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Ausbildung ohne Grenzen

Die Integra GmbH, das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW) und das Bezirksamt Berlin bilden inklusiv aus. Das sind ihre Erfahrungen

Für den „Fachpraktiker im Gebäudeservice“ ist weniger Theorie gefragt. FOTO: INTEGRA

Integra GmbH
Jugendliche mit Behinderung haben es besonders schwer, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden. Und junge Menschen ohne Schulabschluss haben kaum Hoffnung auf einen Beruf mit angemessener Bezahlung. Die Integra richtet sich dennoch genau an diese Zielgruppe. Seit 20 Jahren bildet sie in regulären dualen Ausbildungsberufen junge Leute mit und ohne Behinderung aus: Fachlageristen, Servicefahrer, Glas- und Gebäudereiniger. Schulisch sind diese Ausbildungen anspruchsvoll und für Menschen mit Lernschwierigkeiten wenig geeignet. Daher bildet der Betrieb seit fünf Jahren auch einen theoriereduzierten Beruf dual aus, den „Fachpraktiker im Gebäudeservice“. Diese Ausbildung, die die praktischen Kompetenzen stärkt, können auch Menschen ohne Schulabschluss bewältigen.

Prüfung bestanden

Wie zum Beispiel Linus. Der 23-Jährige hatte Angst vor der Schule, das Lernen war ihm immer schwer gefallen. Nach der 7. Klasse ließ er sich dort gar nicht mehr blicken. Dass er einmal eine Berufsausbildung absolvieren und nach Tarif bezahlt werden könnte, hielten viele für unwahrscheinlich. Nun hat er seine Prüfung zum „Fachpraktiker im Gebäudeservice“ bestanden. Wie so etwas möglich ist?
Für die Ausbildung zum Koch sucht sich der ALBBW Partnerbetriebe in der freien Wirtschaft. Azubis mit Behinderung bekommen so wichtige Praxiserfahrung. FOTO: ANDREAS THIELE
Für die Ausbildung zum Koch sucht sich der ALBBW Partnerbetriebe in der freien Wirtschaft. Azubis mit Behinderung bekommen so wichtige Praxiserfahrung. FOTO: ANDREAS THIELE
„Linus war zwar immer schwach in der Schule, aber körperlich topfit, seine praktische Kompetenz ist sehr hoch“, sagt Karl Bubenheimer, Geschäftsführer der Integra GmbH. „Er bewältigt Aufgaben zuverlässig und selbstständig in hoher Qualität.“ Ebenso wie Dany, ein junger Mann, der nicht nur Probleme mit dem Lernen hat, sondern auch unter epileptischen Anfällen leidet.

„Er weiß, dass ein absolut regelmäßiger Lebenswandel immens wichtig ist, wenn er seine Krankheit im Griff haben will.“ Also hat er sein Leben so strukturiert, dass die Ausbildung machbar ist. Um 21 Uhr abends geht Dany ins Bett, weil er um 5 Uhr schon wieder aufstehen muss. „Dieser Wille, es zu schaffen ist sehr stark“, sagt Bubenheimer, deshalb sei er zuversichtlich, dass Dany die kommende Abschlussprüfung bestehen wird. „Leute wie Linus und Dany werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht.“

Das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW) bildet bereits seit 40 Jahren junge Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen in rund 35 Berufen aus. Eine von ihnen ist Susanne, die seit ihrer Geburt unter einer chronischen Darmerkrankung leidet und auf eine sehr engmaschige medizinische Versorgung angewiesen ist. Zum ALBBW fand sie über die Reha-Abteilung der Bundesagentur für Arbeit. Nach einer dreimonatigen Berufsfindung entschloss sie sich für eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin, die sie als eine der Jahrgangsbesten abschloss. Anschließend fand sie eine Anstellung bei einem großen Architekturbüro.

Auch Sonja kam bereits kurz nach ihrem Abschluss beim ALBBW sehr schnell in eine feste Stelle als Köchin in einem Berliner Hotel mit Viersterne-Küche. Die junge Frau hatte Probleme mit dem Lernen und litt immer wieder unter Depressionen. In das Ausbildungszentrum wollte sie zunächst gar nicht gehen. „Ich hatte Angst, den ‚Behindertenstempel’ aufgedrückt zu bekommen“, sagt sie.

Heute ist sie froh über ihren Werdegang dort. „Die Ausbilderinnen und Ausbilder kümmern sich mehr um jeden einzelnen von uns Auszubildenden und geben uns mehr Zeit und Ruhe.“

Ein Erfolgsrezept des ALBBW ist das Modell der verzahnten Ausbildung. Die Ausbildung läuft in enger Partnerschaft mit Betrieben der freien Wirtschaft. Sonja B. absolvierte einen Teil ihrer Ausbildung in einer Hotelkette. Die Verantwortung für die Ausbildung obliegt jedoch dem ALBBW. „Betriebe schauen also ohne Risiko, ob sie mit einem Menschen mit Behinderung arbeiten können. Die Berufspraxis ist wiederum ein Pfund, mit dem unsere Absolventen wuchern können“, sagt Silke Stark, Sprecherin des ALBBW.

Teil einer Behörde

Azubis mit Behinderungen sind auch beim Bezirksamt Neukölln willkommen. Von den rund 40 Auszubildenden pro Jahr weisen acht bis elf Prozent eine schwere Behinderung auf. „Was möchte ein Bewerber machen? Wo steht er? Was kann er machen? Das sind die Kriterien, nach denen an gestellt wird“, sagt Christian Berg, der Sprecher der Behörde.

Am Ende finden sich Menschen mit Behinderungen in allen Abteilungen. Körperlich Eingeschränkte finden meist einen Platz in der Verwaltung. Sie bekommen Unterstützung in Punkto Mobilität, Technik und Software. Azubi-Stellen gibt es aber auch in der IT, der Gärtnerei oder als Tierpfleger im Streichelzoo. Jugendliche mit Lernschwächen durchlaufen zunächst eine einjährige Einstiegsqualifizierung, die sie auf die Ausbildung vorbereitet. Die Themen reichen vom Vermitteln von Pünktlichkeit bis zur Rechtschreibung.

Kernbestandteil der Ausbildung aller Azubis ist ein Werteworkshop, in dem die Jugendlichen für das Thema sensibilisiert werden. „Denn nicht jede Behinderung ist auf Anhieb erkennbar“, sagt Christian Berg. Kirsten Niemann

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