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EXTRA: Orthopädie

„Immer schön in Bewegung bleiben“

Ulf Marnitz ist Facharzt für Orthopädie am Rückenzentrum in Berlin. Im Interview erklärt er, was bei einem Bandscheibenvorfall zu tun ist und warum Schonen genau das falsche Rezept wäre

Dr. Ulf Marnitz ist Facharzt für Orthopädie am Rückenzentrum Berlin. FOTO: BINH TRUONG

Berliner Morgenpost: Herr Dr. Marnitz, was macht unseren Rücken krank?

Ulf Marnitz: Immer häufiger treten Nackenschmerzen durch Zwangshaltungen vor dem Computer auf. Der Patient streckt den Kopf nach vorne und bekommt so massive Nackenverspannungen. Einen Bandscheibenvorfall provoziert man dadurch übrigens nicht. Dieser ist zu einem großen Anteil erblich bedingt.

Was ist bei einem akuten Bandscheibenvorfall zu tun?

Zunächst sollte man klären: Handelt es sich um einen reinen Rückenschmerz oder um zusätzliche Schmerzen, die bis in den Rücken und die Hände ausstrahlen. Dann kommt es darauf an, ob Lähmungen auftreten oder eine Blasen-Mastdarm-Störung. Ist das alles nicht der Fall, kann man eigentlich ruhig bleiben, denn ein großer Bandscheibenvorfall ist selten. Mit über 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird der Schmerz nach rund vier Wochen wieder verschwunden sein.
Sankt Gertrauden Krankenhaus - Unfallchirurgie und Orthopädie
So ganz ohne Arzt?

Bei großen Schmerzen wird der Arzt nach einer körperlichen Untersuchung ein Schmerzmittel verschreiben. Ansonsten sollten Betroffene immer schön in Bewegung bleiben. Dann geht der Schmerz wieder weg. Schonung wäre hier genau das Falsche. Erst nach Schmerzen, die länger als vier bis sechs Wochen anhalten, und bei erheblichen Schmerzen in den Beinen oder Armen sollte eine weitere Diagnostik erfolgen. Um eine aktivierende Physiotherapie mit anschließendem Sport kommen Patienten aber nicht herum.

Kann eine Operation Abhilfe verschaffen?

Ein Bandscheibenvorfall sollte heute nur noch dann operiert werden, wenn dieser zu ausgeprägten Lähmungen führt.

Haben Sie festgestellt, dass Probleme mit den Bandscheiben seit der Corona-Pandemie häufiger auftreten?

Definitiv, ja. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens wollten Patienten mit Bandscheibenproblemen seit der Corona-Pandemie nicht mehr in die Kliniken gehen, aus Angst sich dort mit dem Virus anzustecken. Dadurch sind Langzeitschäden entstanden, die bei Betroffenen zu Lähmungen im Arm oder Bein geführt haben. Zweitens haben sich wesentlich mehr Patienten in ambulante Behandlung begeben. Im „Sommerloch“ von Juni bis August haben mein Praxisteam und ich letztes Jahr auf Hochtouren gearbeitet. Drittens betrifft die aktuelle Situation eine weitere Gruppe, die sich überhaupt nicht mehr in Behandlung begibt, bis gar nichts mehr geht. Insgesamt hat die Pandemie in der Rückenmedizin zu erheblichen Gesundheitsverschlechterungen geführt.

Was ist der größte Fehler, den jemand bei Bandscheiben-Problemen machen kann?

Die alltäglichen Aktivitäten aufgeben, weil er sich dadurch kaputt schont. Früher hat man Sportarten wie Rückenschwimmen empfohlen. Aber auch andere Sportarten wie Walking, Yoga, Ballsportarten oder der Besuch eines Fitnessstudios sind sinnvoll. Wesentlich ist neben der Muskelkräftigung sowohl die Tiefen- als auch die Oberflächenmuskulatur. Lieber etwas sportlich Falsches machen als gar nichts mehr.

Kam es seit Pandemiebeginn häufiger zu Bandscheibenvorfällen?

Das nicht. Bandscheibenvorfälle sind eigentlich fast immer genetisch bedingt. Die Konsequenzen eines Bandscheibenvorfalls sind allerdings erheblich schlimmer, weil sich die Betroffenen nicht mehr bewegen. Das Hauptproblem in Corona-Zeiten sind myofasziale Erkrankungen. Das betrifft zum einen die langen Rückenstrecker, die über dem Gesäß weh tun und Kreuzschmerzen verursachen. Zum anderen kommt es vermehrt zu Nackenschmerzen und am häufigsten zu Schmerzen zwischen den Schulterblättern. Einige arbeiten zu Hause am Küchentisch, unter dem sie die Knie nicht beugen können, bei anderen ist der Tisch zu niedrig. All das führt zu muskulär-faszialen Verspannungen. NINA SABO

Gut zu wissen: Die Bandscheiben

FOTO: GETTY IMAGES
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Bandscheiben

23 Bandscheiben liegen wie Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern im Rücken und dämpfen jegliche Erschütterungen. Sie bestehen aus einer gallertartigen Masse, die von einer Bindegewebshülle umgeben ist.

Bandscheibenvorfall

Bei einem Bandscheibenvorfall zerreißt die Bindegewebshülle. So kann der Gallertkern der Bandscheibe aus dem Zwischenwirbelraum austreten und auf die Rückenmarksnerven oder Gelenkkapseln der kleinen Wirbelgelenke drücken.

Betroffene Areale

Am häufigsten betroffen sind die letzte und vorletzte Lendenwirbelbandscheibe, seltener die Bandscheiben der unteren Halswirbelsäule.

Symptome

Ein Bandscheibenvorfall äußert sich durch heftige Schmerzen. Hinzu kommen Muskelverspannungen oder Nervenausfälle mit Lähmungserscheinungen. Auch Gefühlsstörungen, die sich durch ein Kribbeln und Taubheitsgefühl äußern, können auftreten.

Vorzeichen

Ein Bandscheibenvorfall kann sich durch gelegentliche Rückenschmerzen ankündigen, die etwa im Sitzen oder beim Heben auftreten. Ein akuter Vorfall hingegen tritt meist plötzlich auf, manchmal sogar im Schlaf oder morgens beim Aufstehen.
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