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Ausbildung & Studium 2020/2021

Literatur und Technik

An der TU Berlin lehrt der Schriftsteller Thomas Hettche. Und lädt dafür bekannte Autoren in sein Seminar ein

Autor Thomas Hettche lehrt „Emphatische Lektüre“. FOTO: ARNE DEDERT/ DPA

Dagmar Trüpschuch 

Was passiert, wenn Studierende mit berühmten Schriftstellern gemeinsam Literatur lesen und darüber diskutieren? „Sie lernen, sich als ganze Personen mit allen Vorurteilen, Sehnsüchten und Wünschen in einen literarischen Text einzubringen“, sagt der mit mehreren Preisen ausgezeichnete Schriftsteller Thomas Hettche. Seit dem Sommersemester 2018 ist er Honorarprofessor am Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin. Er lehrt am Fachgebiet Literaturwissenschaft. Im Bachelorstudiengang „Kultur und Technik“ ist die Literaturwissenschaft beispielsweise für das Modul „Text und Wissen“ verantwortlich. In dem interdisziplinären Studiengang lernen die Studierenden, Brücken zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu schlagen.

Thomas Hettche, der 2019 mit dem Joseph-Breitbach-Preis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, hat für die Studierenden der TU Berlin das Seminar „Emphatische Lektüre“ konzipiert, das literarische Texte im Kontext mit ihren Leser in den Mittelpunkt rückt. Das Besondere: Das Seminar können auch Studierende der anderen Berliner Universitäten besuchen.
Vivantes
In dem Seminar, das immer im Sommersemester stattfindet, wird jeweils ein literarischer Text behandelt und in einem Workshop mit zeitgenössischen Schriftstellern diskutiert. Im Sommersemester 2018 hatte Hettche dazu die Schriftstellerinnen Felicitas Hoppe, Olga Martynova und die Schriftsteller Ulrich Peltzer und Aris Fioretos eingeladen. Vorlage für Diskussionen mit den Studierenden, zum Beispiel zu der Frage „Welche Geschichten erfinden wir, wenn wir lesen?“, waren die persönlichen Essays der Autoren zu dem 1806 von Heinrich von Kleist verfassten Text „Das Erdbeben in Chili“.

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2018 war Schriftstellerin Felicitas Hoppe Seminargast. FOTO: ELMAR KREMSER / SVEN SIMON/DPA
2018 war Schriftstellerin Felicitas Hoppe Seminargast. FOTO: ELMAR KREMSER / SVEN SIMON/DPA
Im Sommersemester 2019 waren die Schriftsteller Ingo Schulze, Daniel Kehlmann, Jakob Nolte und die Schriftstellerinnen Sibylle Lewitscharoff und Monika Rinck eingeladen, ihre eigene Sicht auf Wilhelm Raabes Geschichte „Zum wilden Mann“ aus dem Jahr 1873 in Form essayistischer oder auch literarischer Texte um- oder weiterzuschreiben und mit den Studierenden darüber zu diskutieren.

Die Essays, die die zeitgenössischen Autoren beisteuern, sind literarisch sehr freie Texte, die zeigen, wie man kreativ mit einem literarischen Text umgehen kann. „Meine Erfahrung ist, dass sich Studierende in der Regel gar nicht trauen, verschiedene eigene Lektüren zuzulassen“, sagt Thomas Hettche. „Aber Literatur ist ja genau dafür da, Unbekanntes ins Eigene zu bringen.“ Dafür gebe es diese Lehrveranstaltung. „Die Studierenden sollen sich trauen, in sich hineinzuhören, wie ein Text sich in ihnen aktualisiert.“

Thomas Hettche knüpft mit dieser Veranstaltungsreihe, die er erst einmal bis 2023 fortführen will, an die Tradition an, die sich an der TU Berlin mit dem Namen des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Walter Höllerer (1922–2003) verbindet, dessen Anliegen es war, eine kreative Verbindung zwischen den Geistes- und den Technikwissenschaften herzustellen. Höllerer sah die Universität als Ort der Geistesgegenwart im „technischen Zeitalter“. „Literatur bewegt sich heute mehr als noch zu Höllerers Zeiten in einem Medienumfeld. Und wenn wir heute Literatur lehren – und das mit Studierenden, die aus einem technischen Umfeld kommen –, geht es natürlich zentral um die Frage, welche besonderen Erkenntnismöglichkeiten die klassischen Erzählformen wie etwa ein Roman im Vergleich etwa zur aufgesplitterten Lektüre der sozialen Medien bietet“, sagt Hettche. Literarische Lektüre und literarische Erkenntnis müssten gelehrt und als Technik beherrscht werden.

„Die Studierenden waren sehr begeistert von der Möglichkeit, mit lebenden Autoren und Autorinnen zu reden, mit Menschen, die das Verfassen von Literatur anders beschreiben können als Wissenschaftler“, sagt Thomas Hettche. „Ich bin sehr davon überzeugt, dass man Deutung von Literatur nicht vorgeben sollte, dass es nicht darauf ankommt, was man aus einem Text hervorholt, sondern dass man die Freiheit haben muss, sich in einem Text zu bewegen.“
 

Studiengang „Kultur und Technik“

Der interdisziplinäre Studiengang wird an der Fakultät Geistes- und Bildungswissenschaften der TU Berlin angeboten. Studienstart des NC-Studiengangs ist jeweils zum Wintersemester. Es wird mit folgenden fünf Schwerpunkten angeboten: Bildungswissenschaft, Philosophie, Kunstwissenschaft, Sprache und Kommunikation sowie Wissenschaft und Technikgeschichte.
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