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Partituren aus dem Exil

Zwei Hommagen an Komponisten beleuchten das politische Wirken Kurt Weills und das jazzige Potenzial Werner Richard Heymanns

Die BigBand der Deutschen Oper verneigt sich vor Werner Richard Heymann. FOTO: MARCUS LIEBERENZ / BILDBUEHNE.DE

Im März 1933 emigrierte Kurt Weill aus Deutschland nach Paris. Die Nationalsozialisten werteten seine Musik als „geistlos“ und „dekadent“ ab. In einem Brief an seinen Verleger äußerte der Komponist Unverständnis, wie viele Künstler „lethargisch ins Kaffeehaus“ gingen, statt der alten Heimat den Rücken zu kehren und im Ausland neue Netzwerke aufzubauen.

1935 verlässt Weill die französische Hauptstadt und wagt in New York einen Neuanfang. Dort wird aus einem Künstler mit einer politischen Haltung nunmehr ein Komponist, der sich aktiv für den Kampf gegen das nationalsozialistische Regime einsetzt. „Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor unterstützt Kurt Weill mit seinen musikalischen Mitteln die US-amerikanische Mobilisierung und den Krieg gegen Nazi-Deutschland“, sagt der Musik- und Literaturwissenschaftler Jürgen Schebera, der 1990 die Biografie „Kurt Weill: 1900–1950“ herausbrachte.
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Hierzulande ist diese Facette Weills nahezu unbekannt. Schebera konzipierte mit „We Fight Back“ einen multimedialen Konzertabend, der gemeinsam mit Koloratursopranistin Stefanie Wüst und Pianist Reinhard Schmiedel Musik und Hintergründe dieser Schaffensperiode beleuchtet. Weill stellte sich in den Dienst des Office of War Information, das die Kriegspropaganda koordinierte. In diesem Rahmen schrieb Weill unter anderem patriotische Lieder und Rundfunkmusik. Dabei kam es auch zum erneuten Austausch mit einem ehemaligen Weggefährten: dem Dramatiker Bertolt Brecht. „Der Verlauf ihrer Karrieren hätte unterschiedlicher kaum sein können: Weill feiert Erfolge am Broadway und Brecht lebt in Hollywood von Spenden, beispielsweise von Peter Lorre und Fritz Kortner. Er unternimmt Versuche, an die alte Arbeitsbeziehung anzuknüpfen, und schickt Weill einige Anti-Hitler-Gedichte. Dieser erkennt, dass es sich um starke Texte handelt, und vertont umgehend. Gesungen von Lotte Lenya, werden sie über den Kurzwellendienst der Voice of America nach Europa ausgestrahlt. Aber von diesem Austausch per Post abgesehen kam es zu keiner weiteren Zusammenarbeit.“
Reinhard Schmiedel (l.), Stefanie Wüst und Dr. Jürgen Schebera beleuchten in dem kommentierten Konzert das politische Engagement von Kurt Weill. FOTO: PRIVAT
Reinhard Schmiedel (l.), Stefanie Wüst und Dr. Jürgen Schebera beleuchten in dem kommentierten Konzert das politische Engagement von Kurt Weill. FOTO: PRIVAT
Brecht kehrte 1948 nach Deutschland zurück und gründete das Berliner Ensemble. Mit der 1947 uraufgeführten „Street Scene“ avancierte Weill drei Jahre vor seinem Tod zu einem der wichtigsten Vertreter der „American Opera“.

Werner Richard Heymann – ein vielseitiger Komponist

Auch der 1896 geborene Komponist Werner Richard Heymann ging über Paris in die USA. Der ehemalige Generalmusikdirektor der UFA konnte in Hollywood Fuß fassen. Er schrieb die Musik unter anderem zu Ernst-Lubitsch-Erfolgen wie „Ninotschka“ (1939) und „Sein oder Nichtsein“ (1942). Sein OEuvre ist vielfältig. Neben der Filmmusik reicht es von der Operette über Schlager, Chanson, Kabarett bis hin zur Theatermusik. „Jeder kannte damals seine Melodien“, betont Schlagzeuger Rüdiger Ruppert, neben Posaunist Sebastian Krol einer der Gründer der BigBand der Deutschen Oper Berlin. „Aber die wenigsten wussten, wer sie geschrieben hat. ‚Sie kennen meine Lieder, aber sie kennen nicht mich‘, sagte Heymann über sich selbst.“ Sebastian Krol ergänzt: „Richard Heymann hatte die Gabe, Melodien zu komponieren, die sowohl künstlerisch gehaltvoll waren als auch sofort ins Ohr gingen.“

Mit der Hommage „Das gibt’s nur einmal“ klingen die Jüdischen Kulturtage 2020 aus. Die Partituren wurden eigens für das 19-köpfige Ensemble umarrangiert. „So wird das jazzige Potenzial herausgekitzelt“, betont Krol.

Anders als Kurt Weill wollte Werner Richard Heymann in seine alte Heimat zurück. 1957 beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft. Dafür musste er sich einem sogenannten Kulturtest unterziehen, bei dem er ein deutsches Volkslied singen sollte. Er entschied sich für den Schlager „Das gibt’s nur einmal“. Die bayerischen Beamten segneten die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft ab. Sie wussten nicht, dass sie den Komponisten des Hits vor sich hatten. Ronald Klein

Termine

We Fight Back
12. November, 19 Uhr

Jüdisches Gemeindehaus Fasanenstraße
Fasanenstraße 79–80
Charlottenburg
Eintritt frei
Online-Anmeldung:
www.sachsen-anhalt-events.de

Das gibt’s nur einmal – Eine Hommage an Werner Richard Heymann
Die BigBand der Deutschen Oper Berlin
15. November, 19.30 Uhr

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53
Prenzlauer Berg
Tel.: 01806/999 00 07 07
(0,20 EUR/Verbindung aus dt. Festnetz, max. 0,60 EUR/Verbindung aus dt. Mobilfunknetz)
www.juedische-kulturtage.org
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