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Chambels Wunderkammer

Der aus Portugal stammende Künstler erschafft Bilder, Collagen und Objekte. Seine Ideen bezieht er aus Geschichte und Politik

Chambel nennt sich der portugiesische Künstler schlicht. FOTOS: KIRSTEN NIEMANN (2)

Wir stehen zwischen einem halben Dutzend Skulpturen, kleinen wie großen. Zerbrochenen Gefäßen aus Ton oder Porzellan, die der Künstler mit einer Art goldfarbenem Mörtel zusammen geflickt hat. Und dann sehen wir jede Menge Bilder, farbenprächtige Malerei, Zeichnungen und überbordende Collagen. Eine dieser Collagen zeigt einen Abdruck, ein zartes florales Muster, der an die Struktur eines Spitzendeckchens erinnert. „Warten Sie, ich zeige Ihnen die Vorlage“, sagt der Künstler, greift in einen Karton und zieht binnen Sekunden jenes Deckchen hervor. Offensichtlich gibt es eine Ordnung im System all dieser Fundstücke. Aber eigentlich bräuchte er viel mehr Platz. „Ich sammel alles mögliche“, sagt José Fernando Chambel Marques.

Chambel nennt sich der Künstler, ganz schlicht. Ein Name, der sehr gut passt zu diesem charmanten, etwas rundlichen Mann mit den warmen braunen Augen. Wer seine Arbeitsstätte besucht, gewinnt den Eindruck, dass er an keinem Papierkorb vorbeikommt, ohne das eine oder andere Stück einzusammeln. An einem Flohmarkt schon gar nicht. Alte Fahrradreifen, Hocker, Holzklötze, zerbrochenes Geschirr – lässt sich nicht aus allem irgendetwas machen?

Ereignisse als Inspiration

Zeitungsseiten hat Chambel zu Pappmaché-Masken verarbeitet. Die Schlagzeilen sind teilweise noch lesbar. Den Boden einer roten Arbeitshose hat der Künstler auf eine weiße Leinwand gespannt. Ein roter Punkt auf weißer Fläche. Nicht ganz mittig, aber immer noch erkennbar als japanische Flagge. „Hommage an Japan“ heißt diese Arbeit denn auch, die kurz nach dem Reaktorunglück in Fukushima entstanden ist.
Mit einer Zeichnung beginnt es. Am Ende steht zumeist ein farbenfrohes Werk, das der Künstler fantasievoll umsetzt.
Mit einer Zeichnung beginnt es. Am Ende steht zumeist ein farbenfrohes Werk, das der Künstler fantasievoll umsetzt.
Immer wieder holt sich Chambel seine Ideen aus den politischen, gesellschaftlichen und historischen Ereignissen. Willy Brandts Kniefall vor Warschau hat er in eine andere Collage gepackt, „Entschuldigung“ steht in goldfarbener Schrift diagonal über dem wuseligen Bild. Fast übersehbar, klein am Rand: „Man muss diese Welt begriffen haben, um sie zeichnen zu können.“ Ein Objekt, das aus einer verblühten Mohnkapsel und 27 Glühbirnen besteht, lässt sich ebenfalls als Mahnmal lesen. Jimi Hendrix, Jim Morrison, Amy Winehouse – „Sie alle sind mit 27 Jahren gestorben“, sagt der Künstler. An Drogen.

Seit frühester Kindheit fabriziert Chambel Kunst. Als Vierjähriger schnitzte er etwa aus einem Kohlkopf einen „Flintstone“. „Es hat mir immer schon Freude gemacht, den Dingen eine neue Perspektive zu geben“, sagt der heute 55-Jährige.

Doch sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis er sich ihr voll und ganz widmen konnte – und sein Werdegang ist alles andere als normal. Ebenso wie seine Arbeitsstätte im Hinterzimmer des Cafés an der Blissestraße 14 in Wilmersdorf, die er sich mit fünf weiteren Künstlern teilt – kein gewöhnliches Atelier ebenso wie das Café kein gewöhnliches Café ist. „Kunstwerk blisse“ ist ein inklusives Projekt der FSD Lwerk Berlin Brandenburg gGmbH, einem sozialen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieb und Träger einer anerkannten Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Seit 25 Jahren in Berlin

Vorne im Café arbeiten zwischen 7 und 19 Uhr rund 25 Menschen in Voll- oder Teilzeit, die meisten von ihnen leiden unter einem Handicap. Die im hinteren Raum, dem Atelier geschaffenen Kunstwerke sind in wechselnden Ausstellungen im Café zu sehen, wo sie auch zum Verkauf stehen.

In Portugal, wo Chambel geboren und bis zur zehnten Klasse zur Schule gegangen ist, arbeitete er bei der portugiesischen Luftwaffe, in einer Werbeagentur, später bei einem Buchverlag. 1995 kehrte er Lissabon seinen Rücken, um nach Berlin zu ziehen, wo er zunächst in der Gastronomie arbeitete. Er fühlte sich wohl in der wiedervereinigten Hauptstadt. Doch plötzlich lief etwas schief in seinem Leben, er wurde krank. Betäubte sich mit Medikamenten und Drogen, wurde depressiv und landete in der Bonhoeffer-Nervenklinik. Mit Hilfe seiner Kunst fand er wieder zu sich selbst. „Ich bin so froh und dankbar, dass ich hier arbeiten darf und Unterstützung bekomme“, sagt Chambel.

Teil des Kunstbetriebs

Eine seiner größten Bewunderinnen ist Alexandra von Gersdorff-Bultman. Sie leitet die Galerie Art Cru in Berlin Mitte, einer Galerie, die seit 2008 Kunst von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Ausnahmeerfahrungen ausstellt und diese auch über Berlin hinaus bekannt macht. „Chambel war von Anfang an bei uns“, sagt die Galeristin, „ich bin immer wieder begeistert von seiner Kreativität, seiner Fantasie und seinem Talent mit Farben und Materialien umzugehen.“

Die Förderung der Galerie wirkt: Längst ist der Außenseiter Chambel im etablierten Kunstbetrieb angekommen. Seine Arbeiten waren 2019 auf der Art Week Berlin, in der Schau „Positions“ vertreten. Kirsten Niemann

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