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Themenwelten Berliner Morgenpost
Weihnachten genießen 2019

Im Dienst - Nicht Alle haben Frei

Lokführer, Ärztin, Rezeptionist: Viele müssen auch zu Weihnachten arbeiten – und gewinnen dem sogar Gutes ab

Hotels wie beispielsweise dieses sind in der Weihnachtszeit meist festlich geschmückt und bieten besondere Programme zu den Feiertagen

Sylvia Chybiak

Die sonst hell erleuchteten Berliner Bürofenster bleiben am Heiligabend dunkel, bis auf ein paar Spätis haben alle Geschäfte geschlossen, in den Fabriken ruhen die Maschinen. Stille Nacht. Im Schein der geschmückten Bäume finden sich Familien zusammen, speisen üppig oder berlinerisch, beschenken einander und lesen die Weihnachtsgeschichte. Sie sind ganz bei sich in einem beseelten Kokon.

Doch die Welt da draußen dreht sich weiter. Auf blanken Schienen rollen die Berliner S-Bahnen, in den Kliniken wollen Patienten versorgt werden und in den Hotels checken letzte Weihnachtsgäste ein. Wer sind die Menschen, die am Heiligabend arbeiten? Wir nennen sie unsere „Weihnachtshelden“, verzichten sie doch auf Zweisamkeit oder Familientreffen unter dem Weihnachtsbaum, auf Festbraten und Besinnlichkeit. Neben Polizei und Feuerwehr sind noch viele andere an den Weihnachtstagen im Dienst. Wir haben mit einigen gesprochen.
„Einsteigen, bitte!”

Lokführer Uwe Eschert (44) wird auch in diesem Jahr seinen S-Bahn-Zug durch die Heilige Nacht steuern. An Feiertagen arbeitet er gern, weil die Leute weniger gestresst sind. „Zu Weihnachten ist alles etwas ruhiger, entschleunigter, langsamer – außer die S-Bahn natürlich.“ Er mag es, durch das geschmückte Berlin zu fahren. An jeder Station nimmt er die Wartenden in den warmen Bauch seiner S-Bahn auf. „Jeder hat irgendeine Weihnachtstüte in der Hand. Ich weiß, dass all die Fahrgäste jetzt ihre Verwandten besuchen“, sagt er. „Oft bekomme ich von den Menschen an diesem Tag ein ganz besonderes Lächeln. Das ist schön.“
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Uwe Eschert stellt einen kleinen Plastikbaum in seinen Führerstand und setzt sich eine rote Mütze auf. „Das kommt bei den S-Bahnkunden immer gut an“, sagt er. Seine Durchsagen macht er stets selbst, weil er das persönlicher findet. „Wenn ich Feierabend mache, wünsche ich allen Fahrgästen natürlich eine frohe Weihnacht.“ Ob Fahrdienstleiter oder Reinigungskräfte – bei der Berliner S-Bahn arbeiten am Heiligabend noch viele andere Helden.  
  
„Der Nächste, bitte!”

Katarina Schreiber (58) ist Bereichsleiterin der Rettungsstelle der Caritas-Klinik Pankow. In mehr als 30 Jahren Tätigkeit im Krankenhaus war sie schon an vielen Weihnachtsabenden im Dienst. „Man kann natürlich nie voraussehen, wie es wird. Aber generell ist es recht ruhig“, sagt sie. Denn das normale Rettungsstellengeschäft findet am Heiligabend nicht statt. „Da kommt niemand, der schon seit Wochen Rückenschmerzen hat und nun mal wissen will, was ihm fehlt.“ Relativ typisch sind allerdings die Verletzungen, die am Vormittag versorgt werden müssen. „Da behandeln wir die Weihnachtsbaumschnitzer und Patienten, die sich in der Küche verbrannt haben. Abends kommen nur Menschen, die wirklich schwer krank sind oder einen Unfall hatten. Selbst die harten Jungs von der Straße bleiben weg.“
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Katarina Schreiber mag die Atmosphäre unter den Kollegen. In jedem Jahr teilt sich das Team in Gruppen auf, wer Weihnachten arbeitet, hat an Silvester frei. „Es gibt in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester immer einen großen Berg Arbeit zu bewältigen. Da muss man sich mit der eigenen Familie schon arrangieren.“ Katarina Schreiber selbst feiert mit ihren Lieben am ersten Weihnachtsfeiertag.

Nicht alle Menschen erleben Heiligabend in glücklicher Gemeinschaft. „Wenn die Einsamkeit drückt, kommen die Älteren zu uns in die Rettungsstelle“, erzählt Katarina Schreiber. „Viele von ihnen kennen wir meist schon als Patienten.“ Hier braucht es besonderes Fingerspitzengefühl. Bis die medizinischen Befunde fertig sind, werden die Patienten mit Tee und Pfefferkuchen sanft in den Flur gesetzt. „Dort können sie viel sehen, sind nicht allein und finden immer einen Ansprechpartner.“ Manche Patienten bedanken sich Tage später persönlich, mit einem Obstkorb oder selbst gebackenem Kuchen. Katarina Schreiber freut sich immer, wenn die Patienten nett bleiben. „Manchmal helfen auch beruhigende Worte, wenn Patienten ungeduldig werden, weil die Gans im Ofen wartet“, sagt sie.

„Willkommen im Louisa’s Place”

Tim Froese (25) ist Empfangsleiter im Hotel „Louisa’s Place“ am Kurfürstendamm. An der Rezeption empfängt er die Weihnachtsgäste. Und das sind nicht wenige, das Hotel ist gut gebucht. „An diesen Tagen herrscht hier eine ganz besondere Stimmung“, sagt er. Die Lobby ist weihnachtlich dekoriert. „Die Gäste sind am Heiligabend extra chic gekleidet. Alle sind entspannt und wollen die Zeit genießen.“

An die aus verschiedenen Städten angereisten Familienmitglieder erinnert sich der Empfangsleiter besonders gut. „Sie haben sich einen Weihnachtsbaum im Hotelzimmer arrangieren lassen, Geschenke daruntergelegt und bei uns Weihnachten wie zu Hause gefeiert.“

Auch um die allein reisenden Gäste wird sich aufmerksam gekümmert, oft suchen sie selbst den Kontakt zur Rezeption. Tim Froese mag es, sich mit Gästen aus aller Welt zu unterhalten. Die sind in diesen Tagen besonders aufgeschlossen.

Möglichst alle Gästewünsche werden erfüllt. Wo bekommt man noch ein letztes fehlendes Weihnachtsgeschenk? Welches Restaurant hat am Heiligabend spontan noch einen großen Tisch frei? „Wir sind auch dieses Jahr wieder bestens vorbereitet“, sagt Tim Froese. „Weihnachten ist eben immer etwas ganz Besonderes.“

Selbstverständlich fahren die S-Bahnen, die Berliner Rettungsstellen, Feuerwehr und Polizei sind rund um die Uhr besetzt und in den Hotels arbeitet zuvorkommendes Personal. Das Außergewöhnliche ist, auch am Heiligabend sein ganzes Können einzusetzen, um Menschen zu befördern, sie zu retten und zu trösten oder einfach für sie da zu sein. Danke an alle Weihnachtshelden.
  
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