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Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigung

Der Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigung ist so vielfältig wie das Spektrum der Behinderungen. Betroffene und Unternehmen müssen lernen, neue Wege in der Ausbildung gehandicapter Schulabgänger zu gehen

Fast alle Berufe stehen Menschen mit Behinderung offen. Zumindest mit entsprechender Ausbildung, wie das Beispiel eines Autisten aus Würzburg zeigt. FOTO: PA / DANIEL KARMANN

Max Müller 

Auf die Frage, welche Branchen für Menschen mit Beeinträchtigung geeignet wären, reagiert Manfred Otto-Albrecht mit Verwunderung. „Das lässt sich pauschal nicht sagen. Die Beeinträchtigungen der Menschen sind extrem unterschiedlich“, so der Leiter des Projektes Unternehmens-Netzwerk Inklusion der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation e. V., das sich zum Ziel gesetzt hat, kleine und mittelständische Firmen bei der Integration von Menschen mit Handicap zu fördern. „Natürlich ist es so, dass ein blinder Mensch kein Pilot werden kann. Dass er im Umkehrschluss jedoch im Callcenter oder als Masseur arbeiten muss, wie es in der Vergangenheit häufig der Fall war, ist auch kein Gesetz“, sagt Otto-Albrecht.

Dass dennoch viele Sehbehinderte eben in diesen Branchen eine Ausbildung absolvieren, empfindet der Experte als bedauerlich. „Schließlich ist der Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigung genauso breit wie das Spektrum der Behinderungen“, so Otto-Albrecht. Das Problem sieht er vor allem in den eingefahrenen Strukturen. Diese gäbe es bei den Menschen mit Handicap wie auch bei den Unternehmen.

Auf der einen Seite stehen die Betroffenen, die am Ende ihrer Schulzeit – ebenso wie Absolventen von Regelschulen – die Entscheidung treffen müssten, was sie mit ihrem künftigen Leben anstellen wollen. Hierbei sind sie vielfach auf die Hilfe von Eltern und Vermittlern, etwa der Agentur für Arbeit, angewiesen. Und genau dort liege nach Otto-Albrecht der Knackpunkt. „Wir nutzen in diesem Kontext gerne den Begriff ‚overprotective‘ “, so der Projektleiter. „Eltern wollen natürlich nur das Beste für ihre Kinder und befürchten, dass sie sich mit einem allzu ungewöhnlichen Berufswunsch übernehmen.“

Mehr Risiko gefragt

Den Vermittlern wiederum würden das nötige Know-how und die Bereitschaft fehlen, neue Wege zu wagen. Stattdessen gingen sie lieber auf Nummer sicher, mit Empfehlungen für Unternehmen, mit denen sie bereits gute Erfahrungen gemacht hätten. Das führe dazu, dass beeinträchtigte Menschen häufig in den ewig gleichen Berufen landeten. „Man braucht Mut, etwas anders zu machen“, konstatiert Otto-Albrecht.

Das gilt genauso für die Unternehmensseite, allen voran für die kleinen und mittelständischen Firmen, die im Fokus des Unternehmens-Netzwerks Inklusion stehen. Von staatlicher Seite gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Ausbildung beeinträchtigter Menschen zu fördern, mitunter übernimmt die Arbeitsagentur sogar alle Kosten. Doch den Firmen fehlt das Wissen um die diversen Fördermöglichkeiten. „Dazu kommen undurchsichtige Verfahren und zu viele Akteure, die involviert sind“, so Otto-Albrecht. Allein aus wirtschaftlichen Gründen könnten viele Unternehmen keine Mitarbeiter freistellen, die sich in die Materie einarbeiten. Über die Ausbildung von Menschen mit Behinderung werde so erst gar nicht nachgedacht.

Für Hoffnung sorgt der aktuelle Fachkräftemangel. Dieser führe laut Otto-Albrecht dazu, dass immer mehr Firmen bereit sind, neue Wege bei der Ausbildung zu gehen. „So kann am Ende ein Hörbehinderter auch zahnmedizinischer Fachangestellter, ein Mensch mit psychischen Problemen Rechtsanwaltsfachangestellter oder eine Sehbehinderte Mediengestalterin für Bild und Ton werden“, sagt Otto-Albrecht. „Alles schon passiert und alle Betroffenen sind gleichermaßen zufrieden.“
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