik Weills interessieren. Das ist Quatsch“, betont der Regisseur. „Das Stück ist eine Parabel. Dass die Handlung in Amerika angesiedelt ist, stellt nur eine Folie dar, ist aber im Prinzip irrelevant.“ Auf der Bühne befinden sich große Spiegel, die den Raum eingrenzen. Die Fluchtmöglichkeiten für die Figuren, die sich permanent selbst in die Augen schauen müssen, sind somit begrenzt. „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, dichtete Brecht. Kosky setzt diesen Aphorismus intelligent und kurzweilig um. RONALD KLEIN

Termine

Berliner Ensemble
Bertolt-Brecht-Platz 1
Mitte
Tel.: 030 – 28 40 81 55
www.berliner-ensemble.de

Die Dreigroschenoper
6./7./8./26./27./28. November
3./4./15./16./31. Dezember
1. + 2. Januar

Komische Oper Berlin
Behrenstraße 55-57
Mitte
Tel.: 030 – 47 99 74 00
www.komische-oper-berlin.de

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
7.+13. November
1. Juli

Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue
Premiere: 10. Juni
12./15./18./21./23./26./29. Juni
2./6./10. Juli
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