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Auszeit

Wir müssen reden

Was gute Gespräche ausmacht – und warum Kommunikation von Angesicht zu Angesicht so wohltuend ist

GRAFIK: TETKOREN / ISTOCK

Stefanie Roloff, Antonia Ostersetzer 

Mittlerweile ersetzt der knappe Schriftverkehr häufig das persönliche Gespräch. Warum wir trotzdem reden müssen:

1. Gespräche schaffen Nähe

Je nach Bedarf stehen heute unterschiedliche Kommunikationskanäle jederzeit zur Verfügung: Aus der Bahn ist eine Verabredung schnell per SMS getroffen, das Wichtigste aus dem Urlaub erfährt die Freundin mittels Sprachnachricht. Und die To-do-Liste lässt sich unkompliziert über die gemeinsam mit dem Partner genutzte Organisations-App erstellen. Reden? Das macht man später, in Ruhe. Theoretisch.
VMG, Vetriebs-Marketing-Geselschaft mbH
Die persönliche Kommunikation erscheint in vielen Situationen geradezu überflüssig und eine konzentrierte Unterhaltung wird zur Ausnahme – selbst mit Familienmitgliedern. Der Austausch findet oft in einer Whatsapp-Gruppe statt, nicht am Abendbrottisch.

"Das Gespräch, das allein uns Freude bereitet, bedeutet tödliche Langeweile für den, der es sich anhören muss."

Giacomo Graf Leopardi, Dichter

Um eine tiefe Bindung aufrechtzuerhalten, oder überhaupt erst Nähe aufzubauen, ist das konzentrierte Gespräch, das Sich-Mitteilen, aber unerlässlich. Manchmal kann sogar das Selbstgespräch Klarheit schaffen und sich sehr befreiend anfühlen. Im Alltagstrubel kann es helfen, bewusst Zeitfenster einzuplanen, die zum Beispiel für einen Spaziergang mit dem Partner reserviert sind. Das schafft Raum für offene Gespräche.

2. Unter vier Augen

Der Wortschatz der deutschen Sprache wird auf bis zu 500.000 Wörter geschätzt, wobei wir in unserer Alltagssprache im Durchschnitt lediglich 400 bis 800 Wörter verwenden. Wenn wir miteinander sprechen, bringen wir aber auch para- und nonverbal Relevantes zum Ausdruck: Im Gespräch nimmt unser Gegenüber nicht nur den Inhalt des Gesagten wahr, sondern auch, wie wir etwas sagen, etwa laut oder leise, und wie wir uns dabei mimisch und gestisch verhalten. Anders als im Schriftverkehr können wir im direkten Austausch intuitiv auch auf nonverbale Signale reagieren. Vielleicht ist sich das Gegenüber gar nicht über seinen Redebedarf im Klaren, bis im passenden Augenblick die richtige Frage gestellt wird. Und keine Angst vor schwierigen Themen: Selbst Streitgespräche können einen positiven Effekt haben und helfen nachweislich sogar bei gesundheitlichen Beschwerden wie Bluthochdruck.
„Die Kunst, gute Gespräche zu führen“ von Ulrike Bartholomäus FOTO: MOSAIK
„Die Kunst, gute Gespräche zu führen“ von Ulrike Bartholomäus 
FOTO: MOSAIK
3. Vertrauen herstellen

Dem Psychologen und Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun zufolge gibt es acht verschiedene Kommunikationsstile, von denen aber bei einer Person auch mehrere anzutreffen sein können. Das macht Unterhaltungen neben anderen Faktoren recht störanfällig. Wenn zum Beispiel zwei Menschen mit mitteilungsfreudig-dramatisierendem Stil aufeinandertreffen, wird jeder versuchen, den anderen zu überbieten – und ein gutes Gespräch wohl nur schwer möglich sein. In ihrem Buch „Die Kunst, gute Gespräche zu führen“ beschreibt die Wissenschaftsjournalistin Ulrike Bartholomäus, wie es besser gelingt. Für sie ist es von zentraler Bedeutung, dass wir unserem Gesprächspartner gegenüber aufmerksam sind, seine Empfindungen wahrnehmen und Empathie zeigen. Der ständige Blick aufs Smartphone stört dabei nur und wirkt wenig wertschätzend. Denn das ist eine weitere wichtige Säule für gute Kommunikation: der gegenseitige Respekt.

4. Small Talk zählt

Small Talk kann eine heikle Angelegenheit sein, die nicht jedem liegt. Denn auch für das Gelingen eines oberflächlichen Alltagsgesprächs ist mehr nötig als der plakative Austausch über das Wetter. Und der Ruf des Small Talks ist zu Unrecht so schlecht. Wir brauchen dieses kurze, meist eher seichte Gespräch, um einander kennenzulernen und zu testen, ob der andere auf unserer Wellenlänge ist. Small-Talk-Knigges raten dazu, über Themen wie aktuelle Ereignisse, Hobbys oder leckeres Essen zu sprechen, nicht aber beispielsweise über Krankheit, Geld oder Religion. Empfinden beide Smalltalker die Unterhaltung als angenehm, ergibt sich bei der nächsten Gelegenheit dann bestenfalls Zeit für eine tiefergehende Fortsetzung.
 
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