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EXTRA: Orthopädie

Der Schmerz sitzt tief

Auf dem Iliosakralgelenk lastet das Gewicht des Oberkörpers – umso wichtiger ist es, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen

Das Iliosakralgelenk gilt aufgrund seiner Position als anfällig. FOTO: GETTY IMAGES

Rückenleiden gelten als Volkskrankheit Nummer eins. Für viele Fälle von chronischen Rückenleiden ist eine unerkannte degenerative oder entzündliche Erkrankung des Iliosakralgelenks (auch: Kreuz-Darmbein-Gelenk) verantwortlich. Denn das rechts und links gelegene Gelenk am Übergang vom Rücken zum Becken kann im Falle einer Störung oder Blockade für starke Schmerzen mit möglicher Ausstrahlung in die Beine oder Leistenregion sorgen. „Die Zuordnung von Rückenschmerzen zu Lendenwirbelsäule oder Iliosakralgelenk ist schwierig, denn in beiden Fällen ist die Schmerzausstrahlung nahezu identisch“, erklärt Klaus Thierse, Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie und Landesvorsitzender des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) in Berlin. Von einigen speziellen Erkrankungen abgesehen unterscheide sich aber die Behandlung nicht grundlegend, so Thierse.
Oberlinklinik Orthopädische Fachklinik
Das Iliosakralgelenk bildet als Verbindung zwischen Kreuzbein und Darmbein den Übergang von der Wirbelsäule zum Becken und den unteren Extremitäten und ist somit eines der am meisten belasteten Gelenke des gesamten Bewegungsapparats. Bei jedem Schritt und jeder Drehung wird es enormen Druck- und Scherbelastungen ausgesetzt – und ist deshalb besonders anfällig. Aber auch bei akuten Nackenschmerzen kann die Ursache in einer Störung im Iliosakralgelenk liegen. Denn die Wirbelsäule versucht, Druck und Fehlbelastung auszugleichen, was unter Umständen zu Verspannungen am oberen Ende des Rückens führen kann. Bei Leistungssportlern, aber auch bei älteren Menschen, kann es sogar zu Ermüdungsbrüchen des Iliosakralgelenks kommen. Von einem solchen Ermüdungsbruch war etwa die Profi-Tennisspielerin Andrea Petković betroffen.

Neues OP-Verfahren auf dem Prüfstand

„Durch eine Untersuchung sollte so früh wie möglich differenziert werden, wodurch die Schmerzen verursacht werden“, sagt Thierse. Die gute Nachricht: Wer die korrekte Diagnose erhält, hat gute Chancen auf Heilung. Die Behandlung erfolgt bislang überwiegend mit konservativen Therapiemaßnahmen, wie Medikamenten und Physiotherapie.

Seit einigen Jahren gibt es zudem ein neues Operationsverfahren am Iliosakralgelenk, das untersogenannte DIANA-Verfahren. Hier gelangt der Arzt über einen kleinen Schnitt im unteren Bereich der Lendenwirbelsäule an das Iliosakralgelenk. Dem Patienten wird ein Titanimplantat eingesetzt, um die schmerzenden Knochen des Darm- und Kreuzbeins bis zur Einheilung der angelagerten Knochenspäne auf Distanz zu halten. So bleiben die Knochen dauerhaft in der richtigen Position und die Spannung des Beckengürtels nähert sich dem Zustand vor der Erkrankung an. Der chirurgische Zugang erfolgt fernab vom Wirbelkanal und schont somit Muskulatur, Nervenwurzeln und Gefäße. Matthias Pumberger, geschäftsführender Oberarzt für Orthopädie an der Charité, sieht die operative Methode dennoch kritisch: „Bislang fehlt hier der wissenschaftliche Beweis, dass das neue Verfahren erfolgreicher ist als die etablierten Therapieoptionen.“ MALEEN HARTEN

Das Iliosakralgelenk (ISG)

FOTO: GETTY IMAGES
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Das Darmbein (Ilium) bildet den größten Teil des Beckens und erstreckt sich vom tastbaren Darmbeinkamm bis zum Hüftgelenk. Das Kreuzbein (Sacrum) ist die Basis der Wirbelsäule, auf der die gesamte Last lagert. Das Iliosakralgelenk (ISG) befindet sich rechts und links zwischen Kreuzbein und Darmbein. Es wird über straffe Bänder fixiert, hat einen echten Gelenkspalt, lässt aber nur wenig Bewegung zu. Das Gewicht des Oberkörpers wird über das ISG an Becken und damit an Beine und Füße übertragen. Als Folge arthrotischer Veränderungen, schwacher Bänder und Fehlhaltungen kann es zu Schmerzen kommen. Diese machen sich meist beim Sitzen, Laufen und beim Stehen in der Gesäßregion bemerkbar. 
 
 

„Der Fokus sollte auf guter Prävention liegen“

Ein Expertengespräch über die Besonderheiten des Iliosakralgelenks und die Frage: OP – ja oder nein?
Spezialist Dr. Matthias Pumberger von der Charité. FOTO: DR. MATTHIAS PUMBERGER
Spezialist Dr. Matthias Pumberger von der Charité. FOTO: DR. MATTHIAS PUMBERGER
Matthias Pumberger ist Facharzt für Orthopädie und seit 2019 geschäftsführender Oberarzt am Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité. Im Interview erklärt er, warum Beschwerden am Iliosakralgelenk schwer zu diagnostizieren sind und weshalb eine Operation das letzte Mittel sein sollte.

Berliner Morgenpost: Herr Dr. Pumberger, bei Rückenproblemen wird häufig zu einer Operation geraten. In welchen Fällen halten Sie dies für sinnvoll?

Matthias Pumberger: Die Therapie von Rückenbeschwerden, im Speziellen des Iliosakralgelenks, sollte immer zuerst konservative, das heißt nicht-operative, Maßnahmen beinhalten. Ausnahmen bei der Behandlung von degenerativ bedingten Rückenschmerzen sind ausschließlich auftretende neurologische Ausfälle, die ohne einen operativen Eingriff zu einer Verschlechterung der Muskelkraft führen können. Die konservative Therapie ist bei einer Vielzahl von Erkrankungen der Wirbelsäule ausgesprochen Erfolg versprechend. Nichtsdestotrotz sind Operationen in seltenen Fällen notwendig und können eine entsprechende Reduktion der Beschwerden bewirken. Jedoch müssen klinische Ergebnisse zu neuen operativen Verfahren durch Studien belegt werden und sich im Vergleich zu etablierten Therapieoptionen als mindestens gleich wirkungsvoll erweisen.

Worin besteht der Unterschied zwischen einer Störung und einer Blockade im Iliosakralgelenk?

Eine Blockade im Iliosakralgelenk ist ein akutes Geschehen, von dem statistisch betrachtet nahezu jeder Mensch einmal im Leben betroffen ist. In diesem Fall klagen Patienten über einen sehr tief sitzenden Rückenschmerz oberhalb einer oder beider Gesäßhälften. Der Schmerz kann in die Leiste, in die Genitalien oder auch ins Bein ausstrahlen. Sogenannte Störungen im Iliosakralgelenk sind zumeist anlagebedingt oder entwickeln sich durch Verschleiß. Weil Blockaden und Störungen äußerlich nur schwer zu unterscheiden sind, sollten MRT oder CT-Untersuchungen hinzugezogen werden. Im Folgenden kann dann ein individuelles, patientenorientiertes Behandlungskonzept erarbeitet werden.

Können Nackenschmerzen ebenfalls ihre Ursache im Iliosakralgelenk haben?

In der Medizin gibt es nichts, das es nicht gibt. Fundierte Erkenntnisse über einen Zusammenhang von Nackenschmerzen bedingt durch das Iliosakralgelenk liegen aber nicht vor. Es ist jedoch vorstellbar, dass iliosakrale Störungen arthromuskuläre Beschwerden begünstigen können. Diese könnten auch in Nackenschmerzen resultieren.

Was sollten Betroffene im Alltag beachten?

Weil die Behandlung von Beschwerden des Iliosakralgelenks oftmals langfristige konservative Therapiekonzepte benötigt, sollte der Fokus unbedingt auf guter Prävention liegen. Dazu gehören Übungen für einen sogenannten ‚gesunden Rücken‘. Schnelle Linderung erhält man außerdem durch das Wärmen des Beckenbereichs und das Vermeiden von Zugluft, Kälte und einseitigen Bewegungen.

Welche Sportarten empfehlen Sie?

Prinzipiell gibt es keine Sportarten, die das Iliosakralgelenk biomechanisch überbeanspruchen. Jedoch sollten Betroffene in der akuten Phase einer Blockade Sportarten vermeiden, die schnelle Richtungswechsel und ruckartige Bewegungen beinhalten – wie zum Beispiel Fußball, Basketball, Tischtennis und Tennis. Gut geeignet sind dagegen Sportarten mit gleichförmigen und eher sanften Bewegungen, wie Walking, Rücken- oder Kraulschwimmen. Doch auch hier sollte sich das Training langsam aufbauen, begleitet von manualtherapeutischen Maßnahmen. MALEEN HARTEN
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