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Kulturzeit

Gute Nachrichten zum Jubiläum

Als „Museum für Gegenwart“ feiert der Hamburger Bahnhof gleich mit zwei Sonderausstellungen sein 25-jähriges Bestehen

Siah Armajani schuf 2001 die Installation „Glass Front Porch For Walter Benjamin“. FOTO: THOMAS BRUNS

Humboldt Forum
Die Sammlung der Nationalgalerie umfasst drei Jahrhunderte. Kunst des 19. Jahrhunderts findet sich in der Alten Nationalgalerie und in der Friedrichswerderschen Kirche. Das 20. Jahrhundert in den Museen Berggruen und Scharf-Gerstenberg sowie in der kürzlich sanierten Neuen Nationalgalerie. Und dann wäre da noch die Kunst des 21. Jahrhunderts. Diese wird seit 1996 im Hamburger Bahnhof gezeigt, Berlins „Museum für Gegenwart“, das jährlich mehr als 300.000 Besucher anzieht.

Anders als die anderen Liegenschaften gehört das Gebäude nicht der öffentlichen Hand, sondern einem privaten Investor. Die Wiener CA Immo war beim Bau der Europacity rund um die Heidestraße involviert und plante bis zuletzt, die für die Sammlung Flick genutzten Rieckhallen für den Wohnungsbau abzureißen. Im Vorfeld des 25-jährigen Bestehens des Hamburger Bahnhofs konnte man in den Verhandlungen einen Durchbruch erzielen. Land und CA Immo unterzeichneten Ende September eine Absichtserklärung: Die mit dem Hamburger Bahnhof durch eine vom Künstler Robert Kusmirowski gestaltete Brücke verbundenen Hallen sollen langfristig erhalten bleiben. „Die Rieckhallen sind gerettet“, titelte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Zwei Ausstellungen mit politischem Anspruch

In den Rieckhallen kann das Jubiläum aufgrund der kurzfristigen Rettung allerdings nicht begangen werden. Sie bleiben nach dem Abzug von Friedrich Christian Flicks Sammlung zunächst leer. Die eigentlichen Feierlichkeiten finden nun also im Hauptgebäude statt, das ebenfalls der CA Immo gehört und für dessen Weiterbetrieb nun auch Vertragsverhandlungen stattfinden – wobei bereits alle Parteien signalisiert haben, den Status quo beibehalten zu wollen. Vor diesem Hintergrund starten dort Ende November zwei Sonderausstellungen.
Edgar Arceneauxs „Church For Sale“ stammt aus der Sammlung Haubrok. FOTO: E. ARCENEAUX 
Edgar Arceneauxs „Church For Sale“ stammt aus der Sammlung Haubrok. FOTO: E. ARCENEAUX
 
Nation, Narration, Narcosis: Collecting Entanglements and Embodied Histories“ (28. November bis 3. Juli) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kunst und Politik. Die Arbeiten von mehr als 50 Künstlern hinterfragen Konzepte von Verbundenheit, Solidarität und Individualität – bis hin zur Thematisierung des Spannungsfelds von Nation und Kunst. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit drei südostasiatischen Institutionen konzipiert, die somit auch den räumlichen Schwerpunkt setzen.

Die parallel startende Ausstellung „Church for Sale“ (28. November bis 19. Juni) wird von der Kunsthistorikerin und Leiterin des Hamburger Bahnhofs Gabriele Knapstein kuratiert und in der Historischen Halle gezeigt. Der Titel geht zurück auf eine Werkserie (2013) von Edgar Arceneaux, die sich aus Anzeigentafeln aus Detroit zusammensetzt – einer Stadt, der nach Jahren wirtschaftlichen Zerfalls der Bankrott drohte und in der sogar gemeinschaftsstiftende Kirchenräume zwangsverkauft werden mussten.

„Die Bespielung der Historischen Halle ist immer eine großartige Herausforderung. Für die Ausstellung zum 25-jährigen Bestehen habe ich Arno Brandlhuber eingeladen, eine Architektur für die Ausstellung zu konzipieren“, sagt Knapstein. Das von Brandlhubers Büro b+ entworfene Konzept nimmt unter anderem Bezug auf die Standortunsicherheit. „Sie greift die Baulinie des gültigen Bebauungsplans auf und übersetzt die aus der Flucht resultierende zweidimensionale Linie in eine aus Baustellen-Einhausungsplatten bestehende dreidimensionale Wand, die die Historische Halle von Norden nach Süden in zwei Teile zerschneidet. Damit ergeben sich zwei Ausstellungszonen, eine größere, helle Zone und ein kleinerer, verdunkelter Bereich.“

In beiden Bereichen werden die Arbeiten dieser sehr politischen Ausstellung gezeigt, die sich mit der „Verletzlichkeit der menschlichen Existenz“ auseinandersetzt. „Den Schwerpunkt hatte ich von Anfang an für die Ausstellung im Sinn, denn ich habe die Zeit der Pandemie in mehrfachem Sinne als Krisenzeit erlebt: die Gesundheitskrise, die Bedrohung der westlichen Demokratien durch populistische Politikstile, eine Zunahme von aggressiver Agitation im öffentlichen und digitalen Raum – und dann bezogen auf den Hamburger Bahnhof die lange Zeit ungeklärte Perspektive. Das hat mich veranlasst, nach dem Verständnis von Kunst als politische Tätigkeit zu fragen, wie es der Künstler Bruce Nauman formuliert hat.“

Die Arbeiten stammen aus der Sammlung der Nationalgalerie und der Sammlung Haubrok. „Die Nationalgalerie arbeitet seit 2009 mit dem Sammlerpaar Haubrok zusammen. Diese Zusammenarbeit wird nun fortgesetzt und gestärkt, indem wir für die Ausstellung rund 20 Werke temporär ausleihen, über die ich mich im Gespräch mit Axel Haubrok verständigt habe“, so Knapstein, die die Bedeutung von Allianzen zwischen privaten und öffentlichen Sammlungen betont.

Die Museumsleiterin selbst freut sich besonders darauf, zwei Werke von Emily Jacir aus der Sammlung Haubrok zeigen zu können. „Einer Künstlerin, deren Werdegang ich seit vielen Jahren verfolge“, so Knapstein. MAX MÜLLER

Termine

Hamburger Bahnhof
Invalidenstraße 50–51
Tiergarten
Tel.: 030 – 266 42 42 42
www.smb.museum

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag, 10–18 Uhr, Sonnabend und Sonntag, 11–18 Uhr
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