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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2020

„Der Preis hat sich bewährt“

LAGeSo-Präsident Franz Allert zu den Chancen von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt

Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSo) FOTO: LAGESO BERLIN

Seit dem 13. März ist das öffentliche Leben in Berlin zum Schutze der Bevölkerung auf ein Minimum reduziert. Entsprechend wurde auch der Dienstbetrieb des LAGeSo auf die notwendigen Funktionen beschränkt. Einer besonderen Herausforderung stellen sich täglich die Fachbereiche des Amtes, die vorrangig mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie befasst sind. Alle Beschäftigten arbeiten mit Hochdruck daran, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und das Angebot stufenweise wieder hochzufahren. Kurz bevor der Publikumsverkehr untersagt wurde, gab Franz Allert das Interview – mit allem gebotenen Abstand.

Berliner Morgenpost: Herr Allert, Sie haben den Inklusionspreis 2003 maßgeblich mit ins Leben gerufen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Franz Allert: Er hieß anfangs Integrationspreis und zu Beginn war noch nicht klar, ob er eine Wirkung haben würde. Mittlerweile geben immer mehr Firmen Menschen mit Schwerbehinderung Arbeit. Die Betriebe haben zudem erkannt, dass es sogar wirtschaftliche Vorteile für sie hat. Wir konnten über die Jahre zum einen rund 50 Betriebe auszeichnen - zum anderen konnten wir anhand von Best-Practice-Beispielen zeigen, wie sich soziales Engagement und wirtschaftlicher Nutzen verbinden lassen. Der Preis hat sich also bewährt und wir haben das Thema Inklusion viel stärker in die Öffentlichkeit gebracht.

"Mobilität ist für Menschen mit Behinderung das A und O"

Elke Breitenbach, Senatorin für Integration

Wie gut gelingt das und wie weit sind wir mit der Inklusion in Berlin?

In den vergangenen Jahren hat das Thema Inklusion mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen ist auf unterschiedlichen Feldern vorangekommen, sei es barrierefreies Bauen, die Schulen und Kindergärten oder auch im Arbeitsleben. Wir sind allerdings noch längst nicht zur inklusiven Gesellschaft geworden. Das zu behaupten hieße, sich das Leben etwas schönzureden. Alle Aktivistinnen und Aktivisten, die auf Missstände hinweisen, sollten damit nicht aufhören.

Die Mehrheit der Berliner Betriebe zahlt lieber eine Ausgleichsabgabe als die Vorgabe umzusetzen, ab 20 Mitarbeitern fünf Prozent der Stellen an Menschen mit Handicap zu vergeben. Wie lässt sich das ändern?

In der Tat kommen etwa nur ein Drittel der Betriebe dieser Vorgabe nach, zwei Drittel nicht. Den Firmen fehlt es an Informationen, welche Regelungen gelten und welche finanziellen Hilfen sie bekommen. Es gibt eine Fülle von Instrumenten zu ihrer Unterstützung, etwa, um einen Arbeitsplatz einzurichten. Gewährt werden können Leistungen für schwerbehinderte Beschäftigte genauso wie für Arbeitgebende, die Unterstützung brauchen. Hinzu kommen Beratung und Betreuung - Aufgaben für die Integrationsfachdienste, deren wertvolle Arbeit wir als LaGeSo finanzieren. Informationen sind auch wichtig, um mit Vorurteilen aufzuräumen.

Welche sind das?

Zum Beispiel, dass Schwerbehinderte Menschen häufiger krank sind, nicht gekündigt werden können oder besonders schwierige Mitarbeiter sind. Letzteres ist im Durchschnitt überhaupt nicht so. Im Gegenteil: Schwerbehinderte Menschen binden sich stärker an den Arbeitgeber und sind hoch engagiert. Um das deutlich zu machen, bietet das Integrationsamt Seminare für Firmen an, für die Verantwortlichen, aber auch für Schwerbehindertenvertretungen.

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern den Arbeitsmarkt. Welche Auswirkungen haben sie auf die Jobs von Menschen mit Behinderung?

Die Themen Demografischer Wandel und Fachkräftemangel sind eng miteinander verknüpft. Die Wirtschaft kann es sich künftig nicht leisten, ein Potenzial an Arbeitskräften brachliegen zu lassen. Deshalb kommen auch Menschen mit Handicap zunehmend in den Fokus der Firmen, sowohl größerer als auch kleinerer.

Und wie wird steht es mit der Digitalisierung?

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und wir müssen darauf achten, dass schwerbehinderte Menschen da mithalten können. Die Veränderungen bieten aber auch Chancen, etwa dass die Arbeit von zu Hause aus leichter möglich wird. Das gilt übrigens auch in Sachen Weiterbildung. Positiv ist zudem der Effekt bei unterstützenden Angeboten. Denn es gibt ja eine ganze Bandbreite von Handicaps, mal ist das Sehen oder Hören betroffen, mal die Psyche. Mit digitalen Instrumenten lassen sich speziell auf die Bedürfnisse zugeschnittene Angebote schaffen. Und das für alle Berufe, für die Ausbildung und für das Studium.

Inklusion ist nur eines der Themen, mit denen das LAGeSo betraut ist. Was gehört noch zu den Kernaufgaben?

Zum Thema Gesundheit zählen aktuell natürlich wichtige Aufgaben in der Coronapandemie. Zu den alltäglichen Arbeitsgebieten gehört es, etwa die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen zu prüfen oder akademische Prüfungen in Gesundheitsfächern zu organisieren. Wir haben die Aufsicht über Apotheken und Medizinprodukte, auch die Heimaufsicht obliegt uns. Dazu gehört beim Sozialen die Anerkennung von Schwerbehinderungen, die eng mit der Beschäftigung zusammenhängt. In Berlin haben rund 600.000 Menschen einen Grad an Behinderung, davon wird sie bei mehr als 400.000 als Schwerbehinderung eingestuft. In Sachen Verbraucherschutz machen wir viel. Ab Herbst werden wir überwachen, ob Produkte mit Öko-Siegel auch ökologisch produziert und vertrieben werden. In den kommenden Jahren kommt zudem die Digitalisierung der Berliner Verwaltung hinzu, die ein langer Prozess werden wird.

Seit 2003 haben Sie mit Unterbrechungen das LAGeSo geleitet. Dieses wird Ihr letztes Jahr im Amt. Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Es ist vor allem wichtig, Empathie gegenüber den Mitarbeitenden zu zeigen, aber sich auch in die wichtigen und vielfältigen Themen einzufühlen. Man muss sich auf neue Dinge einlassen können – dann macht die Arbeit Freude.

Und auf was freuen Sie sich in Ihrer Zeit nach dem LAGeSo?

Meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder rücken dann mehr in den Mittelpunkt. Ich freue mich darauf, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Jörn Käsebier

Hilfsprogramm

Inklusionsbetriebe sind oft besonders hart und zum Teil existenziell von der Corona-Krise betroffen. Damit die Arbeitsplätze der schwerbehinderten Menschen erhalten bleiben können, hat das Land Berlin ein Hilfsprogramm aufgelegt. Es gewährt den Betrieben Zuschüsse, Zuzahlungen bei einer Aufstockung des Kurzarbeitergeldes für betroffene Mitarbeiter, stellt sicher, dass Ausgleichszahlungen weiterhin fließen und dass Mittel bereitstehen, um den Betrieben zinslose Darlehen zu gewähren. Außerdem bekommen die Betriebe Hilfe bei der Finanzierung einer betriebswirtscahftlichen Beratung.
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