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Themenwelten Berliner Morgenpost
DEGUT BERLIN 2020

Optimistisch gestimmt

Von der Corona-Pandemie getroffen: ja. Von ihr in den Boden gezwungen: keinesfalls. Deutsche Start-ups und ihre Gründer schauen positiv in die Zukunft – auch wenn es nicht überall rosig aussieht

Mit voller Kraft durch das Krisenjahr: Statt auf Stellenabbau setzen viele Start-ups auf neue Mitarbeiter und die Produktentwicklung. GRAFIK; VISUAL GENERATION / GETTY IMAGES

Ein Start-up durch dieses Krisenjahr navigieren – davon kann Nicolas Hartmann ein Lied singen. „Das waren wilde Zeiten“, erzählt der Mitgründer des Food-Start-ups Vly. Hartmann meint die Wochen im September nach der Ausstrahlung der beliebten Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“, in der er mit seinen beiden Partnern Niklas Kattner und Moritz Braunwarth ihr gemeinsames, auf Erbsenprotein basierendes Milchersatzprodukt vorgestellt hat. „Als die Sendung aufgenommen wurde, war unsere ‚Milch‘ in 25 Edeka-Märkten in Berlin erhältlich. Mittlerweile sind es knapp 6000 Supermärkte und Drogerien in ganz Deutschland“, sagt Hartmann sichtlich stolz. Bis heute wurden mehr als 500.000 Liter des kalorienarmen und nährstoffreichen Milchersatzprodukts verkauft. Der Umsatz ist bereits jetzt siebenstellig. Mit dem Ergebnis gehört Vly zu den Berliner Start-ups des Jahres 2020, die der Corona-Krise trotzen und sich erfolgreich am Markt behaupten können.

Die Flexibilität vieler Start-ups zahlt sich in der Krise aus

Das trifft längst nicht auf alle Start-ups zu, wie der kürzlich veröffentlichte Deutsche Startup Monitor (DSM) zeigt, der gut 2000 Neuunternehmen mit annähernd 5000 Gründerinnen und Gründern und mehr als 25.000 Mitarbeitern repräsentiert. Danach plagt die weltweite Pandemie 75 Prozent aller deutschen Start-ups, sei es auf dem Land oder in den Start-up-Hotspots Berlin und München. „Die DSM-Start-ups bleiben jedoch trotz Krise optimistisch und beurteilen die aktuelle und zukünftige Geschäftslage wesentlich positiver als die deutsche Wirtschaft insgesamt“, heißt es in dem Bericht. Das wiederum bedeutet: Auf Stellenabbau wird zumeist verzichtet, tatsächlich planen viele Start-ups selbst im Krisenjahr 2020 weitere Stellen zu schaffen. Viele Start-ups waren dennoch gezwungen, auf die Krise zu reagieren. Laut DSM-Bericht fokussieren sich zahlreiche Start-ups aktuell auf die Produktentwicklungen. Investitionen hingegen werden häufig aufgeschoben.

"Aus unserer Sicht ist kein Rückgang von Neugründungen zu verzeichnen. Einige sehen ja auch gerade jetzt Chancen, andere wurden und werden noch gezwungenermaßen ausgebremst"

Sprecher der IHK Berlin

Trotz des erfolgreichen Markteintritts musste sich auch Vly an die neuen Bedingungen anpassen. „Nach zwei Jahren Forschung haben wir Ende Januar dieses Jahres unsere Milchalternative auf den Markt gebracht. Vor allem in der Anfangszeit haben wir in verschiedenen Edekas Verkostungen durchgeführt, weil es einfacher ist, den Menschen zu zeigen, was wir anbieten. Allein, weil sich unter Erbsenprotein niemand einen konkreten Geschmack vorstellen kann“, erklärt Co-Founder Nicolas Hartmann. Als das aufgrund des Lockdowns nicht mehr möglich war, fokussierte sich das Team auf den Onlinevertrieb und den Versand unter anderem von Probierpaketen über das Internet. Überhaupt hat sich in der Branche die Kommunikation nachhaltig verändert: weg vom realen hin zu(m) virtuellen Treffen und Austausch. „Der Kontakt zu den Supermärkten und Drogerien war anfangs nicht leicht herzustellen, weil deren Bemühungen im März und April vor allem dahin gehend fokussiert waren, altbekannte Produkte wie Mehl oder Toilettenpapier zu ordern“, sagt Hartmann rückblickend. „Später allerdings sind wir auf offene Ohren gestoßen“, so der Gründer.
 
Nicolas Hartmann und seine beiden Partner brachten ihr Produkt Anfang des Jahres auf den Markt. FOTO: TANITH SCHMELZEISEN
Nicolas Hartmann und seine beiden Partner brachten ihr Produkt Anfang des Jahres auf den Markt. FOTO: TANITH SCHMELZEISEN
Dass sich die Kommunikation zwischen Start-up, Investoren, Kunden und Partnern in den virtuellen Raum verlegt hat, kann auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) bestätigen. „Meetups, Pitch Events und Messen finden vor allem online statt. Auch die Investoren sind online unterwegs“, sagt ein IHK-Sprecher aus Berlin.

Bei der IHK Berlin beobachtet man aktuell keinen Einbruch des Gründungsmarktes. „Aus unserer Sicht ist kein Rückgang von Neugründungen zu verzeichnen. Einige sehen ja auch gerade jetzt Chancen, andere wurden und werden noch gezwungenermaßen ausgebremst, da Finanzierungsrunden geplatzt sind oder verschoben wurden“, so der IHK-Sprecher. Und auch die grundsätzlichen Fragen bezüglich Unternehmensgründungen haben sich nicht verändert. „Es kommen kaum coronaspezifische Fragen. Themen, bei denen nachgefragt wird, sind zum Beispiel die Wahl der Rechtsform, wie die Gewerbeanmeldung oder die Finanzierung klappt und wie man Zuschüsse beantragt.“

Natürlich gibt es aber auch Verlierer unter den Start-ups. Das sind vor allem die Unternehmen, die auf den Reisemarkt oder auf die Kultur- und Veranstaltungsbranche gesetzt haben. Mit knapp 92 bzw. 86 Prozent klagen überproportional viele Start-ups aus diesen Bereichen über Beeinträchtigungen. Am resistentesten gegenüber dem Virus zeigten sich Start-ups aus den Bereichen Online-Netzwerke, E-Commerce sowie Online-Plattformen.

Die Einreise ausländischer Mitarbeiter ist erschwert

Manche der Unternehmen haben allerdings Probleme mit neuen ausländischen Mitarbeitern, die in Start-ups naturgemäß zahlreich vertreten sind und coronabedingt nicht nach Deutschland einreisen können. „Die Lage ist hier sehr uneinheitlich“, sagt der Sprecher der IHK Berlin. „Es kommt auf den jeweiligen Staat und die deutsche Auslandsvertretung an. Die potenziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können im Grundsatz nur dann einreisen, wenn ihre Einreise zwingend notwendig ist. Das ist bei ausländischen Fachkräften und hochqualifizierten Arbeitnehmern der Fall, deren Beschäftigung aus wirtschaftlicher Sicht notwendig ist und deren Arbeit nicht aufgeschoben oder im Ausland ausgeführt werden kann.“

Diesem Problem muss man sich bei Vly derzeit nicht stellen. Dort ist das Team nach dem guten Markteintritt aktuell dabei, die Produktpalette zu erweitern. „Wir hoffen, künftig die Standard-‚ Milch‘ in Deutschlands Kühlschrank zu werden“, sagt Nicolas Hartmann. Überzeugen soll als Nächstes ein Schokodrink, der gerade in der Entwicklungsphase steckt. Bevor der in den Handel kommt, holt das Gründer-Trio das Feedback potenzieller Kunden ein, die den Prototyp vor Ort probieren können. Also ganz analog, so als hätte es die Corona-Krise nie gegeben. Max Müller
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