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Themenwelten Berliner Morgenpost
Pyronale 2019

Geschichte des Feuerwerks anlässlich der Pyronale Berlin

Von den Ursprüngen im China des Mittelalters über das europäische Barock bis ins Hier und Heute

Der chinesische Kaiser Wu Wang aus der Zhou Dynastie (11. Jahrhundert) unterhält seine Besucher mit entzündetem Schwarzpulver. FOTO: MARY EVANS PICTURE LIBRARY / PICTURE ALLIANCE

MARTIN A. VÖLKER  

Das Feuer spielt im Nachdenken des Menschen über sich selbst und seine Lebenswelt eine große Rolle. Die Welt ist das, das sich ständig umwandelt. Es liegt also nahe, den Urstoff und das Prinzip der Welt im ewig lebendigen Feuer zu erkennen, so bei dem Philosophen Heraklit im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In seiner Geschichte verwandelt sich der Mensch selbst in jene Flamme, mit der alles begann und die vielleicht, blickt man auf die Erderwärmung, alles beendet. „Ja! Ich weiß, woher ich stamme“, so Friedrich Nietzsche in „Die fröhliche Wissenschaft“, „Ungesättigt gleich der Flamme / Glühe und verzehr ich mich. […] Flamme bin ich sicherlich.“
        
Den Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) interessierten die technischen Aspekte des Feuerwerks. FOTO: KEN WELSH / PA
Den Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) interessierten die technischen Aspekte des Feuerwerks. FOTO: KEN WELSH / PA
Pyrotechnischer Exportschlager

Das Feuer fasziniert als Ursprung von allem und als Zeichen der menschlichen Macht und Überheblichkeit. Feuerwerke begeistern den Menschen, weil er etwas hervorbringt, das den Himmel über ihn erleuchtet und ertönen lässt. Feuerwerke sind Zeichen und Botschaften für die alten Götter und zudem audiovisuelle Visitenkarten der neuen menschlichen.

China gilt als Wiege des Feuerwerks, dort ermöglicht durch die Erfindung des Schwarzpulvers im 11. Jahrhundert. Feuerwerke wurden zu einem wichtigen chinesischen Exportgut. Heute stammt mehr als die Hälfte aller vertriebenen Knallkörper aus Liuyang in der südostchinesischen Provinz Hunan. An dem chinesischen Wissen wollten auch die Gelehrten in Europa an der Schwelle zur Aufklärung teilhaben.
            
Der Schriftsteller Julius Bernhard von Rohr (1688–1742) betonte die Notwendigkeit einer Dramaturgie beim Feuerwerk. FOTO: BIFAB / PA
Der Schriftsteller Julius Bernhard von Rohr (1688–1742) betonte die Notwendigkeit einer Dramaturgie beim Feuerwerk. FOTO: BIFAB / PA
Die Frage, ob die Chinesen den Europäern in der Herstellung von Feuerwerk überlegen seien, interessierte den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz und er stellte sie 1689 dem Jesuiten und Chinamissionar Claudio Filippo Grimaldi. Wobei Leibniz insbesondere an der Erzeugung des grünen Feuers interessiert war, das europäische Feuerwerker vergeblich herzustellen versuchten. Grimaldi teilte Leibniz mit, dass die Chinesen zwar erhebliche Kosten für ihre Feuerwerke aufwendeten, Nachbauten ganzer Schlösser und Städte würden sie entzünden, er bestritt jedoch eine viel reichere Kenntnis der Feuerwerke gegenüber den Europäern. Das grüne Feuer sah Grimaldi bei den Chinesen nicht, ebenso wenig Feuerräder, die erst der Jesuit ihnen vorführte.

Feuerwerk als Kunst

Im Italien der Renaissance und der Barockzeit entwickelte sich das Feuerwerk zur Kunstform, die zum festen Bestand der höfischen Kultur wurde, wie man bei dem Kameralisten Julius Bernhard von Rohr in dessen „Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der großen Herren“ (1729 und 1733) nachlesen kann. Zu einem gut eingerichteten Feuerwerk, so von Rohr, gehöre wie bei einer Oper eine „geschickte“ Komposition bzw. Inszenierung sowie die genaue Abstimmung auf den Anlass und das Thema des Feuerwerks: „Es würde also wider die Regeln seyn, wenn man bey Vorstellung einer Liebes-Handlung Donner- und Blitz-Feuer anbringen wolte, die mit vielen Knallen und Rasseln vermischt wären, da hierbey vielmehr stille Wasser-Feuer und Lust-Kegel nöthig sind.“
          
Nach wie vor stammt die Hälfte des weltweit hergestellten Feuerwerks aus der chinesischen Stadt Liuyang. EOTO: FPA ADRIAN BRADSHAW / PICTURE-ALLIANCE
Nach wie vor stammt die Hälfte des weltweit hergestellten Feuerwerks aus der chinesischen Stadt Liuyang. EOTO: FPA ADRIAN BRADSHAW / PICTURE-ALLIANCE
Überliefert sind die Feuerwerke Friedrichs I. von Preußen im Zuge seiner Krönungsfeierlichkeiten im Jahr 1701: In Königsberg wurden Sinnbilder der Tapferkeit und Gerechtigkeit, Götter aus der griechischen Mythologie wie Atlas, Ceres und Neptun, dazu Schriftzüge und einzelne Buchstaben von blauem Feuer umspielt und von Granaten und Raketen begleitet. Beim Einzug in Berlin ließ sich ein Feuerwerk aus 16 kleinen und vier Hauptwerken mit „ungeheurem Getön und Krachen“ an, wie Louis von Malinowsky und Robert von Bonin im zweiten Teil ihrer „Geschichte der brandenburgisch-preußischen Artillerie“ (1841) beschreiben: Feuer „aus 100 Kanonen […] unter dem Schall der Trompeten und Pauken“. Für Julius Bernhard von Rohr war Musik vor, nach und während der Feuerwerke ein wichtiger Bestandteil der Gesamtinszenierung. Nachvollziehbar und hörbar in der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel, komponiert für den Aachener Frieden 1748, in Auftrag gegeben von König Georg II. und mit größtem Aufwand uraufgeführt am 27. April 1749 im Londoner Green Park.

Heute ist das individuelle Silvesterfeuerwerk der „Problembär“ der städtischen Feierkultur. Die Verletzungsgefahr ist nicht gebannt, Tiere in Angst und Schrecken versetzt. Auch in Berlin wird es, wie in anderen Städten im In- und Ausland, böllerfreie Zonen geben.

Es ist wohl an der Zeit, aus dem äußeren Ereignis des Feuerwerks ein inneres Erlebnis zu machen. Bei Jean Paul findet sich der Satz: „Erlebst du das Entzücken des Lebens, so brennt sich vor dir ein Feuerwerk ab auf eckigem vielstämmigen Gerüst, unter Getümmel, Geprassel und Dampf.“ Vom Störfeuer einzelner Knalltüten zum Lichtwunder für alle: Überlassen wir das Feuerwerk den Profis von der Pyronale!
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