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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit

Schrill, skurril, sehenswert

Die Varieté-Show „20 20“ verknüpft die Roaring Twenties opulent mit dem Hier und Jetzt

Jazz-Sängerin Yamil Borges. FOTOS (2): CAROLIN SAAGE

Stars in Concert Veranstaltungs GmbH
Der Sternenhimmel über dem Wintergarten funkelt immer noch, wenngleich es nun viele kleine Lichter sind. Er ist eine Hommage an das sensationelle Varieté-Theater der 1920er-Jahre, das sich auf dem Gelände des Hotel Centrals unmittelbar am Bahnhof Friedrichstraße befand. Der 2000 Quadratmeter große, glaspalastartige Gartensaal – der Wintergarten – stellt die spektakulärste Schaubühne für Akrobatik in Deutschland dar. Durch das Glasdach war es möglich, einen Blick auf den Sternenhimmel über Berlin zu werfen. Aber auch heute ist die Stimmung im Haus, das seit 1992 an der Potsdamer Straße residiert, prächtig. Im Saal umrahmen schwere, rote Vorhänge die Tische, auf denen kleine Lampen heimeliges Licht verströmen.

Auf der Bühne stehen Jack Woodhead im schrillen Drag-Queen-Kostüm mit schillernder Kapitänsmütze, mitverantwortlich für die Komposition und Arrangements der Show, und Markus Pabst, international gefeierter Varieté-Visionär. Gemeinsam mit Pierre Caesar zeichnet Pabst für die Regie verantwortlich – und steht als Conférencier in „20 20“ auch selbst auf der Bühne. „Der Abend lebt davon, dass alle immer wieder alles machen“, erklärt er. Das sei der Geist der Zeit: Heute sind Allrounder gefragt. Tanzen und Akrobatik gehöre fast immer dazu, manchmal auch Singen. Für das Publikum bedeutet die Vielfalt, sich berauschen zu lassen. Wie in den 1920er-Jahren ist es möglich, während der Show zu essen und zu trinken. „Ich habe versucht, in ,20 20’ das Lebensgefühl der zwanziger Jahre rüberzubringen. Und zwar von damals wie von heute“, erklärt Pabst seinen Anspruch. Denn die Parallelen seien da.

"Ich habe versucht, das Lebensgefühl der 20er-Jahre rüberzubringen."

Markus Pabst, Regisseur

Pabst erinnert sich noch gut an die eigenartige Atmosphäre bei der letzten Vorführung von „20 20“ – wenige Stunden vor dem ersten Lockdown. Im Publikum herrschte eine „Jetzt erst recht“-Stimmung, ganz ähnlich wie in der Zeit, als vor 100 Jahren die Amüsier-Tempel in Berlin voll waren, während auf der Straße die ersten politischen Unruhen eskalierten. Historisch wollten sie allerdings nie werden, betont Markus Pabst. „Ich habe versucht, Junges hineinzunehmen, trotz des alten Themas Varieté. Wir möchten, dass sich die Leute amüsieren“ und die damalige Zeit mit dem Hier und Jetzt in Beziehung setzen.“
Akrobatik in schwindelerregender Höhe: Thula Moon im Luftreifen.
Akrobatik in schwindelerregender Höhe: Thula Moon im Luftreifen.
Etwas ungewöhnlich erscheint auf den ersten Blick die „Holzklasse“, die aus Sitzreihen direkt vor der Bühne besteht. Die Tickets dafür sind etwas günstiger. Als Reminiszenz an die Varieté-Vielfalt im Berlin der 1920er-Jahre, in der es von der Kaschemme bis zum Luxus-Etablissement alles gab, soll sie Menschen ermutigen, hautnah dabei zu sein, die Stimmung aufzunehmen und weiterzugeben - mittels bestimmter Privilegien. Zwar darf das Ensemble coronabedingt noch nicht das gesamte Haus bespielen, bedauert Pabst, aber sobald das wieder möglich sei, gehe es auch wieder hinunter in die legendären Toilettenräume mit ihrer Geheimtür zu den Garderoben der Künstler – ein besonderer Ausflug durchs Haus, der der Holzklasse vorbehalten ist.

Glitzer und Glamour bei der Ausstattung

Lustvoll und frivol kommt auch das Programm daher. Kostüme und Requisiten erinnern mit viel Glitzer an die 1920er-Jahre, wie es Jeans und T-Shirt für die 2020er-Jahre tun.

Während die Idee zur Show einst ein halbes Jahr heranreifte, dauerten die Proben jetzt nur drei Wochen. Das Team ist eingespielt, spricht sich ab und inspiriert sich gegenseitig. Viele arbeiten schon seit Jahren zusammen. Gemeinsam konzipierten sie den roten Faden durch die Show, passten ihre Nummern an. Jack Woodhead und Markus Pabst modernisierten altbekannte Lieder, komponierten neu und das Ensemble begeistert einmal mehr mit Tanz, Gesang, und atemberaubender Akrobatik. Ob Alessandro Di Sazio am Chinesischen Mast, Girma Tsehai mit seiner originellen wie amüsanten Hutakrobatik, das Duo Sienna als neue Göttinnen der Lüfte, die großartige Stimme von Yamil Borges, Thula Moon im Luftreifen, David Pereira mit ganz neuen Formen der Rasur, die komischen Collins Brothers oder Banbury Cross, die mit Hollywood-Glamour die Burlesque auf die Bühne holt, bis hin zu Dennis Mac Dao und Chris Myland, die auch für die Choreografie des Abends verantwortlich zeichnen. Sie alle machen aus „20 20“ großes Spektakel voller Skurrilität und überbordender Freude.

Diese Mischung sei die Stärke des Varietés, so Markus Pabst, und sie kommt bei dem durchaus anspruchsvollen Berliner Publikum, Jung wie Alt gleichermaßen, gut an: „Wenn sie auch mit ,20 20’ viel Spaß haben und mit dem Gefühl nach Hause gehen, ein bisschen von den Goldenen Zwanzigern erlebt zu haben, fände ich das toll“, lacht Pabst. BARBARA HOPPE

Termine

Wintergarten Varieté Berlin
Potsdamer Straße 96
Tiergarten
Tel.: 030 – 58 84 33
www.wintergarten-berlin.de

20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue
bis 13. Februar
Di.–Sbd., 20 Uhr, So., 18 Uhr
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