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Themenwelten Berliner Morgenpost
Pyronale 2019

Feuerwerksdramaturgie beim Berliner Open-Air-Highlight Pyronale

Sechs Meisterteams der Feuerwerkskunst treten bei der 14. Ausgabe der Pyronale auf dem Maifeld neben dem Olympiastadion auf

Jedes der sechs Teams gestaltet eine beeindruckende 15-minütige Feuerwerks-Choreografie. FOTOS: DAVIDS/SVEN DARMER; SVEN LÜDECKE; BRUNO GASPERINI

RONALD KLEIN  

Die Pyronale stellt seit 14 Jahren eines der Open-Air-Highlights in der Hauptstadt dar. Das Publikum besteht am letzten Augustwochenende nicht nur aus Berlinern, zahlreiche Touristen reisen aus der gesamten Bundesrepublik und sogar aus dem Ausland an, um die Weltspitze der Pyrodesigner zu erleben. Das Festival verspricht Qualität und eine perfekte Organisation.

Umso überraschender war es im vergangenen Jahr, dass erstmalig der Pyronale-Termin kurzfristig um sechs Wochen verschoben werden musste. Ursache waren behördliche Auflagen aufgrund erhöhter Waldbrandgefahr. Das wird sich in diesem Jahr nicht wiederholen. Bisher ist deutlich mehr Regen gefallen. Doch allein auf das Wetter wollen sich die Festival-Veranstalter Mario Hempel und Gerhard Kämpfe nicht verlassen. Proaktiv werden sie das Gelände um Olympiastadion und Maifeld ausgiebig bewässern.
             
Die 14. Ausgabe des Festivals hebt sich von den übrigen Ausgaben dahingehend ab, dass die Sieger der vergangenen sechs Jahre gegeneinander antreten. Das Gipfeltreffen der kreativen und innovativen Feuerwerksdesigner findet unter dem Motto „Best of Six“ statt.

Zwei der Siegerteams aus Italien und den Philippinen sind jedoch verhindert. Für sie springen die Titelverteidiger des ersten „Best of Six“, Surex aus Polen, und die Slowenen Hamex ein. Letztere debütieren bei der diesjährigen Pyronale.

„Eine Feuerwerksdramaturgie ist echte Kunst“

Gerhard Kämpfe, künstlerischer Direktor der Pyronale

Jedes der Teams tritt mit einem 15-minütigen Design an. Dieses teilt sich in Plicht und Kür. Der erste Part besteht aus einer Minute Feuerwerk, die gänzlich ohne musikalische Untermalung auskommt, und einem vierminütigen Teil zu der Musik von Steve Last. Der renommierte Filmmusikkomponist und Remixer (unter anderem für Trent Reznor) schrieb auch in diesem Jahr für die Pyronale eine exklusive Hymne: „Jupiter’s Path“. Die Kür gestalten die Teams zu zehn Minuten klassischer Musik.
          
„Die Pyronale ist Rock’n’Roll in der Luft“ Image 1
Die Gesamtchoreografie bewerten eine Fachjury und eine Kreativjury. Deren Mitglieder vergeben die Punkte nicht aus dem Bauch heraus, sondern nutzen ein ausgefeiltes Kriterienraster. Dazu zählen beispielsweise Rhythmus, Synchronität und Farbqualität. „Eine Feuerwerksdramaturgie ist echte Kunst, die mit ästhetischen Kriterien beschrieben werden kann“, betont der künstlerische Direktor der Pyronale, Gerhard Kämpfe. Effekthascherei gehört demzufolge nicht dazu. Heftige akustische Elemente wie laute Knallerei beeindrucken zwar im ersten Augenblick, dem künstlerischen Anspruch genügen sie weder bei der Fach- noch bei der Kreativjury.
          
„Die Pyronale ist Rock’n’Roll in der Luft“ Image 2
Letztere leitet Rudolf Schenker. Der Gitarrist und Gründer der Scorpions ist seit Jahren ausgesprochener Feuerwerksfan, der weltweit bereits entsprechende Festivals besucht hat. Doch keines lasse sich mit Berlin vergleichen. „Die Pyronale ist Rock ’n’ Roll in der Luft“, sagt der Musiker. Auch das Publikum ist stimmberechtigt, es wählt per SMS den Tagessieger.

Das Einbinden der Zuschauer ist Mario Hempel und Gerhard Kämpfe wichtig. Ebenso legen sie Wert darauf, mit den beim Feuerwerk entstehenden Emissionen die Umwelt nicht zu belasten. Moderne Technik senkt den Ausstoß von Feinstaub und Kohlendioxid. Ungleich höher ist die Umweltbelastung durch anreisende Autos, weswegen die Festivalmacher darum bitten, auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen – der Umwelt zuliebe.

Höchstnoten für Himmelsmaler

Die Jury der Pyronale setzt sich aus Fachleuten und einem Kreativ-Team zusammen
Scorpions-Gründer Rudolf Schenker ist Chef der Kreativ-Jury. FOTO: BEATA ZAWRZEL / PA
Scorpions-Gründer Rudolf Schenker ist Chef der Kreativ-Jury. FOTO: BEATA ZAWRZEL / PA
MARTINA HELMIG  

„Die Pyronale ergreift das Herz. Da bekommt man Gänsehaut, weil das Zusammenspiel zwischen Musik und Feuerwerk so perfekt funktioniert“, meint Innensenator Andreas Geisel (SPD). Seit 2017 ist er nicht nur der Schirmherr der Pyronale, sondern auch der Vorsitzende der Jury. „Schön, noch ein Feuerwerk“, dachte er, bevor er die Pyronale zum ersten Mal besuchte. Es gibt immer mehr Feuerwerke in der Stadt. „Das nutzt sich etwas ab. Aber dann habe ich bei der Pyronale gemerkt, dass man mit bestimmten Feuerwerkskörpern und Kombinationen Emotionen wecken kann, die man bei sich selber nicht für möglich gehalten hätte.“

Die Jury setzt sich aus zwei Teilen zusammen. In der Fachjury sitzen sieben Spezialisten: Pyrotechniker, Mitarbeiter der Bundesanstalt für Materialforschung und vom Wissenschaftlichen Forschungsdienst Zürich sowie der Pyronale-Mitbegründer Peter von Löbbecke. Die Kreativjury besteht aus 15 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Darunter sind der Spielbank-Geschäftsführer Gerhard Wilhelm, Morgenpost-Chefredakteurin Christine Richter, RTL-Chefmoderator Arno Müller, Olympiastadion-Geschäftsführer Timo Rohwedder und Medienberater Peter Hauptvogel. Nicht nur die Juroren entscheiden über den Wettbewerbssieg, zu 30 Prozent fließt auch die Meinung des Publikums ein, das per SMS seine Stimme abgeben kann.

Die Fachjury begutachtet schon beim Aufbau, ob alles gut organisiert ist und Ordnung in den Leitungen herrscht. „Die Fachleute beurteilen die Technik, die selbstverständlich stimmen muss. Aber es kommt doch auch auf die Emotionen an, und da kommen wir Laien ins Spiel. Wenn etwas technisch perfekt ist, bedeutet es noch nicht, dass es die Menschen berührt. In der Jurybewertung fließen beide Faktoren zusammen“, erklärt Senator Geisel. Kurz vor der Pyronale trifft sich die Jury, um Neuerungen und Bewertungskriterien durchzugehen. Dazu gehören Kreativität, Vielfalt von Farben und die Effektauswahl, die Synchronisation zur Musik sowie die künstlerische und technische Ausführung. Die geforderten Zeiten und Farben müssen eingehalten werden und die Symmetrie sollte stimmen.

„Meine Vorfreude beginnt schon, wenn ich durch das nächtlich beleuchtete Olympiastadion den Weg auf die Tribüne nehme. Dieser Ort allein hat schon etwas Erhebendes“, sagt der Innensenator. Alle Juroren sitzen gemeinsam auf der Tribüne im Marathontor, von wo man den besten Blick über alles hat. Jeder Juror bekommt einen Bewertungsbogen, auf dem er an den beiden Pyronale-Abenden für jedes der sechs Teams Punkte von 0 bis 8 für den Pflichtteil, die Kür und das Gesamtkonzept vergibt.

„Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich jetzt schon seit einigen Jahren kennt, weil die Jurybesetzung nur in Nuancen wechselt“, erzählt der Juryvorsitzende. Natürlich haben die Juroren der Kreativjury ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Feuerwerk. Während die meisten Mitglieder sich einfach von den Farben und Formen begeistern lassen, setzt zum Beispiel Rudolf Schenker, der Gründer und Gitarrist der Scorpions, Pyrotechnik in seinen weltweiten Konzerten ein. „Er hat den internationalen Vergleich und legt vor allem Wert auf die Frage, welche Rolle die Musik dabei spielt“, sagt Andreas Geisel.

Nach den Feuerwerksshows der internationalen Teams tauschen sich die Juroren über ihre Eindrücke aus. Dann wertet jeder für sich. „Erstaunlich finde ich, dass die Fachleute und die Laien gar nicht so weit auseinanderliegen“, sagt der Juryvorsitzende Geisel.

Die Mannschaften, die bei der Pyronale antreten, liegen qualitativ nah beieinander. „Es sind die Besten der Welt. Sie zeigen Effekte, die man noch nicht gesehen hat, und es steigert sich von Jahr zu Jahr. Fantastisch, mit welchem Ehrgeiz sie an den Wettbewerb herangehen.“

Innensenator Andreas Geisel hat in den beiden Jahren, in denen er Schirmherr und Juryvorsitzender der Pyronale ist, viel über Feuerwerk gelernt. Vor allem, dass es eine Kunstform sein kann. Aber auch, wie viele Vorbereitungen nötig sind, um die künstlerischen Ziele, aber auch den Brandschutz umzusetzen. Der Schutz des benachbarten Waldes ist wichtig. Am Ende überwiegt aber bei Andreas Geisel die Freude am Spektakel: „Die Atmosphäre ist einfach genial. Man merkt, wenn das Publikum ergriffen ist und ein Raunen durch die Menge geht. Die Pyronale ist ein großer Spaß.“
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