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EXTRA: Orthopädie

Corona sitzt uns in den Knochen

Die Pandemie belastet Muskeln und Gelenke. Sie sorgt aber auch dafür, dass einige orthopädische Erkrankungen seltener auftreten

Ergonomische Sitzhaltung? Im Homeoffice häufig Fehlanzeige. Das kann Verspannungen verursachen. FOTO: GETTY IMAGES

Mitte März 2020 blieben in den Wartezimmern von Claudio Freimark die meisten Stühle leer. „Viele Patienten sagten ihre Termine ab, weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten“, sagt der Orthopäde mit Niederlassungen in Rudow und Frohnau.

Mit der Zeit kamen die Patienten aber wieder – doch mit anderen Beschwerden als normalerweise. „Gerade im ersten Lockdown, als die Fitnessstudios schlossen, gingen viele Menschen joggen. Bei der ungewohnten Bewegung klagten einige über Gelenkschmerzen oder knickten um“, berichtet Freimark. „Andere litten durch die vermehrte Gartenarbeit unter einem sogenannten Tennisarm, einem schmerzhaft gereizten Ellenbogengelenk. Und dann war da die große Gruppe derer, die plötzlich im Homeoffice arbeitete und unter starken Schulterund Nackenverspannungen litt.“ Der Arzt führt das auf schlechte ergonomische Arbeitsbedingungen sowie psychische Belastungen zurück, die sich durch Verspannungen manifestieren.

"Durch psychische Belastung wird nicht nur die innere, sondern auch die äußere Haltung verändert."

Dr. Tim Abt, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Studien untermauern die Beobachtungen des Berliner Orthopäden. Laut einer Befragung der Pronova BKK aus dem Jahr 2020 fühlten sich 86 Prozent der Arbeitnehmer bereits vor der Pandemie gestresst. Ein Fünftel klagte über anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung. Ähnlich häufig waren Schlafstörungen und innere Anspannung.

Diese Symptome verstärkten sich in der Pandemie, zeigte eine zweite Erhebung der Studienmacher. Acht von zehn Beschäftigten in Deutschland berichteten, dass der Druck im Job gestiegen sei. Die Sorge um den Arbeitsplatz, Angst vor Ansteckung mit dem Virus sowie eine gereizte Stimmung unter Kollegen und vonseiten der Vorgesetzten setzen Arbeitnehmern vermehrt zu.
Die Gründe für den Besuch beim Orthopäden haben sich verändert. FOTO: GETTY IMAGES
Die Gründe für den Besuch beim Orthopäden haben sich verändert. FOTO: GETTY IMAGES
Ein weiteres Problem stellt die Bewegungsarmut dar. Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte im Dezember 2020 eine Studie, laut der die Deutschen zwischen April 2019 und September 2020 durchschnittlich je ein Kilo zugelegt haben. Die rund 23.000 Befragten führen das unter anderem auf weniger Bewegung und veränderte Essgewohnheiten zurück.

Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. sieht darin ein Problem: „Muskulatur baut sich ab, wenn sie nicht laufend trainiert wird“, mahnt Karl-Dieter Heller, AE-Präsident, Professor und Ärztlicher Direktor der Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig. Belegt wird diese Erkenntnis unter anderem durch eine Untersuchung aus Dänemark. So hatte sich bei 32 männlichen Probanden schon nach zwei Wochen vollkommener Inaktivität bereits bis zu einem Drittel der Muskelmasse zurückgebildet.

Bewegung stärkt den Bewegungsapparat

Gut trainierte Muskeln sind aber wichtig, um beispielsweise das Knie zu schützen. Die Muskulatur rund um das größte und komplizierteste Gelenk unseres Körpers fängt Stöße und Gewichteinwirkungen bei alltäglichen Tätigkeiten wie Treppensteigen ab. Außerdem hält und stabilisiert die Muskulatur das Gelenk. Sie verhindert Fehl- und Überbelastungen und kann Stürzen vorbeugen. Zudem nährt Bewegung den Knorpel.

„Die eingeschränkte muskuläre Kontrolle des Kniegelenkes gilt als vergleichbarer Risikofaktor für Arthrose wie ein eine Verletzung instabil gewordenes Gelenk – etwa als Folge von einem Riss des Kapsel-Band-Apparats oder einem Meniskusschaden“, betont Heller. Letztlich begünstige der Bewegungsmangel Arthrose, denn der Muskelabbau im Oberschenkelmuskel stehe oft am Beginn dieser Gelenkabnutzung. Ist sie einmal fortgeschritten, lässt sie sich nur schwer therapieren. Am Ende steht häufig eine Operation, in der dem Patienten ein Ersatzgelenk eingesetzt wird.

Mehrheit der planbaren OPs wurde verschoben

Derartige planbare Operationen für künstliche Knie- oder Hüftgelenke wurden pandemie-bedingt häufig verschoben. Eine deutschlandweite Umfrage der Charité und der Universitätsklinik Bonn zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die Orthopädie und die Unfallchirurgie zeigt, dass aufschiebbare Operationen im Frühjahr 2020 um etwa 70 bis 80 Prozent zurückgingen. Die Krankenhäuser schalteten in den Pandemie-Modus und hielten Betten für Corona-Patienten frei. 30 Prozent der Patienten sagten Eingriffe von sich aus ab und verringerten damit die Anzahl der Eingriffe.

Auch in den Praxen kam dieser Rückgang an. Durchschnittlich knapp 200 Kassenpatienten weniger gingen im zweiten Quartal 2020 zum Orthopäden. Daraus resultiert vermutlich auch die Beobachtung der Barmer Niedersachsen, dass sich in dem Bundesland 2020 weniger Menschen aufgrund von Rückenschmerzen krankschreiben ließen. Möglicherweise haben sie sich nicht in die Praxis getraut, befanden sich in Kurzarbeit oder fürchteten um ihren Job.

„Durch psychische Belastung wird nicht nur die innere, sondern auch die äußere Haltung verändert“, beobachtet Tim Abt aus der Gemeinschaftspraxis für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Physikalische und Rehabilitative Medizin in Lankwitz. „Bei anhaltend hohem Stresslevel durch die Angst vor Jobverlust, finanziellen Einbußen im Erwerbsleben oder Konflikten in der Partnerschaft oder Familie sinkt die Schmerzhemmschwelle.“

Mit der Skisaison fallen die Knochenbrüche aus

Nicht selten entladen sich diese Belastungen bei tränenreichen Gesprächen im Sprechzimmer. „Obwohl wir ja oft als ‚Knochendoktoren‘ tituliert werden, sollten wir als Fachärzte das tun, was wir als Orthopäden und Unfallchirurgen echt können und worauf die Patienten vertrauen: wieder aufrichten“, sagt er.

Diesen persönlichen Kontakt bei psychischer Belastung kann auch die Videosprechstunde nicht ersetzen. Das Gleiche gilt für das Erkennen und die Behandlung verschleppter Verletzungen. „Der Aspekt echter persönlicher Interaktion zwischen Patient und Arzt mit Untersuchung und Therapie ist und bleibt essenzialer zentraler Baustein im Heilungsverlauf“, so Tim Abt.

Trotz aller Herausforderungen, die die Pandemie mit sich bringt, gibt es auch Krankheitsbilder, die der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie seltener antrifft. Die ausgefallene Skisaison zum Beispiel bedeutete deutlich weniger Knochenbrüche. Auch andere riskante Sportarten und damit verbundene Verletzungen sind seltener geworden. „Unfälle auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit kommen fast gar nicht mehr vor“, ergänzt Claudio Freimark.

Eine hohe Nachfrage verzeichnet der Orthopäde nach Rezepten für Physiotherapie. „Die Leute wollen sich bewegen, auch wenn das Fitnessstudio geschlossen ist“, so der Orthopäde. Wer nicht auf einen Platz in einer Physiotherapiepraxis warten möchte, dem empfiehlt Claudio Freimark YouTube-Videos wie das Heim-Workout von Pamela Reif. Die zehn- bis 20-minütigen Videos der Fitness-Influencerin trainieren verschiedene Muskelpartien und führen schnell zum Erfolg. JUDITH JENNER
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