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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2020

Preiswürdige Beispiele

Das Engagement für Inklusion ehrt das Land Berlin jedes Jahr beim Inklusionspreis. Im vergangenen Jahr gewann im Mittelstand der Betrieb Grieneisen Bestattungen

Fröhliche Mienen beim Bestatter Grieneisen nach der Preisverleihung 2019. FOTO: GRIENEISEN

Die Grieneisen Bestattungen feiert in diesem Jahr ihr 190-jähriges Bestehen. Dass das Traditionsunternehmen immer wieder Menschen mit Behinderungen einstellt, ist fester Bestandteil der Firmengeschichte. „Wir haben immer schon Menschen mit Behinderung angestellt. Wir sehen uns in der sozialen Verantwortung“, sagt Gerhard Bajzek, Berliner Regionaldirektor.

Von den derzeit knapp 170 Mitarbeitern haben 28 eine schwere Behinderung. Diese Quote von zwölf Prozent liegt somit weit über den gesetzlichen Vorgaben – das ein Grund, weshalb das Unternehmen vergangenes Jahr in der Kategorie Mittelständische Unternehmen mit dem Berliner Inklusionspreis ausgezeichnet wurde.

Beschäftigte mit Handicap finden sich in allen Betätigungsfeldern – vom Fuhrpark bis zum Empfang. „Manche sind körperlich beeinträchtigt, andere mental oder geistig. Oft sieht man ihnen die Einschränkung gar nicht an“, sagt Gerhard Bajzek.

Über eine langjährige Kooperation mit der gemeinnützigen Union Sozialer Einrichtungen (USE), einer Tochter des Unionhilfswerks, kommen immer wieder interessierte Praktikanten, die hier einen Einstieg ins Berufsleben finden können. Von den 25 Gewerken, in denen das USE ausbildet, kann der Bestatter 15 einsetzen – darunter Trauerdruck, Sargfertigstellung, Verwaltung und Fuhrpark.

Mit den Bewerbern ist der Betrieb sehr zufrieden. „Wir sind überzeugt und können immer wieder betonen, wie gut die Inklusion der Mitarbeiter klappt“, sagt Bajzek. „Die meisten wollen sich im Beruf beweisen, ihr Wille ist sehr stark. Das ist toll!“ Kirsten Niemann

Nichts ist normal

Repro- und Werbezentrum
Alltag im Betrieb: Karin Meyer, Petra Wachholz, Marcel Guttzeit und Tanja Schröder (v. l.). FOTO: REPRO- & WERBEZENTRUM
Alltag im Betrieb: Karin Meyer, Petra Wachholz, Marcel Guttzeit und Tanja Schröder (v. l.). FOTO: REPRO- & WERBEZENTRUM
Als Karin Meyer hörte, dass ihr Betrieb den Inklusionspreis für „Kleinunternehmen“ gewonnen hat, war die Freude groß. „Es ist schön, wenn die Arbeit gewürdigt wird – und das Preisgeld von 10.000 Euro können wir gut gebrauchen“, sagt sie. „Aber warum muss man so etwas auszeichnen? Es sollte normal sein.“ Normal ist beim Repro- und Werbezentrum Prenzlauer Berg, dass von zehn Mitarbeitern fünf mit einer Behinderung leben. „Aber dass das Inklusion heißt, was wir hier machen, war mir lange nicht bewusst.“

Karin Meyer ist es gewohnt, das Potenzial von Menschen mit Behinderungen auszuschöpfen. Bis 1992 leitete sie die „Lichtpauserei“ des Wohnungsbaukombinats Berlin. In ihrer Abteilung arbeiteten einige „schwierige Fälle“. „Arbeitslosigkeit gab es ja nicht in der DDR.“ Nach der Wende gründete sie ein eigenes Unternehmen. Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderungen eine Arbeit zu geben war ihr ein besonderes Anliegen.

Manchmal erfordert es Feingefühl, das Potenzial des Einzelnen zu erkennen. Etwa beim Autisten Marcel Guttzeit. „Wir wussten erst nicht, was das war – ein Autist“, sagt Meyer. Zunächst richtete sie dem schüchternen Mann einen Nischenarbeitsplatz ein. Seine Aufgaben erhält er immer schon einen Tag vorher, damit er sich vorbereiten kann. „Heute ist er einer unserer Besten und sehr aufgeschlossen – wir möchten ihn nicht mehr missen!“ Kirsten Niemann

Konzernweit umgesetzt

Vivantes-Kliniken
Christa Zwilling nahm den Inklusionspreis für die Vivantes-Kliniken in Empfang. FOTO: LAGESO BERLIN / SANDRA RITSCHEL
Christa Zwilling nahm den Inklusionspreis für die Vivantes-Kliniken in Empfang. FOTO: LAGESO BERLIN / SANDRA RITSCHEL
Von rund 16.600 Mitarbeitern der Vivantes-Kliniken sind rund 1.400 Menschen mit Schwerbehinderung. Das entspricht einer Beschäftigungsquote von 8,4 Prozent. „Ihnen gute Chancen im Arbeits- und Berufsleben zu geben, ist uns eine besondere Verpflichtung“, sagt Christa Zwilling von der Schwerbehindertenvertretung. Dafür ist der Klinik-Konzern vergangenes Jahr mit dem Berliner Inklusionspreis der Kategorie „Großunternehmen“ ausgezeichnet worden.

Lösungen finden

Stehhilfen, höhenverstellbare Schreibtische, ergonomische Stühle und Tastaturen, Fußstützen und Hebeeinrichtungen, arbeitsbezogene Assistenzen und viele andere Maßnahmen ermöglichen Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben. „Wir sehen nicht die Behinderung eines Menschen, sondern seine Einschränkung und was er arbeiten kann“, so Zwilling. Das betreffe nahezu alle Bereiche des Unternehmens. Als ein Beispiel nennt sie eine unheilbar erkrankte Ärztin, die trotz Einschränkung eine fünfjährige Weiterbildung zur Fachärztin machen kann. Oder die Geschichte vom Krankenpfleger, der nach einem Motorradunfall gelähmt ist und über das betriebliche Eingliederungsmanagement eine passende Umschulung und damit eine andere Arbeit im Unternehmen gefunden hat.

„Schwerbehinderte MitarbeiterInnen tragen ebenso wie alle anderen zum Erfolg unseres Unternehmens bei und verdienen die gleiche Wertschätzung und Unterstützung“, sagt Eibo Krahmer, Geschäftsführer Finanzmanagement, Infrastruktur und Digitalisierung. Und das möchten die Vivantes-Kliniken auch in Zukunft so halten. Kirsten Niemann
 
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